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Interview: „Wir brauchen ein ganz neues Ernährungssystem!“

Die Journalistin, Autorin und Moderatorin Dr. Tanja Busse beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit den Themen Landwirtschaft, Nachhaltigkeit, Ernährung und Ökologie. Sie arbeitet unter anderem für die Süddeutsche, Die Zeit, den Freitag sowie für den Sender WDR 5. In ihren Büchern „Die Wegwerfkuh: Wie unsere Landwirtschaft Tiere verheizt, Bauern ruiniert, Ressourcen verschwendet und was wir dagegen tun können“ (2015) und „Das Sterben der anderen. Wie wir die biologische Vielfalt noch retten können“ (2019)“ kritisiert sie die destastösen Folgen der Hochleistungslandwirtschaft für Mensch, Tiere und die Biodiversität.

Foto: Georg Schweisfurth

1. tierrechte: Frau Dr. Busse, in Ihrem Buch „Das Sterben der Anderen“, in dem es um das dramatische Artensterben geht, sprechen Sie vom Phänomen der Apokalypse-Blindheit. Haben Sie den Eindruck, dass den Menschen aktuell bewusst ist, dass es ein „Weiter so“ bei der Landwirtschaft, aber auch in anderen Lebensbereichen, nicht geben darf?

Ich glaube, dass immer mehr Menschen spüren, dass wir so nicht weitermachen können. Das zeigt auch die Stärke der „Fridays for Future“ Bewegung. Der Unwettersommer 2021 dürfte dieses Unbehagen noch einmal verstärkt haben. Deshalb gibt es inzwischen einen großen Aufbruch zur Transformation in allen Teilen der Gesellschaft: Landwirte entwickeln die regenerative Landwirtschaft, Unternehmer bauen co2-neutrale Fabriken und Bürger bauen Photovoltaik-Anlagen auf ihre Dächer.

Auch unter den Journalistinnen tut sich was. Gerade haben wir das Netzwerk Klimajournalismus gegründet, um zu zeigen, dass die Medien die Klimakatastrophe viel klarer und konsequenter kommunizieren müssen. Gleichzeitig wollen aber auch viele Menschen nicht wahrhaben, dass unser Lebensentwurf die Erde zerstört. Sie werfen sich lieber in die Arme der Klimawandelleugner, als sich einzugestehen, dass es dringend eine Transformation braucht. Populisten und Leugner bieten ein tröstliches Ablenk-Narrativ: Die linksgrünen Öko-Spinner wollen euch nur Angst machen, lasst euch nicht verunsichern, alles kann bleiben, wie es ist. Wer die wissenschaftlichen Fakten zum Zustand von Biodiversität und Klima nicht erträgt, lässt sich davon gern einlullen.

2. tierrechte: In ihrem neuen Buch widmen Sie sich dem Thema Fleischkonsum. Was hat Sie dazu bewogen, diesem Thema ein ganzes Buch zu widmen?

Das war gar nicht mein eigener Vorschlag. Der Piper Verlag hat eine Reihe zu aktuellen Themen aufgelegt, eben die 33 Fragen und Antworten, die kurz und knapp wichtige Fragen der Zeit beantworten sollen, und die Fleischfrage gehörte für meinen Lektor dazu. Als er mich gefragt hat, ob ich diesen Band übernehmen wollte, habe ich sofort zugesagt, weil ich dachte, alle Fragen rund ums Fleisch habe ich in den letzten Jahren ohnehin schon recherchiert. Aber beim Schreiben habe ich gemerkt, dass ich bis dahin die Dimension der globalen Fleischkonsum-Krise noch gar nicht verstanden hatte. Die Biomasse der sogenannten Nutztiere übersteigt die der wild lebenden Tiere um ein Vielfaches! Die schiere Dimension der globalen Stoffströme – Dünger, Futtermittel, lebende Tiere, Schlachtkörper – überschreitet die planetaren Grenzen. Beim Thema Fleisch denken wir noch immer an Bauernhöfe – wobei es längst internationale Zucht-, Agrar- und Fleischkonzerne sind, die über das Schicksal von Tieren und auch von Bäuerinnen und Bauern entscheiden.

3. Die Probleme liegen ja nicht nur in der Landwirtschaft, sondern im gesamten Ernährungssystem. Vor welchen Aufgaben stehen Politik, Produzenten, Handel und Konsumenten?

Das ist genau richtig: Im Mittelpunkt der Diskussion stehen oft die Landwirtinnen und Landwirte. Jedenfalls fühlen sie sich oft als Sündenböcke, und immer, wenn die Agrarpolitik halbherzige Verbesserungsvorschläge macht, dann trifft das meist die landwirtschaftlichen Betriebe – und nicht die Profiteure der Agrarindustrie, die großen Agrar- und Lebensmittelkonzerne. Aber es waren ja nicht die Bäuerinnen und Bauern, die das derzeitige Ernährungssystem mit all seinen desaströsen Folgen für Menschen und Tiere verschuldet haben.

