Agrar- und Ernährungswende Allgemein

Zukunftschance Pflanzenkost

Nach dem aktuellen „Trendreport Ernährung“ nimmt die pflanzenbasierte Ernährung stark zu. Gleichzeitig wächst der Markt für Produzenten und Verarbeiter pflanzlicher Produkte. Das eröffnet nicht nur Chancen für Natur, Klima und Welternährung, sondern auch für die Landwirt:innen.

Foto: Beyond Meat

Während konventionelle Schweinehalter derzeit wegen der hohen Energie- und Getreidepreise nicht mehr wirtschaftlich arbeiten können, wächst der Markt für pflanzliche Proteine. Nach einem aktuellen Marktbericht wird die Größe des Erbsenmarktes in der APAC-Region, dazu gehören unter anderem Asien, Australien, Kanada, die USA und Russland, zwischen 2021 und 2026 voraussichtlich um 267,04 Mio. US-Dollar anwachsen. Erbsenpulver ist ein begehrter Rohstoff, aus dem Fleischersatzprodukte hergestellt werden.

Pflanzenbasierte Ernährung auf Platz 2
Auch in Europa stehen die Zeichen auf Wachstum: Im aktuellen Trendreport Ernährung 2022 belegt die vegane und pflanzenbasierte Ernährung Platz zwei der zehn wichtigsten Ernährungstrends – direkt nach einer klimafreundlichen und nachhaltigen Ernährung, die als die wichtigste und unumkehrbare Entwicklung dieser Dekade gesehen wird. Für den Report wurden über 100 Ernährungsexpert:innen befragt. Sie berichten, dass viele Eltern ihre Kinder mit pflanzenbasierten, nährstoffreichen Produkten ernähren möchten. In der Großgastronomie, wie Schulküchen und Mensen, wird an neuen Verpflegungskonzepten gearbeitet, um mehr vegane Gerichte anbieten zu können, denn die junge Generation befindet sich schon mitten in der Ernährungswende. Auch Statista sieht in dem vegan-vegetarischen Segment einen dynamischen Wachstumsmarkt und rechnet zwischen 2022 und 2027 mit einer Umsatzwachstumsrate von etwa 15 Prozent pro Jahr.

Foto: Beyond Meat

Dänemark empfiehlt pflanzliche Lebensmittel
Da sich in Dänemark die gleiche Entwicklung vollzieht, hat unser Nachbarland reagiert: durch eine Anpassung seiner offiziellen Ernährungsrichtlinien. Diese empfehlen jetzt eine pflanzenreiche Ernährung mit viel Hülsenfrüchten, Obst und Gemüse und wenig Fleisch. Damit ist Dänemark Vorreiter im Kampf gegen den Klimawandel. Laut der Technischen Univer sität Kopenhagen (DTU) könnte mit der richtigen Auswahl an Produkten der durch Ernährung verursachte CO2-Ausstoß pro Kopf um bis zu 35 Prozent reduziert werden. Die Umwelt schutzorganisation WWF kam in einer Studie zu ähnlichen Ergebnissen für Deutschland: Wenn sich der Fleischkonsum aller Deutschen auf im Schnitt 470 Gramm pro Woche halbiert, könnten jährlich 56 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente eingespart werden.

Der Verbrauch an Kuhmilch ist derzeit auf dem niedrigsten Stand seit 1991.

Fleisch- und Milchkonsum im Sinkflug
Das entspräche fast den gesamten Emissionen der deutschen Landwirtschaft (66 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente). Gleichzeitig würden so auch fast drei Millionen Hektar Fläche frei werden, die derzeit für die Nahrungsmittelproduktion benötigt werden. Doch Deutschland hinkt weiterhin hinterher und ziert sich, endlich moderne, klimaangepasste Empfehlungen herauszugeben. Dabei essen die Deutschen jetzt schon so wenig Fleisch wie noch nie in den letzten 30 Jahren und zeigen damit, dass sie durchaus bewusster konsumieren können und wollen. Mehr als die Hälfte der Bundesbürger:innen zählt zu den Flexitariern, diese essen nur gelegentlich Fleisch. Eine ähnliche Entwicklung zeigt sich bei der Milch: Der Verbrauch an Kuhmilch ist derzeit auf dem niedrigsten Stand seit 1991. Der Pro-Kopf-Verbrauch ging seit 2020 um 2,2 Kilogramm auf durchschnittlich 47,8 Kilogramm zurück.

