Allgemein Industrielle Tierhaltung

Ein richtiger Schritt: Bundesratsinitiative zur Videoüberwachung von Schlachthöfen

Nach mehreren Schlachthofskandalen haben NRW und Niedersachsen die Initiative ergriffen und brachten einen Entschließungsantrag zur Einführung einer Videoüberwachung von Schlachthöfen ein. Das ist ein guter Schritt, der – richtig umgesetzt – dazu beitragen kann, das alltägliche Leid auf den Schlachthöfen zu reduzieren. Doch eines muss Jedem klar sein: Fleischkonsum ohne Gewissensbisse gibt es nicht, denn die Tiere leiden in jedem Falle.

Im Rückblick wird klar, warum die Tierindustrie so vehement gegen Undercover-Dokumentationen vorgeht. Sie sind schlicht effektiv. Ob es um die grauenhaften Haltungsbedingungen der Tiere in der industriellen Tierhaltung geht oder um ihr qualvolles Ende im Schlachthof, Veränderungen werden eher von verstörenden Bildern angestoßen als von langen ausgehandelten Kompromissen. Die Tierschutzseite fordert seit Jahrzehnten eine lückenlose Videoüberwachung des Schlachtvorgangs – ohne Erfolg.

Undercoveraufnahmen mobilisieren Politik
Doch nach der Veröffentlichung von nicht vorschriftsmäßig betäubten Rindern in einem Oldenburger Schlachthof, das Leiden nicht transportfähiger Kühe in Bad Iburg und die Tierquälerei von Schweinen in Laatzen bei Hannover kommt plötzlich Bewegung in die Sache. Niedersachsens Agrarministerin Barbara Otte-Kinast (CDU) und ihre Amtskollegin in Nordrhein-Westfalen Umweltministerin Ursula Heinen-Esser brachten am 15. Februar 2019 den Entschließungsantrag „Einführung von kamera-gestützten Überwachungssystemen in Schlachthöfen zur Verbesserung des Tierschutzes für Schlachttiere“ ein. Erfreulicherweise unterstützt die Länderkammer den Antrag und erweiterte ihn sogar noch. Sie sprach sich nicht nur für mehr Überwachung, sondern auch für tierschutzgerechte Betäubungsmethoden und die Abkehr von Akkordarbeit aus. Der Bundesrat wird den Antrag am 15. März 2019 behandeln.

Bundestag muss Bundesgesetze anpassen
Ob die Videoüberwachung wirklich bundesweit kommt, muss jedoch der Bundestag entscheiden und die entsprechenden Bundesgesetze anpassen. Dies kann – wenn es denn überhaupt passiert – länger dauern. Bis dahin setzen NRW und Niedersachsen auf freiwillige Vereinbarungen mit der Fleischindustrie. Das Land Niedersachsen und Vertreter der Fleischwirtschaft hatten Mitte Februar eine freiwillige Einführung von Videoüberwachung in Schlachthöfen vereinbart. Die Kameras werden zwar nicht die grundsätzlichen Missstände auf den Schlachthöfen beseitigen, sie sind dennoch ein richtiger Schritt. Wirkliche Verbesserungen können nur erreicht werden, wenn der Einsatz der Kameras bundesweit verpflichtend kommt und sichergestellt ist, dass der gesamte Schlachtprozess erfasst ist.

Weniger belastende Betäubungsmethoden
Das Filmmaterial darf nicht durch die Betriebe selbst, sondern muss von unabhängigen Amtsveterinären kontrolliert werden. Für diese Aufgabe muss das Personal in den Überwachungsbehörden aufgestockt werden. Und ja, es sollten alle verfügbaren Möglichkeiten wie intelligente Bilderkennungssoftware genutzt werden, um Gesetzesverstöße aufzudecken. Erst dann wird höchstwahrscheinlich erst das ganze Ausmaß der täglichen Grausamkeiten auf unseren Schlachthöfen offenbar. Dies muss Konsequenzen haben. Gesetzesverstöße müssen konsequent geahndet werden. Und – da ist der Bundesrat auf dem richtigen Weg – es müssen dringend neue, weniger belastende – Betäubungsmethoden genutzt werden.

Tierschutzgerechten Fleischkonsum gibt es nicht
Denn auch unter optimalen Bedingungen leiden die Tiere. Schweine unter Erstickungsangst bei der Betäubung mit Kohlendioxid oder sind bei Elektroschock nicht tief genug betäubt. Hühner und Puten werden beim Eintauchen in das Elektrobad oft nicht ausreichend betäubt und Rinder haben auch bei einem korrekt gesetzten Bolzenschuss Schmerzen, wenn der Bolzen ihr Gehirn zertrümmert. Um den Tieren wenigstens diese Leiden zu ersparen, sind bessere Betäubungsmethoden etwa mit Edelgasen wie Helium oder Argon unerlässlich. Aber auch wenn diese Verbesserungen kommen, ist das nicht der Freibrief für einen Fleischkonsum ohne Gewissensbisse. Denn die Tiere leiden in jedem Falle unter dem Stress beim Transport und der Atmosphäre und dem Lärm auf dem Schlachthof. Sie wissen intuitiv, was ihnen bevorsteht. Sie werden mit Brettern oder Elektropaddeln abgeladen und in die Schlachtboxen getrieben. Sie werden kopfüber in Fließbänder eingehängt oder fixiert. Einen tierschutzgerechten Fleischkonsum gibt es nicht – die Tiere leiden in jedem Falle.

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