Foto: Colin Goldner
Zoo/Zirkus

Wie lässt sich die hohe Todesrate im Zoo begründen?

Die hohen Verluste erklären sich zum einen durch die widernatürlichen Umstände, unter denen die Tiere in Zoos gehalten werden, angefangen vom hiesigen Klima, das dem Immunsystem aus anderen Regionen stammender Tiere erheblich zusetzt, hin zu den vielfach extrem beengten Verhältnissen, unter denen sie in Gitterkäfigen und vollverfliesten Betonbunkern zusammengepfercht sind.
Zum anderen ist die veterinärmedizinische Versorgung der Zootiere alles andere als optimal. Weit mehr noch als das Leitungs- und Tierpflegepersonal unterliegen die für und in Zoos tätigen Tierärzte dem Problem, mit Tieren so vieler grundverschiedener Arten konfrontiert zu sein, dass sie für eine angemessene Versorgung jeder einzelnen Art unmöglich ausreichend qualifiziert sein können. Selbst die postgraduale Weiterbildung zum „Fachtierarzt für Zoo-, Gehege- und Wildtiere“ kann nicht einmal ansatzweise die Befähigung vermitteln, hunderte Arten von Gliederfüßern, Fischen, Amphibien, Reptilien, Vögeln und Säugetieren kompetent zu behandeln. Gleichwohl wird genau dies von Zootierärzten verlangt, und gleichwohl behaupten diese, dies auch leisten zu können.

Die in Deutschland in den 1950ern eingeführte Weiterbildung zum „Fachtierarzt für Zoo-, Gehege- und Wildtiere“ kann je nach Bundesland in 80 (z.B. Sachsen) bis 160 Stunden (z.B. Baden-Württemberg) absolviert werden. Sie vermittelt Kenntnisse auf dem Gebiet 1. der tierärztlichen Prophylaxe im Zoo; 2. der medikamentellen Ruhigstellung einschließlich der Handhabung von Injektionswaffen und Injektionssystemen; und 3. der Krankheiten und der Behandlung einschließlich der Chirurgie und Geburtshilfe sämtlicher in Zoos gehaltener Tierarten. Eine Prüfung gibt es nicht.

Als ernstzunehmende Sonderqualifikation kann das alles nicht gelten. Angesichts des Umstandes, dass es für verschiedene Tierarten (Pferde, Rinder, Schweine, Kleintiere, Vögel, Fische etc.) eigene Facharztausbildungen gibt, die sich jeweils in verschiedene Teilgebiete gliedern (Chirurgie, Dermatologie, Innere Medizin, Kardiologie, Reproduktionsmedizin etc.) bzw. mit weiteren Spezialisierungen verbunden sind (Augenheilkunde, Zahnheilkunde etc.), und dass es darüber hinaus eigene Fachtierarztausbildungen für Klinische Laboratoriumsdiagnostik, Mikrobiologie, Parasitologie, Pathologie, Pharmakologie und Toxikologie, Tierernährung und Diätetik, Tierhygiene, Epidemiologie etc. gibt, erscheint das Unterfangen, all dies in einer 80- bis 160-stündigen Schmalspurweiterbildung erlernen und dann kompetent umsetzen zu wollen, von nachgerade irrwitziger Vermessenheit. Zootierärzte dilettieren sich gewissermaßen von einem Patienten zum nächsten, wobei sie, im Gegensatz zu Humanmedizinern, für Fehldiagnosen oder Behandlungsfehler prinzipiell nicht haftbar gemacht werden können.

Erschwerend kommt hinzu, dass Zootierärzte in der Regel mit einer nicht entfernt zu bewältigenden Vielzahl an Individuen konfrontiert sind. Im Berliner Zoo etwa sind zwei Tierärzte für knapp 20.000 Tiere zuständig, was eine Brutto-Behandlungszeit von rund 10 Minuten pro Tier und Jahr bedeutet. Wie allein die notwendigen Prophylaxemaßnahmen in dieser Zeit durchgeführt werden sollen (regelmäßige Impfungen sowie parasitologische und bakteriologische Kontrolle des Tierbestandes durch Kot- und Blutuntersuchung), bleibt unerschließlich; ganz zu schweigen von notwendigen Behandlungen bei Krankheit oder Verletzung.

In den meisten Zoos wird überhaupt kein festangestellter Tierarzt vorgehalten, vielmehr wird die Versorgung der Tiere von einem örtlich niedergelassenen Tierarzt gewissermaßen „nebenbei“ miterledigt. Bezeichnenderweise liegt der Haushaltsposten „Tierarzt“ in den einzelnen Zoos im unteren einstelligen Prozentbereich: der Zoo Duisburg etwa wendet von seinem Jahresbudget in Höhe von 7,9 Millionen Euro gerade einmal 1 Prozent für die tierärztliche Betreuung der mehr als 3500 vorgehaltenen Tiere auf (zu denen mithin veterinärmedizinisch bzw. pharmakologisch intensiv zu betreuende Delfine zählen). Umgerechnet auf das einzelne Tier betragen die tiermedizinischen Ausgaben im Duisburger Zoo (einschließlich der Tierarzthonorare, der Laborkosten sowie sämtlicher Impfstoffe, Medikamente etc.) gerade einmal 6 Cent pro Tag.

Im Übrigen verfügen keineswegs alle in und für Zoos tätigen Tierärzte über eine entsprechende Facharztausbildung (die gesetzlich auch nicht vorgeschrieben ist): Jeder approbierte Tierarzt, mit oder ohne Facharztausbildung, kann und darf in einem Zoo arbeiten. Eine amtstierärztliche Kontrolle der Zoos kann allein der Betriebsgrößen wegen in ernstzunehmendem Umfange nicht stattfinden. Im Einzelfall sind Zootierarzt und Amtstierarzt sogar ein und dieselbe Person, so dass über Verstöße gegen das Tierschutzgesetz, für dessen Einhaltung die Amtstierärzte zuständig sind, wohlwollend hinweggesehen wird: der Amtstierarzt müsste insofern ggf. gegen sich selbst ermitteln. Angezeigte Missstände werden, wenn überhaupt, nur zögerlich verfolgt. Fälle, in denen Veterinärbehörden „von sich aus“ gegen einen Zoo tätig geworden wären, sind nicht bekannt.

(Ergänzung zum dem Interview „Zoos sind und bleiben Gefängnisse!“ mit dem Wissenschaftsjournalist Colin Goldner)

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