Pflanzenmilch boomt
Währenddessen stieg der Konsum von pflanzlichen Alternativen zuletzt um 17 Prozent. Der Umsatz mit pflanzlichen Milchalternativen hat sich in den letzten zwei Jahren verdoppelt. Hafermilch ist der Verkaufsliebling, gefolgt von Mandel- und Sojamilch. Das sind (ausnahmsweise einmal) gute Nachrichten für das Klima, denn ein wesentlicher Teil der klimarelevanten landwirtschaftlichen Treibhausgase geht auf die Milchproduktion zurück. Nach einer Studie des amerikanischen Institute for Agriculture and Trade Policy verursachen die 13 größten Molkereiunternehmen der Welt zusammen fast so viel CO2-Emissionen wie ganz Großbritannien.

Fast marktreif: pflanzliche Schaleneier
Auch beim Ersatz von Hühnereiern stehen diverse Alternativen kurz vor der Marktreife. Die in Weißensee ansässige Firma „Neggst“ arbeitet an der Entwicklung des ersten pflanzlichen Schaleneis, das aus Eiweiß und Eigelb besteht. Es basiert auf Hülsenfrüchten, Gemüse, ungesättigten Fetten und Ballaststoffen und kann wie ein ganz normales Hühnerei verwendet werden – egal, ob gekocht, gebraten oder gebacken. Das Schalenei soll 2023 auf den Markt kommen. Ein Flüssigei im Glas soll schon in 2022 in den Kühlregalen angeboten werden.

Eine Mitarbeiterin bei der Produktion. Foto: impossible foods

Markt für Laborfleisch wächst
Ähnlich sieht es auch bei den Fleischalternativen aus: Eine Studie der internationalen Unternehmensberatung A.T. Kearney prophezeite, dass bis 2040 bis zu 60 Prozent der Fleischprodukte nicht mehr von Tieren stammen werden. Diese werden entweder vegane Fleischalternativen sein oder kultiviertes Fleisch. Der Fokus lag bei den Überlegungen auf den klimarelevanten und wirtschaftlichen Vorteilen gegen über konventionell produziertem Fleisch. Kultiviertes Fleisch kann nicht nur gänzlich ohne Tierleid produziert werden, es könnte auch die Flächen- und Düngeproblematik reduzieren und den Einsatz von Antibiotika obsolet machen. Noch ist Fleisch aus dem Labor zu teuer und zu energieaufwändig, aber die heute schon verfügbaren pflanzlichen Fleischalternativen verzeichnen ständig neue Rekorde.

Veggie-Fleisch boomt
Deutsche Unternehmen produzierten letztes Jahr 60 Pro zent mehr Fleischersatzprodukte als noch zwei Jahre zuvor. Gemessen am Gesamtmarkt ist der Anteil zwar immer noch klein, aber er wächst stetig. Unangefochtener Marktführer in Deutschland ist die „Rügenwalder Mühle“. Letztes Jahr erzielte das Unternehmen erstmals mehr Umsatz mit Veggie & Co. als mit Fleischprodukten. Schon 2014 begannen sie mit der Vermarktung von Fleischalternativen und planen, ihre Kapazitäten auszubauen. In Kürze eröffnet das Unternehmen ein weiteres Werk im Landkreis Vechta. Auch dort – im Epizentrum der Massentierhaltung – soll vegan-vegetarisch produziert werden. Der Trend zur pflanzlichen Ernährung geht aber auch weit über Deutschland und Europa hinaus. Dies zeigt der kürzlich veröffentlichte Marktbericht auf TechNavio, der für den Erbsenmarkt in der APAC-Region eine jährliche Wachstumsrate von bis zu 3,51 Prozent prognostiziert. Grund ist der wachsende vegane Bevölkerungsanteil. Der größte Markt ist China.

