Die Hindernisse für die Umstellung eines landwirtschaftlichen Betriebes sind hoch. Dass es sich lohnen kann, zeigen die Brüder Mike und Marko Möller aus dem schleswig-holsteinischen Lentföhrden: Sie haben den ehemaligen Milchviehbetrieb der Eltern in eine Solidarische Landwirtschaft (Solawi) umgewandelt. Weitere Einnahmen generieren sie durch die Vermietung von Ferienwohnungen und indem sie solarerzeugten Strom für E-Autos anbieten. Außerdem betreiben sie Bildungsarbeit für Schulklassen. Im Rahmen der Aufnahmen für den TransFARMation-Film sprachen wir mit ihnen über ihre Vision.
Das Interview führten wir im November 2025 auf dem Hof der Möller Brüder
Gab es einen Schlüsselmoment, der euer Leben verändert hat?
Wie vielen anderen wurde auch uns von der Gesellschaft vorgelebt, dass es normal ist, tierische Produkte zu konsumieren. Das damit verbundene Leid der Tiere war ein notwendiges Übel. Dies änderte sich für uns mit den Dokus, die zeigten, was tagtäglich mit den Tieren in Schlachthäusern passiert. Hinzukamen die vielen anderen Probleme, die mit der sogenannten Nutztierhaltung verbunden sind. Als wir das alles realisierten, war klar, dass wir etwas verändern mussten. Wir zogen einen Schlussstrich und beschlossen, den Hof zu einem Leuchtturmprojekt zu machen. Wir wollten zeigen, dass es auch anders geht.
…und dann seid ihr aus der Tierhaltung ausgestiegen?
Als klar war, dass wir den Betrieb gemeinsam übernehmen, haben wir das Ende der Tierhaltung vorangetrieben. Seit 2023 haben wir keine sogenannte Nutztierhaltung mehr auf dem Hof. Wir haben jetzt nur noch vier Kühe, die hier in Frieden leben können.
Welche Rolle können Lebenshöfe bei dem Ausstieg spielen?
Für den Ausstieg aus der Tierhaltung gibt es leider nicht die perfekte Lösung. Auf dem Weg muss man Kompromisse machen. Aktuell wird eine unvorstellbar hohe Zahl von Tieren gehalten und geschlachtet. So viele Lebenshofplätze kann es leider gar nicht geben. Das Wichtigste ist, dass es aufhört. Wenn der Schlussstrich gezogen wird, ist der Weg frei. Wir haben keinen Einfluss darauf, was früher gemacht wurde, aber wir können heute entscheiden, was in der Zukunft passiert. Das ist auch unser Motto hier auf Möllers Morgen: Wir wollen heute die Zukunft gestalten.
Wie sieht diese Zukunft konkret aus?
Wir haben den Betrieb auf mehrere Säulen gestellt: Zum einen haben wir haben eine Solidarische Landwirtschaft gegründet. Mit dieser beliefern wir aktuell 77 Privathaushalte in Hamburg und Schleswig-Holstein mit Bio-Gemüse. Dazu produzieren wir auf vier Hektar Ackerfläche und auf 1,5 Hektar Gemüse im Freiland und in Gewächshäusern. Wir bauen über 50 Kulturen im Jahr an. Außerdem haben wir eine Streuobstwiese und versuchen uns im Anbau von Soja.
Wie funktioniert so eine Solidarische Landwirtschaft?
Bei einer Solawi werden durch eine feste monatliche Beteiligung nicht nur einzelne Produkte, sondern die gesamte Landwirtschaft finanziert. Für 75 Euro im Monat beliefern wir unsere Kunden regelmäßig mit saisonalem Gemüse aus biozyklisch-veganem Anbau. Die festen Einnahmen schaffen Planungssicherheit und ermöglichen eine faire Entlohnung unserer fünf Teilzeit-Angestellten.
Welche anderen Säulen kommen noch hinzu?
Eine sichere Einnahmequelle ist die Vermietung unserer 15 Appartements und Ferienwohnungen. Unsere Kunden sind hauptsächlich Monteure und Geschäftsreisende. Außerdem betreiben wir acht öffentliche Ladesäulen für Elektroautos, die von unserer Photovoltaik-Anlage gespeist werden. Und wir bauen unseren Hof zu einem außerschulischen Lernort für Schulklassen aus Hamburg & Schleswig-Holstein aus.
Was lernen die Schüler bei euch?
Um die Bildungsarbeit zu professionalisieren, haben wir letztes Jahr den gemeinnützigen Verein Möllers Morgen e.V. gegründet. Über den Verein bieten wir drei Bildungskonzepte an. Diese bestehen aus den Bereichen Tierethik, Landwirtschaft, Klimaschutz, Globalisierung und dem Part pflanzliches Kochen. Dazu arbeiten wir mit einer Ernährungsberaterin zusammen. Nach dem theoretischen Teil kocht sie in unserer Seminarküche mit den Schüler:innen. In den letzten anderthalb Jahren hatten wir 25 Schulklassen hier.
