Eine Zuckersteuer ist sinnvoll, um die ernährungsbedingten Krankheiten durch den zu hohen Konsum zu bekämpfen. Doch wenn es um die Auswirkungen ungesunder Ernährungsgewohnheiten geht, dann müssen wir über eine andere Steuer sprechen, nämlich die für Fleisch! Eine höhere Mehrwertsteuer auf tierische Produkte wäre nicht nur ein wirksames Lenkungsinstrument für eine gesündere Ernährung, sie könnte auch dazu beitragen, die wahren Kosten von tierischen Produkten abzubilden und die Finanzierungslücke für die Transformation der Landwirtschaft zu schließen.
Derzeit wird wieder über die Einführung einer Zuckersteuer diskutiert. Das ist sinnvoll, wenn man bedenkt, dass der Zuckerkonsum mit über 40 Kilogramm pro Kopf und Jahr ein Rekordniveau erreicht hat. Deutschland rangiert mit rund 18 Millionen stark übergewichtigen Erwachsenen und etwa zwölf Millionen Menschen mit Typ-2-Diabetes in der Spitzengruppe in der EU. Die Erfahrung zeigt, dass dieses Problem nicht allein durch individuelles Verhalten zu lösen ist. Deswegen sprechen sich Spitzenpolitiker, Bundesärztekammer, Verbraucherzentralen, Foodwatch und zahlreiche Fachgesellschaften für eine Zuckersteuer aus.
Gut so, denn die Kosten für das Gesundheitssystem für die ernährungsbedingten Krankheiten sind erheblich und verteuern die Leistungen für alle gesetzlich Versicherten. Es ist also höchst sinnvoll über eine Besteuerung von Zuckerhaltigen Lebensmitteln zu diskutieren. Doch wenn es um die Auswirkungen ungesunder Ernährungsgewohnheiten geht, dann müssen wir über eine andere Steuer sprechen, nämlich die für Fleisch!
Fleischkonsum verantwortlich für ernährungsbedingte Krankheiten
Zahlreiche Studien belegen, dass der übermäßige Konsum von Fleisch schwerwiegende Folgen für die Gesundheit hat. Er wird mit der Entstehung zahlreicher Zivilisationskrankheiten wie Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Übergewicht und chronischer Nierenerkrankung (CKD) in Verbindung gebracht. Etwa ein Drittel aller in der westlichen Welt auftretenden Krebserkrankungen sind auf Lebensstilfaktoren wie eine ungesunde Ernährung zurückzuführen. Insbesondere der Verzehr von verarbeitetem rotem Fleisch (wie von Schwein, Rind, Kalb oder Lamm) soll das Sterblichkeitsrisiko verdoppeln. Im Jahr 2015 stufte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) verarbeitetes Fleisch deswegen in Risikogruppe 1 und rotes Fleisch in Gruppe 2A ein.
Konsum überschreitet Richtwerte
Laut den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) sollte die wöchentliche Zufuhr von 300–600 g Fleisch und Wurst deswegen nicht überschritten werden. Grund sind insbesondere die hohen Mengen an gesättigten Fettsäuren, Cholesterin und Purinen. Im Jahr 2022 lag der wöchentliche Pro-Kopf-Verbrauch von Fleisch jedoch mit rund 1.000 Gramm noch deutlich über dieser Empfehlung.
Wachsende Gefahr durch Antibiotikaresistenzen
Durch den hohen Antibiotika-Einsatz in der Massentierhaltung wächst zudem die Zahl gefährlicher multiresistenter Keime. Jedes Jahr sterben nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) 1,3 Millionen Menschen, weil Antibiotika nicht mehr wirken. Insbesondere die Gabe von Reserve-Antibiotika hat dazu geführt, dass die vorerst letzte Waffe gegen gefährliche Infektionen stumpf geworden ist, und wir uns schlimmstenfalls auf ein postantibiotisches Zeitalter zubewegen. Die Gefahr betrifft ganz konkret die Konsumenten Hähnchenbrustfilets: Ein aktueller ÖKO-TEST (01/2026) ergab, dass mehr als die Hälfte der getesteten Fleischprodukte mit antibiotikaresistenten Keimen belastet war.
