Allgemein Industrielle Tierhaltung

Corona-Krise zeigt Notwendigkeit eines Paradigmenwechsels

Flughunde werden auf einem Markt zum Verzehr angeboten. Foto: Andreas Gruhl/ AdobeStock

Das Coronavirus bestimmt in diesen Tagen unser komplettes Leben. Die weltweise Krise zeigt uns überdeutlich, wie überfällig ein Paradigmenwechsel ist. Was wir als vernunftbegabte Spezies jetzt tun können, ist aus unseren Fehlern zu lernen und in Zukunft die Ursachen neuer Pandemien zu vermeiden.

Begonnen hat es höchstwahrscheinlich auf einem Markt in Wuhan, wo lebende Tiere zum Verzehr verkauft wurden. Die Anzahl neuer Infektionskrankheiten ist in den vergangenen Jahrzehnten stark gestiegen. 60 bis 75 Prozent dieser Krankheiten sind sogenannte Zoonosen, das heißt, sie entstehen durch den Kontakt zu Tieren. Betroffen sind Haustiere und sogenannte Nutztiere, die meisten Zoonosen entstehen allerdings durch den Kontakt mit Wildtieren. So entstand nicht nur COVID-19, sondern auch Sars, Mers, Ebola, der Nipah-Virus, die Vogelgrippe H5N1, die spanische Grippe und sogar Aids. Momentan wetteifern weltweit Forscher um herauszufinden, von welchem Wildtier das Coronavirus stammt. War es ein Schuppentier, eine Fledermaus oder eine Schlange? Das Leid dieser Tiere, ob wild oder gezüchtet, können wir nur erahnen.

Fleischhunger ist Infektionsquelle Nr. 1
Menschen infizieren sich meist über den Kontakt mit Bushmeat, also dem Fleisch von Wildtieren.
Auf sogenannten wet markets werden lebendige Tiere oder ihr Fleisch verkauft. Viele der dort angebotenen Tiere stehen unter Schutz oder sind sogar vom Aussterben bedroht, wie Schuppentiere, seltene Reptilien und Vögel. Während das ungekühlte Fleisch bereits ein Infektionsrisiko darstellt, kommt durch die lebenden Tiere, die in engen Käfigen dicht nebeneinander sitzen, ein weiteres hinzu. Denn auf dem Markt können potentielle Krankheitserreger von einem Tier zum nächsten wandern. So ist höchstwahrscheinlich auch das aktuelle Coronavirus entstanden.

Lebensraumverlust erhöht Übertragungsrisiko
Ein weiterer Grund für die steigenden Infektionen ist die Tatsache, dass der Mensch den Wildtieren durch Abholzung und wachsenden Städten zunehmend den Lebensraum nimmt. Die Tiere suchen sich Nischen, um zu überleben und kommen den Menschen so immer näher. Wissenschaftler haben bereits mehr als 900 neuartige Viren identifiziert, die durch die Zerstörung natürlicher Lebensräume entstehen. Dadurch können Mikroben leicht die Artengrenze überschreiten und zu tödlichen Krankheitserregern werden.

Nährboden für krankmachende Keime: Industrielle Tierhaltung
Eine weitere Quelle von Infektionen ist die industrielle Tierhaltung. Durch das Zusammenpferchen der Tiere auf engstem Raum kommt es ebenfalls zur Entwicklung tödlicher Krankheitserreger. Ein Beispiel dafür ist die Vogelgrippe, bei der Viren von Wildvögeln in Geflügelmastbetriebe eindrangen und dort mutierten. Auch die Gülle, die massenhaft in den Agrarfabriken anfällt, ist ein guter Nährboden für Mikroben aller Art, beispielsweise Escherichia coli. Das für den Menschen schädliche Bakterium kann über die Ausscheidungen der Tiere in unser Trinkwasser und unsere Lebensmittel gelangen. Neben Haltung und Gülle, stellen auch Tiertransporte und der weltweite Handel mit Tierprodukten eine Gefahr für die Ausbreitung weiterer Krankheiten dar.

Massentierhaltung fördert resistente Keime
Die industrielle Tierhaltung fördert zudem das Risiko resistenter Bakterien. Um billig Fleisch zu produzieren, wird eine große Zahl von Tieren auf engstem Raum gehalten. Dies ist meist nur unter Einsatz großer Mengen von Antibiotika möglich. Diese häufigen Antibiotikagaben erhöhen das Risiko, dass sich resistente Bakterien bilden. Schätzungen zufolge werden 70 bis 80 Prozent der Antibiotika weltweit in der Nutztierhaltung eingesetzt. Die Weltgesundheitsorganisation WHO warnte schon 2017 vor der Gefahr der Bildung von resistenten Keimen. Diese gefährlichen Bakterien, gegen die dann kein Antibiotikum mehr hilft, erreichen den Verbraucher einerseits über das Fleisch. Aber auch Vegetarier sind gefährdet, da selbst auf Gemüse bereits resistente Bakterien gefunden wurden. Sie gelangen über die Abluft der Ställe in die Umwelt oder werden mit der Gülle auf den Feldern ausgebracht. Die in der Gülle enthaltenen Krankheitserreger stellen zudem eine Infektionsquelle für wildlebende Tiere dar. Und diese Gefahr wächst: Bis 2030 wird ein weltweiter Anstieg des Verbrauchs von Antibiotika um 70 Prozent erwartet.

Tödlichen Kreislauf durchbrechen
Die Coronakrise zeigt uns, dass sich die Ausbeutung der Natur letztlich gegen uns selbst richtet. Und es ist nicht nur Corona, das Gleiche vollzieht sich beim Klimawandel, dem Artensterben oder der Bildung von Antibiotikaresistenzen. Momentan zeigt sich überdeutlich, wie überfällig ein Paradigmenwechsel ist. Nach der Krise darf es kein „Weiter so“ geben.

Das bedeutet:

  • Ernährungswende hin zu pflanzlichen Eiweißträgern
  • industrielle Tierhaltung beenden
  • streng überwachtes Handelsverbot für Wildtiere und Produkte, die aus ihnen gewonnen werden
  • umfassendes Importverbot für alle Wildtierarten
  • strenger Schutz der Lebensräume von Wildtieren
  • wirkungsvolle Klimaschutzmaßnahmen

Ein System, das sich letztlich selbst bedroht, hat sich überholt. Was wir als vernunftbegabte Spezies nun tun können, ist aus unseren Fehlern zu lernen und die Ursachen neuer Pandemien zu vermeiden. Über 200 Organisationen, darunter auch Menschen für Tierrechte, haben die Weltgesundheitsorganisation und die Vereinten Nationen jetzt aufgefordert, Regierungen auf der ganzen Welt nachdrücklich zu ermutigen, Gesetze zur Schließung von Wildtiermärkten einzuführen und durchzusetzen. Bleibt zu hoffen, dass die Krise so zu einem grundsätzlichen Umdenken beiträgt.

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