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11. Oktober 2018: Tierschutzforschungspreis: Antikörperproduktion mit Bakterien statt im Tier

Der Bundesverband Menschen für Tierrechte begrüßt die heutige Vergabe des 37. Tierschutzforschungspreises des Bundeslandwirtschaftsministeriums (BMEL). Der Preis in Höhe von 25.000 Euro geht diesmal an Professor Dirk Görlich und Dr. Tino Pleiner vom Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie in Göttingen. Die Wissenschaftler haben gemeinsam ein Verfahren entwickelt, das die Produktion sogenannter sekundärer Antikörper in Tieren ersetzen kann. Dies könnte hunderttausenden von Tieren weltweit das Leben retten.

Antikörper sind in der medizinischen Forschung und Diagnostik notwendig. Man kann mit ihnen Strukturen – beispielweise Zellen und Zellbestandteile – sichtbar machen. Sowohl bei der Herstellung primärer als auch sekundärer Antikörper leiden bisher unzählige Tiere, die als „Produktionsfabriken“ genutzt werden, allen voran Mäuse und Kaninchen, aber auch Ratten, Meerschweinchen, Ziegen, Schafe oder Hühner – und die Nachfrage steigt (1).

Neues Verfahren macht Tierversuche überflüssig
Das heute ausgezeichnete neuartige Produktionsverfahren macht einen Großteil der für die herkömmliche Gewinnung nötigen Tierversuche überflüssig. Dabei werden im Vergleich zu üblichen Antikörpern wesentlich kleinere Moleküle – sogenannte Nanobodies – aus nur geringen Mengen Blut des Alpakas gewonnen. Mit der Technik des Phagen-Display erfolgt eine Selektion des gewünschten Nanobodytypus aus der Vielzahl der Varianten. Diese Ziel-Variante wird dann in Bakterien vervielfältigt. Das Verfahren an sich ist nicht neu, die sinnvolle Übertragung auf den weltweiten Bedarf an Antikörpern für die in vitro-Forschung allerdings schon. Dabei ist besonders vorteilhaft, dass die Nanobodies zehnmal kleiner sind als herkömmliche Antikörper. Sie können dadurch auch sehr kleine Zellstrukturen unter dem Mikroskop deutlich sichtbar machen. Durch die Produktion in Bakterien lässt sich zudem in einer kürzeren Zeit eine weitaus höhere Ausbeute erzielen als in Tieren, was der weltweit steigenden Nachfrage entgegenkommt.

Tierleidfreie Antikörperproduktion notwendig
„Die heutige Preisverleihung kennzeichnet einen weiteren Schritt hin zu einer in vitro-Forschung ohne tierische Bestandteile“, sagt Dr. Christiane Hohensee, wissenschaftliche Referentin bei Menschen für Tierrechte und Leiterin von InVitro+Jobs. Denn bisher nutzen fast alle Labore tierische Bestandteile wie Antikörper oder Enzyme. Während bei der Verwendung definierter Medien ohne fötales Kälberserum schon Fortschritte erzielt wurden (2), konnte sich die tierleidfreie Antikörperproduktion jedoch noch nicht durchsetzen. „Die Auszeichnung des neuen Verfahrens durch die Bundesregierung ist sehr lobenswert. Dies ist aber nur der erste Schritt. Danach müssen Regierung, Wissenschaft und Industrie Maßnahmen ergreifen, damit sich das neue Produktionsverfahren in der Laborszene auch durchsetzt“, fordert Hohensee.

Überfällig: gezielte Finanzierung fehlender Verfahren
Die Auslobung von Forschungspreisen ist eine zentrale Forderung des Bundesverbandes Menschen für Tierrechte. Eine Forschungspreisverleihung kann jedoch immer nur eine Anerkennung der Forschungsleistungen der Wissenschaftler sein. Eine gezielte Finanzierung der Entwicklung fehlender tierversuchsfreier Verfahren sowie des Transfers zur Anwendung im großen Maßstab kann sie nicht ersetzen. Der Verband fordert unter anderem einen eigenen Etat zur Förderung tierversuchsfreier Verfahren, neue Kriterien bei der Vergabe von Fördermitteln sowie eine umfassende Gesamtstrategie für eine tierleidfreie Wissenschaft.