Verdienen könnt ihr mit der Bildungsarbeit nicht – oder?
Unser Ziel ist es, die Themen, die uns wichtig sind, nach außen zu tragen und dies den Jugendlichen mitzugeben. Mit Möllers Morgen wollen wir eine andere Form der Landwirtschaft vorleben und ein Leuchtturmprojekt für den bio-veganen Anbau werden. Finanziell reicht es uns, wenn sich das Konzept selbst trägt. Die Referenten bezahlen wir über Stiftungen und Förderungen. Außerdem konnten wir mithilfe der Postcodelotterie den Umbau unserer Seminarräume und unserer Kochküche finanzieren. Aktuell planen wir einen Lehr- und Erlebnispfad auf dem Hof.
Kam es durch die Umstellung des Betriebes zu Konflikten?
Glücklicherweise nicht. Wir haben das von Anfang an klar kommuniziert und mit unseren Eltern abgesprochen. Auch wenn das ein Wendepunkt für sie war, haben sie uns bei unseren Plänen unterstützt.
Wie haben Nachbarschaft und andere Landwirt:innen auf eure Umstellung reagiert?
Dadurch dass wir Quereinsteiger sind, haben wir nicht so viele Landwirt:innen in unserem sozialen Umfeld. Viel Zuspruch bekommen wir in den sozialen Medien. Allerdings schlägt uns dort auch manchmal stumpfer Hass entgegen, so nach dem Motto „unsere Vorfahren müssten sich im Grabe umdrehen“. Insgesamt haben wir aber mehr positive als negative Resonanz.
Was sind eure Forderungen an die Politik?
Wenn ein Betrieb aussteigt, muss das auch wirtschaftlich funktionieren. Viele Betriebe haben Verbindlichkeiten, die sie bezahlen müssen. Dadurch sind sie oft im System gefangen. TransFARMation ist ein super Projekt. Es ist aber ein politisches Armutszeugnis, dass dieses Angebot nicht vom Staat kommt, sondern von einem Verein kommen muss. Es wäre eine politische Aufgabe, den Betrieben, die austeigen möchten, ein Beratungsangebot zu machen und die Finanzierung der Umstellung zu sichern. Die Politik muss es den Betrieben leichter machen, auf die Produktion von alternativen Proteinen und pflanzlichen Lebensmitteln umzustellen. Außerdem muss sie beim Hebel Konsumverhalten ansetzen. Pflanzliche Lebensmittel sollten gar nicht oder zumindest geringer besteuert werden. Tierische Lebensmittel müssten höher besteuert werden.
Ihr seid bereits ausgestiegen – was würde euch jetzt konkret helfen?
Uns würde es helfen, wenn die Kosten für die Biokennzeichnungen, Kontrollen und Lizenzgebühren reduziert oder subventioniert würden. Aktuell zahlen wir mehrere Tausend Euro dafür, dass wir biologisch arbeiten und etwas für Umwelt und Biodiversität tun. Wir werden quasi dafür bestraft, dass wir ökologisch wirtschaften.
Was würdet ihr anderen Landwirt:innen raten?
Wir empfehlen ihnen, aus der sogenannten Nutztierhaltung auszusteigen. Dazu sollten sie mutig und offen für Neues sein. Sie sollten nicht auf alten Modellen und Platituden beharren, sondern schauen, wie sie ihren Betrieb neu und divers aufstellen und weiterentwickeln können. Sie sollten sich daran orientieren, welche Rohstoffe in der Zukunft gebraucht werden, wenn zum Beispiel immer mehr Pflanzenmilch konsumiert wird. Dadurch entstehen neue Chancen, weil dafür andere Rohstoffe, wie Soja, Getreide oder Erbsen, benötigt werden.
Ihr selbst habt den Betrieb auf mehrere Säulen gestellt – was würdet ihr noch empfehlen?
Es gibt viele weitere Möglichkeiten. Man kann in Agroforstsysteme einsteigen, Subventionen für Artenschutzmaßnahmen bekommen oder Energiewirt werden. Besonders die Agri-PV wird in Zukunft ein großes Thema. Damit kann man auf einer Fläche doppelt ernten, indem man den Boden zum Anbau nutzt und darüber erneuerbare Energien erzeugt. Dadurch hat man eine sichere Einnahmequelle durch die Solarenergie und profitiert gleichzeitig von der Verschattung und dem Schutz gegen Erosion. Unser Appell an andere Landwirt:innen würde lauten: Seid mutig, seid wandelbar und gestaltet die Zukunft mit uns. So kann sich die Landwirtschaft neu erfinden.
Mehr unter: www.moellersmorgen.de
Das Interview führte Christina Ledermann
