Industrielle Tierhaltung

Interview: „Unser Langzeitziel ist das Ende der industriellen Tierhaltung“

Ende September 2016 wurde eine bemerkenswerte Initiative gestartet: Ein Zusammenschluss von Großinvestoren forderte die großen Lebensmittelkonzerne auf, mehr auf pflanzliche Nahrungsmittel zu setzen. Rosie Wardle, zuständig für den Bereich industrielle Tierhaltung bei der Jeremy Coller Stiftung, ist optimistisch. Auch Bill Gates nennt pflanzliches Fleisch „die Nahrung der Zukunft „. Tierrechte sprach mit ihr über die Risiken der industriellen Tierhaltung, den Einfluss von Investoren und über die zukünftige Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung.

1. Tierrechte: Gab es ein Schlüsselerlebnis, das Sie dazu motivierte, sich gegen die industrielle Tierhaltung und für pflanzliches Eiweiß als Nahrungsmittel zu engagieren?

Rosie Wardle: Ich leite das Programm zur industriellen Tierhaltung bei der Jeremy Coller Stiftung. Unser Langzeitziel ist es, das System der industriellen Tierhaltung, das wir als unmenschlich und nicht nachhaltig betrachten, insgesamt zu beenden. Das Programm fokussiert derzeit auf die globalen Folgen der Massentierhaltung auf die Umwelt, die menschliche Gesundheit und für die Tiere. Wir sind der Meinung, dass ein Umlenken des Konsums hin zu mehr Eiweiß auf pflanzlicher Basis eine Schlüsselkomponente ist, um sich vom System der industriellen Tierhaltung weg – und damit auch fortzuentwickeln. Es besteht kein Zweifel, dass der durchschnittliche Konsument in den Industrieländern weniger Fleisch essen muss. In Europa und den USA wird derzeit etwa die doppelte Menge an Eiweißen konsumiert als nötig wäre. Ohne die intensive Tierhaltung und die Produktion enormer Mengen billigen Fleisches wäre diese Überversorgung mit tierischen Proteinen nicht möglich.

2. Tierrechte: Was treibt Sie an, sich gegen die industrielle Tierhaltung zu engagieren?

Rosie Wardle: Das Ende der industriellen Tierhaltung ist ein strategisches Langzeitziel unserer Stiftung, zum Vorteil von menschlichen und nichtmenschlichen Tieren und dem Planeten insgesamt. Ich persönlich war immer schon leidenschaftliche Tierschützerin und Tierrechtlerin. Ich wuchs in einem kleinen Dorf im Nordengland auf. Dort war ich schon früh mit Massentierhaltung konfrontiert. Eine der eindringlichsten Erinnerungen, war der Ausbruch der Maul und Klauenseuche im Jahr 2001 – da war ich 13 Jahre alt. Ich sah die brennenden Scheiterhaufen aus toten Tieren, die man getötet hatte, weil sie die Krankheit hatten oder als Vorsichtsmaßnahme, um eine weitere Verbreitung zu verhindern. Diese verheerenden Bilder waren ein Weckruf für mich. Ich fing an mir Gedanken zu machen. Über die Massentierhaltung und über die Art, wie wir mit Tieren umgehen. Statt wie fühlende Wesen behandelt wir sie wie Ware.

3. Halten Sie die Initiative der Investoren für effektiv, um die Bedingungen in der Tierhaltung zu verbessern oder diese grausame Art der Tierhaltung sogar ganz zu beenden?

Rosie Wardle: Ja. Es geht es darum, die Nachfrage nach tierischen Proteinen zu senken. Wir motivieren die Lebensmittelkonzerne durch die Investoren, ihre Chancen und Möglichkeiten in diesem Bereich auszuloten und ihre Lieferketten so auszurichten, dass sie mehr Produkte auf pflanzlicher Basis in ihr Angebot aufnehmen.
Das hat sowohl eine direkte Auswirkung auf die Nachfrage für die Produkte benötigten tierischen Inhaltsstoffe, als auch darauf, dass mehr vegetarische und vegane Produkte in den Supermarkt-Regalen angeboten werden. Ich hoffe, dass die Verfügbarkeit der Produkte dazu führen wird, dass die Verbraucher ihre Konsumgewohnheiten entsprechend verlagern. Dies hätte wiederum einen positiven Effekt auf die Nachfrage nach diesen Produkten.

4. Welches Potenzial haben solche Investoren-Initiativen? Wieviel Einfluss haben können sie auf die großen Lebensmittelkonzerne ausüben?

Rosie Wardle: Investoren sind die Eigentümer von Unternehmen – die Unternehmen müssen sich letztlich vor ihnen verantworten. Deswegen können Investoren massiv Einfluss auf die Unternehmen nehmen. Es liegt zudem im Interesse der Investoren, die Protein-Problematik anzugehen. Glücklicherweise sind die Vorteile für die Investoren deutlich zu erkennen. Der Markt für nachhaltige pflanzliche Proteine ist groß und er wächst weiter. Um nur ein paar Beispiele zu nennen: Der Absatz von alternativen Milchprodukten auf pflanzlicher Basis stieg in den USA im Jahr 2015 um 9 Prozent. Der Absatz von Fleischersatzprodukten wächst steigerte sich um 8,4 Prozent. Auf der anderen Seite sank der Absatz von Kuhmilch im gleichen Zeitraum um 7 Prozent. Auch Bill Gates nennt pflanzliches Fleisch „die Zukunft der Nahrung“. Es ist zu erwarten, dass die Entwicklung weiter in diese Richtung geht. Die Weltbevölkerung wächst. Damit steigt und die Nachfrage nach Protein. Mit der derzeitigen Produktion auf Basis tierischen Eiweißes, kann dieser Bedarf auf Dauer nicht gedeckt werden. Die industrielle Tierhaltung ist ein Rezept für eine finanzielle, soziale und ökologische Krise. Studien prognostizieren, dass alternative Proteine deswegen bis 2050 ein Drittel des gesamten Proteinmarktes ausmachen werden. Die Anleger müssen darauf reagieren und ihre Lieferketten jetzt zukunftssicher machen.

5. Wie schätzen Sie die Entwicklung ein? Wird sich für die Tiere in naher Zukunft etwas ändern?

Rosie Wardle: Wir stehen zwar gerade am Anfang dieser Initiative, aber ich bin optimistisch. Momentan ist das Interesse an pflanzlichen Eiweißen sehr groß. Nicht nur bei Investoren, sondern auch bei Lebensmittelindustrie und Verbrauchern. Ein aktuelles Beispiel ist die Investition von Tyson Foods (Anmerkung: großes US-Fleischunternehmen) in das Start up-Unternehmen „Beyond Meat“. Tyson hat kürzlich erklärt, dass sie sich nicht mehr als Fleischunternehmen sehen, sondern als Protein-Versorger. Das ist eine gute Nachricht für die Tiere.

Das Interview führte Christina Ledermann.

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