(1) Den Tieren wird das Antigen gespritzt, häufig mit Hilfsstoffen, um eine stärkere Immunreaktion auszulösen, was für die Tiere sehr schmerzhaft sein kann. Nach 3 Wochen erhalten die Tiere das Antigen nochmals, um das Immungedächtnis zu aktivieren und die Antikörperproduktion zu steigern . Am Ende werden die Tiere getötet, um die Antikörper aus Blut und Milz zu gewinnen. Bereits 2015 haben Wissenschaftler geschätzt, dass weltweit 350.000 zu 500.000 Tiere für die Antikörperproduktion verbraucht werden könnten. In Deutschland waren es mindestens 25.000 Tiere pro Jahr. Mehr Infos dazu lesen Sie unter: Versuchstier des Jahres 2015
(2) van der Valk, et al. (2018). Fetal Bovine Serum (FBS): Past – Present – Future. ALTEX 35 (1): 99-118. doi:10.14573/ altex.1705101

Kontakt:
Projektleiterin InVitro+Jobs: Dr. rer. nat. Christiane Hohensee
Tel.: +49 (0) 30-53026377, E-Mail: hohensee@invitrojobs.com

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Pressestelle:
Christina Ledermann
Tel.: 0211/16345429
Mobil: 0179/450 46 80
E-Mail: ledermann@tierrechte.de

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Menschen für Tierrechte – Bundesverband der Tierversuchsgegner e.V.
Neue Geschäftsstelle: Mühlenstr. 7a, 40699 Erkrath
Tel: 0211 / 22 08 56 48, Internet: www.tierrechte.de

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Der Bundesverband Menschen für Tierrechte setzt sich seit seiner Gründung 1982 auf rechtlicher, politischer, wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Ebene für die Anerkennung elementarer Tierrechte ein und kämpft gegen jeglichen Missbrauch von Tieren. Das langfristige Ziel ist eine grundsätzliche Veränderung des Mensch-Tier-Verhältnisses. Dem Dachverband mit Hauptsitz in Erkrath (früher Aachen) sind über 60 Vereine sowie private Fördermitglieder angeschlossen. Seine Stärke liegt im Zusammenwirken von Seriosität, Fachwissen und Lobbyarbeit auf höchster politischer Ebene. Dazu verfolgt der Verband einen Masterplan zum Ausstieg aud dem Tierversuch und eine Agrarwende von der tierischen zur pflanzlichen Eiweißproduktion, um das Ende der „Nutztier“-Haltung zu erreichen. Darüber hinaus ernennt der Verband beispielsweise das „Ersatzverfahren bzw. Replace des Jahres“ sowie das: „Versuchstier des Jahres“, betreibt die Wissenschaftsplattform InVitro+Jobs für eine konsequente Förderung der tierversuchsfreien Forschung und setzt sich mit dem Projekt SATIS für eine humane Ausbildung ein. Weitere Arbeitsschwerpunkte sind die Etablierung der Tierschutz-Verbandsklage, eine tierlose bio-vegane Landwirtschaft sowie die Aufnahme von Tierrechten in die Lehrpläne von Schulen. Der Verband gibt viermal im Jahr das Magazin tierrechte heraus. Neben einem Themenschwerpunkt informiert die Zeitschrift Journalisten, Wissenschaftler, Politiker, Behörden und Verbandsmitglieder über aktuelle Entwicklungen in der politischen Tierrechtsarbeit. Zudem erscheint zweimal monatlich der Tierrechte Newsletter. Der Bundesverband Menschen für Tierrechte ist seit seiner Gründung als gemeinnützig und besonders förderungswürdig anerkannt. Beiträge und Spenden sind steuerlich absetzbar.

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