Allgemein Zoo/Zirkus

Bringt die neue Zirkus-Verordnung mehr Tierschutz?

Am 18. November2020 stellte das Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL) überraschend den Entwurf einer neuen Tierschutz-Zirkusverordnung (TierSchZirkV) vor. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass die Wildtierarten, deren Haltung verboten werden soll, in deutschen Zirkussen so gut wie gar nicht vorkommen.

Foto: Colin Goldner

Unter dem Leitgedanken „Mehr Tierschutz im Zirkus“ soll die neue Verordnung die Zurschaustellung bestimmter Wildtierarten in reisenden Unternehmen unter Verbot stellen. Die Ankündigung von Bundesministerin Julia Klöckner (CDU) klang vielversprechend: „Wildtiere gehören nicht in die Manege. Gerade in Wanderzirkussen leiden sie unter dem ständigen Reisen, den oft nicht artgerechten Bedingungen vor Ort. Klar ist deshalb: Hier geht der Tierschutz vor! Mit der Verordnung kommen wir einen großen Schritt voran. Verbunden mit dem klaren Ziel, das jetzt vorgelegte Verbot auf andere Wildtierarten auszuweiten.“

Politik stimmte noch 2019 gegen Verbot
Überraschend war der Entwurf insofern, als noch Ende 2019 der Bundestag mit den Stimmen von CDU/CSU, SPD und FDP (bei Enthaltung der AfD) und gegen die Stimmen von Bündnis 90/GRÜNE und LINKE einer Beschlussempfehlung des Landwirtschaftsausschusses zugestimmt hatte, der vorsah, die Haltung und Zurschaustellung wildlebender Tiere in Zirkusbetrieben nicht zu beenden. B90/GRÜNE hatten Anfang 2019 einen entsprechenden Antrag eingebracht. Laut Klöckners vorliegendem Entwurf soll das Zurschaustellen von Tieren bestimmter wildlebender Arten an wechselnden Orten durch eine Rechtsverordnung auf der Grundlage der Ermächtigung im Tierschutzgesetz (§ 11 Abs. 4) verboten werden. Das Verbot soll für Giraffen, Elefanten, Nashörner, Flusspferde sowie Primaten und Großbären gelten. Die Verordnung sieht zudem Mindeststandards für sämtliche Tiere in reisenden Zirkussen vor, beispielsweise für Haltungseinrichtungen, Ernährung, Training sowie Behandlungen und Transport.

Haltung von Großkatzen bleibt erlaubt
Von Seiten verschiedener Tierschutz- und Tierrechtsorganisationen wird der Referentenentwurf des BMEL als völlig unzulänglich kritisiert, vor allem deshalb, weil die Haltung und Zurschaustellung von Großkatzen (und anderer nicht aufgeführter Tierarten) in Zirkussen weiterhin, zumindest vorläufig, erlaubt bleiben soll. Positiv zu bewerten sei allenfalls, dass künftig zumindest einige Wildtierarten im Zirkus verboten sein sollen, gleichwohl es hierzulande ohnehin nur noch wenige Elefanten und Giraffen, keinen einzigen Großbären sowie gerade noch einen hochbetagten Schimpansen, ein Nilpferd und ein Nashorn in fahrenden Unternehmen gibt.  Kritisiert wird überdies, dass das angekündigte Verbot sich nur auf neu angeschaffte Tiere beziehen soll: Gemäß der geplanten Verordnung sollen die aktuell in deutschen Zirkussen lebenden Wildtiere bis zu ihrem natürlichen Tod gehalten, dressiert und zur Schau gestellt werden dürfen. Es müsse, so die Kritik an dem Entwurf, für noch vorhandene Tiere eine zeitliche Frist für die Abgabe in geeignete Auffangstationen geben, so wie es in den meisten EU-Staaten gehandhabt werde,

Zirkus-Lobby in heller Aufregung
Ob und wann die Verordnung in Kraft tritt, ist noch völlig offen. Zirkusse und ihre Lobbyisten sind gleichwohl in heller Aufregung: „Solch eine völlig undifferenzierte Verordnung in Bezug auf die Zirkustierhaltung dokumentiert letztendlich nur eines: das Versagen eines Ministeriums, das offenkundig der unseriösen Propaganda ideologisch motivierter Tierrechtsorganisationen auf den Leim gegangen ist” (zoos.media). Vorsorglich hat der Verband deutscher Circusunternehmen e.V., Dachorganisation der rund 350 durch Deutschland tourenden Zirkusse (von denen fast alle Tiere mitführen, ein Drittel davon Wildtiere), schon mal Klage gegen den Bund angekündigt, sollte der Entwurf irgendwann umgesetzt werden. Bis dahin zeigte man sich hochzufrieden, dass im Zuge der Corona-Krise der Bund den einzelnen Zirkusunternehmen – auch denen mit Wildtierhaltung – 75 Prozent ihrer Umsatzausfälle, festgemacht am vorgeblichen Umsatz der Vergleichsmonate des Vorjahres, ausbezahlte. Aus Steuergeldern, wohlgemerkt.

Colin Goldner