Agrar- und Ernährungswende Allgemein

Klimakonferenz: Ernährungswende könnte versäumten Klimaschutz ausgleichen

Aktuelle Studien zeigen, dass die bisherigen Klimaschutzmaßnahmen nicht ausreichen werden. Deswegen müssen alle Möglichkeiten zur Reduzierung von Treibhausgasen genutzt werden. Dazu gehören auch Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie, denn diese sind für etwa ein Drittel (1) aller Treibhausgasemissionen weltweit verantwortlich. Insbesondere die Fleischindustrie gilt als einer der Hauptantreiber der Klimakrise. Menschen für Tierrechte ruft anlässlich der Klimakonferenz dazu auf, jetzt endlich konkrete Maßnehmen für die dringend notwendige Agrar- und Ernährungswende einzuleiten.

Vom 6. bis 18. November findet im ägyptischen Sharm el-Sheikh die 27. Klimakonferenz der Vereinten Nationen COP27 statt. Im Vorfeld wurden mehrere Berichte und Studien veröffentlicht, die deutlich aufzeigen, dass die bisherigen Klimaschutzpläne nicht ausreichen, um den Temperaturanstieg auf 1,5 Grad zu begrenzen. Nach dem „Emission Gap Report“ der Vereinten Nationen wird die globale Durchschnittstemperatur bis Ende des Jahrhunderts um 2,8 Grad ansteigen, wenn sich alle 194 Vertragsstaaten an ihre Pläne halten. Die Pläne reichen also bei weitem nicht aus. Um den im Abkommen von Paris vereinbarten Temperaturanstieg auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, ist nach dem Bericht eine Halbierung der weltweiten Emissionen bis 2030 nötig. Stattdessen meldet die Internationalen Energieagentur IEA, dass der Ausstoß von Klimagasen im vergangenen Jahr um 6 Prozent auf rund 36,3 Milliarden Tonnen angestiegen ist. Dies war der höchste jemals gemessene Anstieg binnen eines Jahres.

Konzerne fordern Aktionsplan für regenerative Landwirtschaft
Zusätzlich zu den UN-Berichten beschäftigen sich diverse Studien mit Maßnahmen gegen die Klimakrise. Da Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie für etwa ein Drittel aller Treibhausgasemissionen weltweit verantwortlich sind, setzen viele Studien hier an. Insbesondere die Fleischindustrie gilt als einer der Hauptantreiber der Klimakrise. Ein aktueller Bericht stammt von der Arbeitsgruppe der Sustainable Markets Initiative (SMI). Dieses von König Charles III. gegründete Netzwerk, dem auch Lebensmittelkonzerne, Handelsketten und Agrarunternehmen wie Mars, McDonald’s und Bayer angehören, fordert einen Aktionsplan zur weltweiten Ausweitung der regenerativen Landwirtschaft. Bislang werden nur 15 Prozent regenerativ bewirtschaftet. Um die Klimaziele noch zu erreichen und die biologische Vielfalt zu sichern, müssten bis 2030 jedoch 40 Prozent der weltweiten Anbauflächen regenerativ bewirtschaftet werden.

Fleischverzicht bringt mehr als Schließung aller Kohlekraftwerke
Eine Studie der Universität Cambridge hat das Potenzial eines fleischfreien Freitags untersucht und die Rolle, die Papst Franziskus dabei spielen könnte. Das Ergebnis: Wenn auch nur eine Minderheit der Katholiken freitags auf Fleisch verzichten würden, könnte das den CO2-Ausstoß erheblich reduzieren. Forscher aus Kalifornien hatten bereits im Frühjahr ausgerechnet, dass wir die Hälfte der Klimaschutzzusagen des Paris-Abkommens erreichen könnten, wenn die Menschen innerhalb der nächsten 15 Jahre aufhören würden, Fleisch, Milch und Käse zu essen. Mit dieser Ernährungsumstellung würde nicht nur weniger Methan aus der Rinderhaltung und Lachgas bei der Futtermittelproduktion entstehen, es würden auch viele landwirtschaftliche Flächen freiwerden, auf denen Moore oder Wälder entstehen könnten. Der Komplettverzicht auf Fleisch würde, nach Einschätzung von Sabine Klatt vom Umweltbundesamt, mehr bringen als die Schließung aller Kohlekraftwerke auf der Welt.

Pflanzenfleisch schlägt E-Auto
Auch die im Juli 2022 veröffentlichte Studie “Food for Thought: The Untapped Climate Opportunity in Alternative Proteins“ der Boston Consulting Group (BCG) kommt zu dem Ergebnis, dass Investitionen in pflanzliche Fleischersatzprodukte am effektivsten für den Klimaschutz sind. Alternative Proteine hätten mehr Wirkung auf die Dekarbonisierung als Investitionen in andere Wirtschaftssektoren. Fleischalternativen, beispielsweise auf Basis von Soja, sparen dreimal mehr Treibhausgase ein als klimafreundlichere Prozesse in der Zementindustrie. Im Vergleich zu besser gedämmten Gebäuden fällt die Bilanz von Pflanzenfleisch siebenmal besser aus. Besonders bei der Mobilität gewinnen Fleischersatzprodukte: sie sind elfmal effektiver als emissionsfreie Fahrzeuge.

Ernährungswende hat großes Klimaschutz-Potenzial
Besonders eindrücklich zeigt die bereits 2021 veröffentlichte Studie „The carbon opportunity cost of animal source food protein on land“ das enorme Potenzial einer Ernährungswende: Wenn bis zum Jahr 2050 alle Menschen vegan leben würden, dann könnten dadurch 547 Gigatonnen Kohlendioxid in Wälder und Böden einlagert werden. Dies entspricht der Menge Kohlendioxid, die die Menschheit aktuell in 15 Jahren durch die Verbrennung fossiler Treibstoffe ausstößt. „Mithilfe einer drastischen Ernährungswende könnten wir praktisch 15 Jahre versäumten Klimaschutz ausgleichen“, resümiert Friederike Schmitz in ihrem aktuellen Buch „Anders satt: Wie der Ausstieg aus der Tierindustrie gelingt“.

Unterzeichnen: Petitionen für den Wandel
Da eine Mehrwertsteuerbefreiung pflanzlicher Lebensmittel eine sinnvolle Maßnahme zur Förderung einer pflanzlichen Ernährung ist, unterstützt Menschen für Tierrechte die neue Mehrwertsteuer-Petition von ProVeg. Außerdem ruft der Verband dazu auf, die Petition „Klimakrise: Wir brauchen eine Agrar- und Ernährungswende!“ zu unterzeichnen. Vielen Dank!

Maßnahmen für eine Agrar- und Ernährungswende
Um der Politik konkrete Maßnahmen an die Hand zu geben, hat Menschen für Tierrechte zehn Forderungen für eine Agrar- und Ernährungswende zusammengestellt. Mit dem neuen Projekt „Ausstieg aus der Tierhaltung“ stellt der Tierrechtsverband zukunftsfähige und wirtschaftliche Einkommensquellen für Landwirt:innen jenseits der Tierhaltung vor.

(1) Rechnet man die der Lebensmittelproduktion vor- und nachgelagerten Emissionen im globalen Ernährungssystem hinzu, verursacht der Sektor 21‐37% aller Treibhausgasemissionen. Mehr dazu im Weltagrarbericht unter: www.weltagrarbericht.de