Burger King will Vorreiter bei pflanzlichem Fleischersatz werden. Foto: Burger King Deutschland GmbH

Iglo und Burger King go vegan
Weitere große Unternehmen haben den enormen Wachstumsmarkt erkannt. So belegt der Tiefkühlwarenhersteller Iglo mit seiner vegan-vegetarischen Submarke „Green Cuisine“ den zweiten Platz bei der Markenbekanntheit, knapp hinter der Rügenwalder Mühle. Die Schnellrestaurantkette Burger King eröffnet nicht nur rein vegane Filialen, sondern will auch will pflanzlicher Vorreiter in der Branche werden. In seinen 750 deutschen Filialen bietet der Fastfood-Gigant seit Ende Juli 2022 für alle Rindfleischburger und zu nahezu jedem anderen Fleischgericht ein Pendant auf pflanzlicher Basis an.

Investitionsobjekt „Clean Meat“ (Grafik vergrößern)
Da wundert es nicht, dass derzeit weltweit in Unternehmen investiert wird, die an Alternativen wie „Clean Meat“, also künstlich kultiviertem Hühner-, Rind- und Schweinefleisch, sowie an Alternativen zu Eiern, Milch und Käse arbeiten. Es wird erwartet, dass sich diese Entwicklung in den nächsten Jahren fortsetzt. Der fulminante Börsenstart von Beyond Meat 2019 war höchstwahrscheinlich nur ein Vorgeschmack. Zuletzt schaffte es das Münchner Startup „Happy Ocean Foods“ in der TV-Sendung „Die Höhle der Löwen“, Investoren für ihre pflanzlichen Shrimps zu begeistern. Stück für Stück kommen so auch pflanzliche Fisch- und Meeresfrüchte in die Supermarktregale. Sogar die Restaurantkette Nordsee bietet mittlerweile pflanzlichen Fisch an.

Weltweit erste Zulassung für Laborfleisch
Ende 2020 gelang dem US-Startup Eat Just als weltweit erstem Unternehmen, eine Zulassung für kultiviertes Fleisch in Singapur zu bekommen. Marktkenner sehen darin einen Durchbruch, der zu einer Sogwirkung für ähnliche Produkte führen kann. Das zellbasierte Hühnchenfleisch genügt denselben Sicherheits- und Qualitätsstandards wie herkömmliches Geflügelfleisch, es ist jedoch mikrobiologisch erheblich weniger belastet. Die Zellen aus einer Zellbank werden in einem Bioreaktor gezüchtet und dann mit pflanzlichen Zutaten kombiniert. Das künstliche Fleisch soll zukünftig günstiger werden als Fleisch von Tieren.

Nachhaltiger produzieren
Die aktuelle Rohstoffknappheit macht sich jedoch auch bei der Herstellung von pflanzlichen Fleisch- und Milchalternativen bemerkbar. Die Produktion stockt, da Getreide oder Hülsenfrüchte aufgrund der aktuellen Krisen nicht mehr aus reichend lieferbar sind. Umso wichtiger also, diese Rohstoffe nicht als Futtermittel zu ver(sch)wenden, sondern direkt für den menschlichen Verzehr aufzubereiten. Ein positiver Effekt der drohenden Knappheit ist, dass die Unternehmen beginnen, bewusster zu produzieren und mehr auf regionale Roh stoffketten zu setzen. Auch für pflanzliche Lebensmittel muss nachhaltig und klimafreundlich gewirtschaftet werden. Der Nahrungsmittel-Konzern Nestlé plant deshalb beispielsweise, künftig nur noch Soja aus Europa zu beziehen. Die Rügenwalder Mühle baut ihr Soja selbst an, um unabhängiger von globalen Schwankungen zu werden.

Erbsenpulver ist ein begehrter Rohstoff, aus dem Fleischersatzprodukte hergestellt werden.

Transformation unumgänglich
Insgesamt wird deutlich, dass wir weltweit eine komplette Umstrukturierung der Landwirtschaft und der Ernährungsgewohnheiten brauchen. Und: Dieser Prozess ist bereits in vollem Gange. Die Wirtschaft hat dies längst erkannt. Jetzt ist es an Politik, Produzenten, Handel und Industrie, gemeinsam Rahmenbedingungen zu schaffen, die eine nachhaltige und klimafreundliche Nahrungsmittelproduktion gewährleisten. Dazu gehört auch, die Landwirt:innen in diesem Prozess mitzunehmen und ihnen die Chancen dieser Transformation für ihren Betrieb aufzuzeigen. Die Devise heißt nicht mehr „wachse oder weiche“, sondern „wandel oder weiche!“