Industrielle Tierhaltung

Milch: Raubbau an der Kuh

Foto: almotti / pixelio.de

Deutschland ist der größte Milcherzeuger der EU. Rund 4,2 Millionen „Milchkühe“ stehen derzeit in Deutschlands Ställen, Tendenz fallend, denn immer weniger Kühe liefern immer mehr Milch. Doch was die Milchproduktion für die sogenannten Milchkühe bedeutet, ist noch viel zu wenig bekannt. Fern von grünen Wiesen, fristen sie ihr Leben als Hochleistungsproduzenten – mit gravierenden gesundheitlichen Folgen.

Einseitige Zucht auf Milchmenge
Kühe könnten über 20 Jahre alt werden, doch fast die Hälfte der sogenannten Milchkühe erreicht heutzutage nicht einmal das vierte Lebensjahr. Die Ursachen hierfür sind meist Krankheiten und Schäden, die direkt oder indirekt mit der Milchproduktion zu tun haben. Denn die hohe Milchleistung geht mit einer enormen körperlichen Ausbeutung der Kuh einher. Vor 60 Jahren gab eine Kuh ungefähr 700 Liter pro Jahr. Schon dies ist bereits eine große Stoffwechselleistung. Heute werden jedoch „Hochleistungskühen“ Tagesmilchleistungen von bis zu 50 Litern und mehr abverlangt.

Stoffwechselleistungen eines Dauermarathons
In den letzten 100 Jahren wurde die Milchleistung der Kühe um das Zehnfache gesteigert. Durch einseitige Zucht auf Milchmenge und eine ausgeklügelte Fütterung mit Kraftfutter wird eine moderne „Hochleistungskuh“ der Rasse Holstein-Friesian heute dazu gezwungen, jährlich zwischen 8000 und 11000 Liter Milch zu produzieren.“Spitzentier“ geben bis zu 14.000 Liter pro Jahr. Bei einer Menge von bis zu 50 Litern pro Tag vollbringt ihr Organismus die Stoffwechselleistungen eines Dauermarathons. Um zu illustrieren, wie unnatürlich hoch eine Milchleistung von 50 Litern pro Tag ist, wird deutlich, wenn man miteinbezieht, dass ein Kalb täglich nur ca. 8 Liter trinkt.

Kühe der Rasse Holstein-Friesian geben zwischen 8000 und 11000 Liter Milch im Jahr. Foto: soylent-network

Was bedeutet eine hohe Milchleistung für die Kuh?
Die enorme Milchleistung bringt den Organismus der Kuh in Grenzbereiche. Diese Maximalleistung hält die Kuh nur zwei bis drei Laktationsperioden durch. Im Durchschnitt landet sie mit vier bis fünf Jahren und nach zwei bis drei Trächtigkeiten auf dem Schlachthof. Fruchtbarkeitsstörungen, Festliegen nach der Geburt (Gebärparese), Nachgeburtsverhalten, Gebärmutterentzündungen, Euterentzündungen und Labmagenverlagerungen stehen im Vordergrund. Aufgrund der hohen Milchleistung entgleist der Stoffwechsel. Die Hochleistungskuh läuft Gefahr, ihr eigenes Körperfett abzubauen, um die Milchleistung erbringen zu können. Sie erkrankt an der sogenannten Ketose und einer Verfettung der Leber. Übersteht sie diese Laktation, so hat sie mit großer Wahrscheinlichkeit Probleme, erneut tragend zu werden, ohne gynäkologische Probleme abzukalben und gesund in eine neue Laktation zu gehen.

Nach vier bis fünf Jahren ausgezehrt
Die hier genannten „Berufskrankheiten“ der Milchkühe treten insbesondere in den ersten 100 Tagen der Laktation auf, also in der Zeit, in der die größte Milchmenge produziert wird. Etwa 40 Prozent der Milchkühe scheiden nach zwei bis drei Laktationen aus und gehen in jugendlichem Alter von vier bis fünf Jahren zur Schlachtung. Dabei könnte eine Kuh 20 Jahre und älter werden. Das 2015 vom damaligen Bundesminister Schmidt vorgestellte Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats für Agrarpolitik beim Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft bemängelt u.a., dass die bei Milchkühen im Vordergrund stehenden Erkrankungen zahlenmäßig nicht so belegt werden können, weil hierzu keine ausreichende Datensammlung vorliegt, und viele Erhebungen zudem nicht öffentlich einsehbar sind. Das Gremium sagt aber auch klar, dass die starke Konzentration auf die Leistung (Milch) zu einer hohen Empfindlichkeit der Tiere gegenüber Gesundheits- und Verhaltensproblemen führt, die nur von einem Teil der Landwirte bewältigt werden können.

Das Leid der Kälber
Hinzu kommt nach Auskunft des Verbandes das Leid der Kälber. Um Milch zu geben, müsse jede Kuh jährlich ein Kalb gebären. Von diesem werde sie direkt nach der Geburt gewaltsam getrennt. Die Kälber würden mutterlos aufgezogen. Bullenkälber würden noch im Kindesalter oder nach einer kurzen Mast geschlachtet. Schwächere Kälber würden teilweise schon vorher getötet, weil es unwirtschaftlich sei, sie aufzuziehen. Da die Landwirte ihre Kälber erst bis zum siebten Tag registrieren müssen, bleibe ihnen genug Zeit, um ein schwaches männliches Kalb unbemerkt loszuwerden. Dass dies im Verborgenen ohne einen Tierarzt geschieht, macht es noch schlimmer. Die Bauern, die dabei am Pranger stehen, sind dabei selbst Opfer einer gnadenlosen Marktlogik: Mehr als 100 Euro muss ein Milchbauer in ein männliches Kalb investieren, bevor er es an einen Mäster verkaufen kann. Doch der Erlös für ein gesundes Tier liegt zwischen 45 und 80 Euro. Das macht ein Bullenkälbchen zu einem Verlustgeschäft.

Maßnahmen für den Ausstieg
Der Bundesverband Menschen für Tierrechte spricht sich für einen Ausstieg aus der Milchproduktion aus.  Landwirte, die auf den Anbau von Pflanzen umsteigen wollen, müssen explizit gefördert werden. Weitere Maßnahmen sind eine höhere Besteuerung tierischer Produkte sowie eine Berücksichtigung der klimaschädlichen Landwirtschaft beim Emissionshandel.