Bio-vegane Landwirtschaft Interviews

Wege für zukunftsfähige Einnahmequellen ebnen

Der Agrarökonom Timo Geuß vom Verein „Begleitung zur Veganen Landwirtschaft e.V.“ (BeVeLa) berät LandwirtInnen, die ihre Tierbestände reduzieren und auf eine vegane Landwirtschaft oder einen Lebenshof umstellen wollen. Im Interview berichtet er von den vielfältigen Perspektiven, die sich ausstiegswilligen LandwirtInnen bieten.

Herr Geuß, Ihr Verein berät LandwirtInnen, die umsteigen wollen. Wie groß aktuell ist die Bereitschaft für eine Umstellung? 

Die Bereitschaft, ihren Betrieb umzustellen, ist bei LandwirtInnen in Deutschland noch nicht so hoch. Das liegt vor allem daran, dass sie kaum etwas über ihre potenziellen Alternativen wissen und uns als „Beratungs- und Begleitungsstelle“ nicht kennen. Im Gegensatz zur Schweiz gab es hier in Deutschland bislang auch noch keine Anlaufstelle für LandwirtInnen, die Alternativen hin zu einem Lebenshofkonzept oder zu einem bio-veganen Landwirtschaftssystem aufzeigt. Die LandwirtInnen kommen bisher alle von selbst auf uns zu. Meist kommt dies dadurch zustande, dass sie sich Gedanken um ihre existenzielle Zukunft machen und in Suchmaschinen die Begriffe „Lebenshof“ oder „veganen Anbau“ eingeben.

Gibt es bestimmte Bereiche, wie beispielsweise die Schweinemast, aus denen auffallend viele Bauern aussteigen wollen?

Bisher zeigt sich noch keine Tendenz, dass sich eine „Tierhaltergruppe“ auffallend oft bei uns meldet. Rinderhaltende Betriebe und kleine Gemischtbetriebe melden sich häufig, Legehennen-, Mastgeflügel- und Geflügelzuchtbetriebe hingegen bisher gar nicht. Wir können uns aber vorstellen, dass sich aufgrund der aktuellen Situation auch SchweinehatlerInnen vermehrt an uns wenden werden. Hierbei ist aber zu berücksichtigen, dass betriebsbedingt bei Schweine- und GeflügelhalterInnen im Vergleich zu Rinder- oder PferdehalterIinnen finanziell aufwändigere Umbaumaßnahmen nötig sind, um die alternativen Konzepte tiergerecht umsetzen oder biovegane Anbausysteme etablieren zu können. Aktuell stellen wir eine Straußenfarm aus der Oberpfalz um – das ist schon eine Besonderheit.

Nicht jeder Landwirt kennt sich mit dem Anbau von Pflanzen aus oder verfügt über genug Land. Welche Optionen empfehlen Sie den Ausstiegswilligen?

Wir empfehlen den LandwirtInnen, Kurse und Weiterbildungsmöglichkeiten wahrzunehmen, Kooperationen zu anderen schon umgestellten Betrieben oder zu anderen Betrieben, wie beispielsweise Biobetrieben oder Betrieben mit viehlosem Ackerbau, einzugehen. Wichtig ist, dass man betriebsindividuelle Alternativen aufzeigt und über den Tellerrand hinausschaut. So können herkömmliche Betriebe auch zu Bildungsorten oder kulinarischen Anbietern werden, weil dazu wenig Fläche benötigt wird. Bisher sind von politischer Seite die finanziellen Fördermöglichkeiten leider noch nicht gegeben, dass man jeden X-beliebigen Betrieb umstellen könnte.

Die Niederlande unterstützen ausstiegswillige Schweinehalter bei der Bestandsreduzierung. Mancher ehemaliger Schweinezüchter wandelt seine Mastanlagen in sogenannte Pflege-Bauernhöfe um, auf denen hilfsbedürftige Menschen versorgt werden. Wäre das auch ein Modell für Deutschland?

Das wäre sicher auch in Deutschland ein mögliches Modell. Man müsste nur schauen, wie sich das auf Deutschland übertragen lässt, damit es erfolgreich ist. Da genügt es nicht nur finanziell zu unterstützen. Hier ist der Staat in der Verantwortung, alternative Weiterbildungsangebote zu schaffen, damit die umstellenden LandwirtInnen ihre Professionalität aufrechterhalten können und sich gut betreut fühlen.

Die Resonanz auf der niederländische Ausstiegsprogramm war bemerkenswert. Statt wie erwartet 300 bewarben sich über 500 Betriebe. Was macht das Programm so erfolgreich?

Wir denken, dass zwei Punkte ganz wichtig sind, warum das Programm in den Niederlanden so erfolgreich ist. Durch die Umstellung werden ethische Bedenken und Sorgen vermindert. Das ist ein enorm wichtiger Aspekt, denn viele LandwirtInnen leiden stark unter ihrer Situation. Hier setzt BeVeLa an, denn ein Großteil unserer Arbeit ist die mentale Unterstützung und Begleitung. Gefühle und Mitleid mit den Tieren werden oft unterdrückt, das führt langfristig zu psychischen Problemen. Finanzielle Sorgen werden durch die Umstellung meist geringer, denn mit den Alternativkonzepten lässt sich nachhaltiger arbeiten und Wege für zukunftsfähige Einnahmequellen ebnen. Somit ist die Umstellung Anreiz aus dem Alltagstrott herauszukommen und die Möglichkeit nicht mehr hinter den Skandalen der Nutztierindustrie stehen zu müssen. Wir sind uns sicher, dass das Konzept immer erfolgreicher wird, da die Nutztierhaltung mittlerweile gesamtgesellschaftlich sehr stark hinterfragt wird.

Was wäre aus Ihrer Sicht nötig, damit auch in Deutschland mehr Landwirte aus der Tierhaltung aussteigen?

Damit mehr LandwirtInnen aus der Tierhaltung aussteigen, muss es mehr professionelle Beratungsstellen geben und eine nachhaltige finanzielle Förderung. Außerdem müsste die Erforschung der bio-veganen Landwirtschaft ausgebaut und gefördert werden, um LandwirtInnen wissenschaftliche Fakten zu verschiedenen tierlosen Anbausystemen liefern zu können.