Kampagne Tierversuche für Botox Themen

Info-Serie zur Kampagne für Ersatz qualvoller Tierversuche bei Botoxtests

Foto: vkovalcik, iStockphoto/Alexa Binnewies Wie bei Puzzleteilen, die zusammengefügt ein Ganzes ergeben, bedeutet erst die Entwicklung und Anerkennung von Ersatzverfahren zum qualvollen LD50-Test an Mäusen für die Bulk- und Qualitätsprüfungen sowie die außereuropäische Auslandsvermarktung die vollständige Abschaffung von Tierversuchen.

Der Bundesverband sammelt derzeit Unterschriften für die Entwicklung weiterer tierversuchsfreier Verfahren für das Faltenmittel Botox. Mit den Unterschriften wollen wir die Hersteller auffordern, auch für die verbliebenen Tests tierleidfreie Verfahren zu entwickeln und sich verstärkt für deren außereuropäische Anerkennung einzusetzen.

Der von Merz entwickelte und 2015 zugelassene in vitro-Test mit menschlichen Zellen für die Chargenprüfungen von Botoxprodukten ist ein großer Erfolg. Der Test löst aber nicht alle Tierversuche ab, rund 15% der qualvollen LD-50-Versuche an der Maus bleiben bestehen. Dabei wird Mäusen das Gift in verschiedenen Konzentrationen in die Bauchhöhle gespritzt und getestet, bei welcher Konzentration die Hälfte der Tiere durch Atemlähmung erstickt.

Neue mediznische Anwendungen bedingen mehr Tierversuche
Der LD50-Test ist ein gesetzlich vorgeschriebener Tierversuch für Bulk-Tests [1], Qualitätsüberprüfungen des Zell-Tests [2] und die außereuropäische Vermarktung der Botox-Produkte. Hinzu kommt, dass immer wieder neue medizinische Anwendungen gefunden werden, wodurch der Bedarf an Tests und somit auch an Tieren steigt. Im Zuge unserer Kampagne möchten wir hier in einer 6-teiligen Info-Serie alle zwei Wochen eine solche medizinische Anwendung vorstellen.

1. Botoxbehandlung nach Schlaganfall
Mit mehr als 200.000 Betroffenen gehört der Schlaganfall zu den häufigsten Invaliditäts- und Todesursachen in den Industrienationen.
Nach einem Schlaganfall kann es zu einer Schädigung von Hirn- und Rückenmark kommen, die zu einer Lähmung führt. 10-13% der Patienten leiden unter einer spastischen Bewegungsstörung, die Betroffenen können häufig nicht mehr gehen und sind an den Rollstuhl gefesselt.
Als Therapie gegen solche spastischen Muskelverkrampfungen wird heutzutage häufig das Nervengift Botox eingesetzt [3]. Es löst die dauerhafte Anspannung durch Hemmung der Signalübertragung von Nerven auf den Muskel [4]. Die Muskelentspannung hält ungefähr drei bis vier Monate an. Laut einer aktuellen Studie wurden wiederholte Behandlungen über ein Jahr gut toleriert und erhöhten die Geh-Geschwindigkeit und die Wahrscheinlichkeit der Patienten, an Trainings teilzunehmen [5]. Werden keine Ersatzmethoden entwickelt und zugelassen, müssen somit mehr Mäuse in den verbleibenden LD-50-Tests leiden.

