Tierversuchsfrei

Unumgänglich: Masterplan für den Ausstieg aus dem Tierversuch

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Deutschland, das sich gerne als Tierschutz-Musterknaben sieht, steht im Hinblick auf die Tierversuche schlecht da. Die Tierversuchszahlen sinken nicht obwohl die Kritik am Tierversuch selbst vonseiten der Wissenschaftler immer lauter wird. Es gibt weder eine Strategie zum Ausstieg aus dem Tierversuch noch klare Verantwortlichkeiten.  Um einen solchen einzuleiten, ist jedoch eine Gesamtstrategie notwendig, ähnlich wie beim Atomausstieg oder beim Klimaschutzplan. Zusammen mit Ärzte gegen Tierversuche haben wir eine Kampagne mit Petition gestartet, um bei Wissenschaftsministerin Anja Karliczek und Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner Druck zu machen.

Erster Abbauplan kommt aus Den Haag
Bereits 2014 haben wir ein Maßnahmenpaket zum Ausstieg aus dem Tierversuch vorgestellt und von der Bundesregierung einen Masterplan eingefordert. Im Dezember 2016 präsentierten die Niederlande weltweit als erstes Land ihren Bericht für den Abbau der Tierversuche. Die Pläne der Niederländer harmonieren dabei perfekt mit unseren Forderungen nach einem umfassenden Gesamtkonzept. Zielvorgabe bei unseren Nachbarn ist unter anderem, die gesetzlich vorgeschriebenen Giftigkeitstests bis 2025 zu verbieten. Die Niederlande wollen zudem bis 2025 weltführend für tierversuchsfreie Methoden sein und sehen eine realistische Chance, dies auch zu erreichen. Das nationale niederländische Komitee für den Schutz von Tieren (NCad) spricht dabei klar aus, dass der Abbau der Tierversuche kein Selbstläufer ist. Vielmehr muss eine Gesamtstrategie verfolgt werden. Nur so bestehen realistische Chancen, die regulatorischen Tests bis 2025 komplett einzustellen.

Lesen Sie hier unser ausführliches Interview zum Abbauplan mit Dr. Herman Koëter (Vorsitzender NCad).

Regulatorische Test bis 2025 beenden
NCAD unterteilt die Tierversuche in unterschiedliche Bereiche und beurteilt ihre Reduktionsmöglichkeit bis zum Jahr 2025. Danach können Tierversuche für Regulatorische Sicherheitstests für Chemikalien, Lebensmittelzusätze, Pestizide und (Tier-) Medizinprodukte unter Einhaltung des gleichen Sicherheitsniveaus bis 2025 beendet werden. Auch biologische Produkte wie zum Beispiel Impfstoffe können für die Vermarktung bis 2025 tierversuchsfrei und sicher getestet werden.

Angewandte Forschung
In der angewandten Forschung sieht das Komitee Möglichkeiten, viel schneller voranzukommen als das derzeit der Fall ist. Konkret empfiehlt es, sich im Bereich der Entwicklung von menschlichen Krankheitsmodellen auf tierversuchsfreie Methoden wie Organchips zu konzentrieren. So können die Niederlande auch in diesem Bereich bis 2025 führend sein. Im Bericht wird die Bedeutung humanbasierter Methoden und der personalisierten Medizin betont, wie beispielsweise epidemiologische Studien oder Microdosing.

Gesamtstrategie im Einzelnen
Wir wollen, dass auch Deutschland einen vergleichbaren Masterplan verfolgt. Dieser sollte eine Gesamtstrategie, ein Umsetzungsmanagement sowie ein Monitoring-Programm enthalten. Das Mindeste wäre es, dass Deutschland den existierenden niederländischen Abbauplan unterstützt. Nur so können Erfolge festgestellt und öffentlich gemacht werden. Dieser Masterplan sollte unter Federführung der Bundes- und Länderregierungen unter Beteiligung von Vertretern aller Stakeholder (Wissenschaft, Industrie, Behörden, Tierschutz/Tierrechte) erstellt werden.

Der Masterplan muss folgende Einzelmaßnahmen enthalten:

  • Massive Erhöhung der Forschungsgelder für tierversuchsfreie Verfahren in Deutschland und in der EU, Festlegung von Forschungsbereichen, für die am dringendsten solche Verfahren entwickelt werden müssen
  • Ausweitung der Verbotsregelungen bestimmter Tierversuche
    Durch erste Sofortmaßnahmen müssen Tierversuche in bestimmten Bereichen gesetzlich verboten werden wie z.B. das Verbot von Tierversuchen für Haushaltsprodukte sowie durch ein EU-weites Vermarktungsverbot, Verbote von Tierversuchen der Kategorie „schwer“ und ein Verbot des Tierverbrauchs im Studium.
  •  Lehre und Forschung: Ausweitung der tierversuchsfreien Wissenschaft
    Die Einrichtung von Lehrstühlen und Professuren für tierversuchsfreie Verfahren, die Etablierung tierverbrauchsfreier Studiengänge und die Einführung weiterer Forschungspreise für tierversuchsfreie Verfahren
  • Erfolgskontrolle über die Zunahme tierversuchsfreier Verfahren und Abnahme der Tierversuche
    Dazu ist eine Reform der Versuchstiermeldeverordnung (Erfassen aller betroffenen Tiere), die Einführung einer Jahresstatistik über Entwicklung und Anwendung tierversuchsfreier Methoden und eine rückblickende Bewertung in Form einer Schaden-Nutzen-Analyse für alle durchgeführten Tierversuche notwendig.
  • Einrichtung eines nationalen Kompetenzzentrums als Auskunftsstelle für Behörden und Wissenschaftler
  • Ergänzende Maßnahmen
    Drastische Verkürzung der zeitlichen Prozesse für Prüf- und Anerkennungsverfahren für tierversuchsfreie Verfahren, Einführung der Tierschutz-Verbandsklage auf Länder-, bzw. Bundes- und EU-Ebene. Durch die Verbandsklage erhalten die anerkannten Tierschutzverbände das Recht, alle Genehmigungsanträge zu Tierversuchen im jeweiligen Land zu sichten, zu bewerten und ihre Einwände gegenüber den Behörden vorzubringen. Folgt die Behörde den Einwendungen nicht, kann der Verband vor Gericht klagen.

Um den Ausstieg aus dem Tierversuch voranzutreiben, setzen wir uns intensiv für diesen Masterplan ein. Unterstützen auch Sie unsere Petition mit Ihrer Unterschrift und fordern mit uns gemeinsam den überfälligen Systemwechsel.

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