Viele Gründe für eine pflanzenbetonte Ernährung
Neben den gesundheitlichen sprechen auch ethische, soziale und ökologische Gründe für eine Reduktion des Konsums von Fleisch und anderen tierischen Produkten. Deren Produktion bedingt millionenfaches Tierleid und trägt erheblich zu Umweltzerstörung und Klimawandel bei. Außerdem wird eine fleischbetonte Ernährung wegen der enormen Ressourcenverschwendung eine wachsende Weltbevölkerung in Zukunft nicht ernähren können.
Nahrungsmittelproduktion übersteigt Belastungsgrenzen
Die Nahrungsmittelproduktion gilt als der wesentliche Treiber für das Überschreiten der planetaren Belastungsgrenzen und verursacht rund 30 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen. Im September 2025 belegte ein Bericht des Planetary Boundaries Science Lab am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), dass mittlerweile sieben der neun kritischen Belastungsgrenzen der Erde überschritten sind. Computersimulationsmodelle des PIK zeigen, dass unter anderem die Umstellung auf eine „sehr stark pflanzliche Ernährung“ nötig ist, um den Konsum von Lebensmitteln bis zum Ende dieses Jahrhunderts emissionsneutral zu machen.
Wissenschaftler empfehlen Planetary Health Diet
Ziel ist die pflanzenbasierte Planetary Health Diet der EAT-Lancet-Kommission. Diese sei nicht nur möglich, sondern unverzichtbar für eine sichere, gerechte und nachhaltige Zukunft. Seitdem haben wissenschaftliche und politische Gremien sowie staatliche Behörden, Bundesämter und Fachgesellschaften, wie das Bundeszentrum für Ernährung (BZfE), die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) und das Umweltbundesamt ihre Empfehlungen unter Berücksichtigung der Planetary Health Diet überarbeitet.
Abgabe könnte Transformation finanzieren
Um den schädlichen Konsum tierischer Produkte zu reduzieren, empfehlen Experten eine stufenweise Erhöhung des Mehrwertsteuersatzes auf Fleisch und andere tierische Produkte. Das Kompetenznetzwerk Nutztierhaltung, auch Borchert-Kommission genannt, hatte schon 2020 eine Steuer auf Fleisch in Höhe von 40 Cent pro Kilogramm vorgeschlagen. Um die Bauern zu entlasten und um eine bessere Tierhaltung zu finanzieren, sprach sich auch die Zukunftskommission Landwirtschaft (ZKL) dafür aus, die Mehrwertsteuer auf tierische Lebensmittel zu erhöhen.
Mehrheit für Fleischsteuer
Ein Großteil der Deutschen befürwortet einer Umfrage von Mai 2025 zufolge eine höhere Steuer auf Fleisch. Voraussetzung ist, dass die Mehreinnahmen dazu verwendet werden, die Haltungsbedingungen der Tiere zu verbessern. Eine höhere Mehrwertsteuer auf tierische Produkte wäre also nicht nur ein wirksames Lenkungsinstrument für eine gesündere Ernährung, sie könnte auch dazu beitragen, die wahren Kosten von tierischen Produkten besser abzubilden und die Finanzierungslücke für den Umbau der Ställe zu schließen. Um die Steuer sozial abzufedern, müsste gleichzeitig die Mehrwertsteuer für Obst und Gemüse reduziert werden.
Nötig: Maßnahmen für eine Agrar- und Ernährungswende
Um der Politik konkrete Maßnahmen an die Hand zu geben, hat Menschen für Tierrechte zehn Forderungen für eine Agrar- und Ernährungswende veröffentlicht. Darin fordern wir neben der Abschaffung der Mehrwertsteuer für pflanzliche Nahrungsmittel eine zusätzliche Abgabe für tierische Produkte. Außerdem setzen wir uns für eine drastische Reduzierung des Fleischkonsums und der Tierbestände, sowie für Ausstiegsprämien für Landwirt:innen und den Ausbau der Produktion und Nutzung pflanzlicher Eiweißträger ein.