Wir brauchen ein ganz neues Ernährungssystem, das die bestehenden Widersprüche auflöst, etwa dass es ökonomisch vorteilhaft ist, keinen ökologischen Schaden anzurichten. Dazu müsste die Politik eine ganz neue Agrar- und Ernährungspolitik entwerfen, die Biodiversität, Wasser- und Klimaschutz, regionale Wertschöpfung für Bauernhöfe und Lebensmittelhandwerker und schließlich die Ernährung zusammendenkt. Das Gute ist ja: Wenn wir dem Vorschlag der Eat Lancet Kommission folgen und gesunde Ernährung für Menschen und für den Planeten zusammenbringen, wäre das eine Win-Win-Situation für Mensch, Natur und Tier.

Die planetary diet fordert ja: Viel weniger Fleisch, dafür mehr Obst und Gemüse, Hülsenfrüchte und Nüsse. Mehr Vielfalt auf dem Teller bringt mehr Vielfalt in der Landschaft. Weidetiere auch in Wäldern und Auen, Agroforstsysteme, bei denen sich Bäume, Büsche und Feldstreifen abwechseln, plus abwechslungsreiche Gärten und Felder – das sind die Bausteine für gesunde Ernährung. Genau das muss die öffentliche Beschaffung für Kantinen nachfragen. Und genau solche Vielfalt sollte die europäische Agrarpolitik fördern.

4. tierrechte: In einem kürzlich veröffentlichten Spiegel-Artikel sprechen die AutorInnen von einem neuen Lebensmittelzeitalter. Danach geht die Zeit, in der Fleisch, Milch oder Käse von Tieren kommen ihrem Ende zu. Stimmt Sie das optimistisch?

Foto: Impossible-Foods

Nicht sehr, denn dahinter stehen oft die Fantasien von großen Konzernen, die High-Tech-Kunstfleisch entwickeln oder Lebensmittel aus Fermentern und Bioreaktoren. Diese Art von Postlandwirtschaft würde zwar das Leid der Tiere in der sogenannten Nutztierhaltung beenden, aber es würde die Ernährung der Menschen in die Hände weniger großer Konzerne legen. Und es würde Ende unserer Kulturlandschaften bedeuten und damit auch das Aussterben viele Tierarten. Die Biodiversität Mitteleuropas haben unsere bäuerlichen Vorfahren durch ihre Arbeit geschaffen, ohne offene Weidelandschaften, Mähwiesen und die alten Kulturpflanzen können wir diese biologische Vielfalt gar nicht erhalten.

5. tierrechte: Was würden Sie LandwirtInnen raten, die aktuell noch Tiere zur Fleischproduktion halten?

Ich würde auf Agroforstwirtschaft setzen, also statt Weizen und Mais viele verschiedenen Früchte anbauen und das mit Nussbäumen und Beerensträuchern kombinieren. Die Tierhaltung würde ich nach dem Vorbild der extensiven Ganzjahresweiden umbauen, wie es etwa die Familie Maier in Baden-Württemberg mit ihrer Uria-Herde macht oder Gerd Kämmer in Schleswig-Holstein mit seinen Bunde Wischen. Ich esse selbst kein Fleisch, aber eine solche Haltung mit Weideschuss statt Schlachttransporten finde ich in Ordnung. Das bedeutet aber auch: Es wird viel weniger Fleisch geben und Fleisch wird teurer werden. Billigfleisch geht gar nicht. Davon profitieren nur die Schlachtkonzerne – auf Kosten von Tieren, Bauernhöfen, Schlachtarbeitern und der Mitwelt.

6. tierrechte: Welche Aufgaben sollten die LandwirtInnen der Zukunft haben?

Sie sollten wie heute auch Lebensmittel erzeugen, aber unter ganz anderen Rahmenbedingungen, nämlich so, dass sie dabei die biologische Vielfalt erhalten, die Ökosysteme und ihre Höfe. Damit wären sie Klimawirtinnen, Biodiversitätswirte, Grundwasserwirtinnen und eben Lebensmittelerzeuger.

7. tierrechte: In wenigen Wochen wählen wir einen neuen Bundestag. Die nächste Regierung wird maßgeblich darüber entscheiden, wie die Landwirtschaft in Deutschland und in Europa zukünftig aussehen wird. Welche Maßnahmen würden Sie der nächsten Bundesregierung in den Koalitionsvertrag schreiben?

Allergrößten Einsatz für eine Reform der europäischen Agrarpolitik im Sinne des European Green Deal und der Farm to Fork Strategie. Die Agrarförderung sollte ausschließlich für Gemeinwohlleistungen vergeben werden, am besten nach dem Punktemodell des Deutschen Verbands für Landschaftspflege. Außerdem brauchen wir einen Importstopp für Futter- und Lebensmittel, die mit in Europa nicht zugelassenen Pestiziden produziert wurden sowie den Aufbau regionaler Agrar- und Ernährungsforen, in denen regionale Wertschöpfungsketten für Landwirtschaft, Lebensmittelhandwerk, Gastronomie und Kantinen aufgebaut werden. Diese sollten mit der Wasserwirtschaft und dem Naturschutz kooperieren. Für die öffentliche Beschaffung sollte es verpflichtend sein, so regional, nachhaltig und ökologisch wie möglich zu fairen Preisen einzukaufen. Gleichzeitig sollte  eine Umstellungsförderung für landwirtschaftliche Betriebe aufgelegt werden. Außerdem brauchen wir ein Schulfach Überlebenskunde, das Wissen über die Klimakrise, das Massenaussterben und unsere Abhängigkeit von den Ökosystemen vermittelt.