1. Medizinische Botoxanwendung zur Behandlung von chronischer Migräne
Chronische Migräne (CM) betrifft bis zu 2,2 % der deutschen Bevölkerung und schränkt die Lebensqualität und Leistungsfähigkeit der Betroffenen stark ein [6,7,8]. Bei derartiger Migräne leiden die Patienten an z.T. pulsierenden starken Kopfschmerzen, Licht- und Geräuschempfindlichkeit oder Übelkeit und möglicher Verstärkung bei körperlicher Bewegung. Behandelt wird mit unspezifischen prophylaktischen Medikamenten, aber auch mit Botox-Injektionen des Typs A, wenn die Patienten auf diese Medikamente nicht ausreichend ansprechen [9]. Nach einer Injektion [7] in bestimmte Kopf- und Halsbereiche lähmt Botox die Muskeln, indem es verhindert, dass der Botenstoff Acetylcholin freigesetzt wird, der normalerweise die Muskeln aktiviert. Die Wirkung hält ungefähr drei Monate an.
In den Zulassungsstudien bewies Botox Wirksamkeit, eine Verbesserung der Lebensqualität, Sicherheit und Verträglichkeit in Erwachsenen mit CM für bis zu 52 Wochen. Nach neuesten Ergebnissen stellt sich Botox auch in der Langzeitbehandlung von CM über 3 Jahre, einschließlich der durch Medikamentenübergebrauch bedingten Form, als wirksam und sicher heraus [9].
Mit der erst neulich bestätigten erfolgreichen Anwendung von Botox für diese weitverbreitete Erkrankung wird der Bedarf an Botox, inklusive der nötigen Sicherheitstests in dessen Herstellung steigen. Es werden also auch in Zukunft nicht weniger Mäuse für die Behandlung von Krankheiten leiden müssen, sofern nicht tierfreie Methoden entwickelt und anerkannt werden.

Mitmachen: Fehlende tierversuchsfreie Botox-Tests einfordern
Wir sind mit dem Botox-Hersteller Merz in Kontakt. In Gesprächen hat das Unternehmen sein Engagement zugesagt, um auch für die verbleibenden behördlich geforderten Tests tierleidfreie Verfahren zu entwickeln. Gemeinsam wollen wir Merz beim Wort nehmen und die Unterschriften unserer Unterstützer nutzen, um mit Nachdruck die noch fehlenden Verfahren und Verhandlungen mit den außereuropäischen Regulationsbehörden einfordern. Hier geht es zur Unterschriften-Aktion, helfen Sie mit!

[1] In sogenannten Bulktests an der Maus wird der in der entsprechenden Formulierung gelöste Wirkstoff zur Abfüllung bei der Herstellung des Fertigprodukts überprüft. Die Ersatzverfahren dürfen dagegen nur für die Chargenprüfung genutzt werden, um Stabilität und Konzentration in homöopathisch kleinen Dosen zu testen.
[2] In den behördlich vorgeschriebenen Qualitätsprüfungen wird in regelmäßigen Abständen der Zelltest mit einem Tierversuch auf Qualität und Aussagekraft hin überprüft.
[3] http://rehanews24.de/botox-gegen-spastik-wie-das-nervengift-schlaganfallpatienten-helfen-kann/
[4] https://www.myhandicap.de/gesundheit/koerperliche-behinderung/laehmung/botox-bei-spastik/
[5] Gracies, J. M., Esquenazi, A., Brashear, A., Banach, M., Kocer, S., Jech, R., … & Ilkowski, J. (2017). Efficacy and safety of abobotulinumtoxinA in spastic lower limb Randomized trial and extension. Neurology, 10-1212.“
[6] Headache Classification Committee of the International Headache Society (IHS). The International Classification of Headache Disorders, 3rd edition (beta version). Cephalalgia, 2013; 33: 629–808.
[7] Natoli JL, Manack A, Dean B, et al. Global prevalence of chronic migraine: a systematic review. Cephalalgia 2010; 30: 599–609.
[8] Steiner TJ, Birbeck GL, Jensen RH, et al. Headache disorders are third cause of disability worldwide. J Headache Pain 2015; 16: 58.
[9] Andreoua AP, Trimbolia M, Al-Kaisya A, et al. Prospective real-world analysis of OnabotulinumtoxinA in chronic migraine post-National Institute for Health and Care Excellence UK technology appraisal. European Journal of Neurology 2018, 25: 1069– 1075, e83