Allgemein Industrielle Tierhaltung

Küken-Tötung: Trotz Verbot geht das Leid weiter

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner wird heute ihren Gesetzentwurf zum Verbot des Kükentötens ins Kabinett einbringen. Damit soll verboten werden, dass die männlichen Eintagsküken der Legerassen direkt nach dem Schlüpfen durch Vergasen oder Schreddern getötet werden. Allein in Deutschland werden Millionen männliche Küken jedes Jahr getötet, weil sie keinen wirtschaftlichen Wert haben. Im Jahr 2019 betraf dies 45,3 Millionen Tiere. Das Verbot ab 2022 ist ein überfälliger Schritt. Doch leider ändert er nichts an der grundsätzlichen Ausbeutung der Hühner. Deswegen fordert der Bundesverband Menschen für Tierrechte „Maßnahmen zur Reduktion des Konsums von Ei- und Hühnerfleischprodukten sowie Förderung von nicht tierischen Alternativen“. Denn nur dies kann etwas daran ändern, dass alle Hühner, ob sie nun Eierlegen oder gemästet werden, nach einem kurzen Leben als Hochleistungsproduzenten getötet werden.

In Deutschland wurden 2019 45,3 Millionen männliche Küken direkt nach dem Schlupf getötet.

Klöckner reagiert mit ihrem Gesetzentwurf auf die jahrlangen Proteste von Tierschutzorganisation und Verbrauchern gegen die skandalöse Tötungspraxis sowie auf das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts Leipzig (Aktenzeichen: BVerwG 3 C 29.16). Dies bestätigte im Juni 2019, dass das Leben der männlichen Küken schwerer wiegt als wirtschaftliche Interessen. Die Lösung für das millionenfache Kükentöten sollen technische Verfahren zur Geschlechtsfrüherkennung im Ei sein. Bislang sind zwei Verfahren dafür im Einsatz, beide können jedoch noch nicht flächendeckend genutzt werden.

Ebenfalls leidvoll: Geschlechtserkennung im Ei
Vor allem ist es äußerst fraglich, ob die Verfahren das Leid der männlichen Küken tatsächlich mildern. Denn Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Embryonen spätestens ab dem siebten Tag Schmerz empfinden können. Die existierenden Verfahren können das Geschlecht jedoch erst ab dem neunten beziehungsweise 14. Bruttag sicher bestimmen. Der Gesetzentwurf sieht deswegen eine Übergangsfrist vor. Danach sollen Eingriffe am Hühnerei ab dem siebten Bebrütungstag erst ab 2024 verboten werden. um “der Branche Zeit zu geben, sich an die neue Rechtslage anzupassen“. Doch die vorübergehende Legitimierung der Geschlechtsbestimmung im Ei nach dem siebten Bruttag ist aus Tierschutzsicht nicht zu rechtfertigen.

Regelungen zementieren das Ausbeutungssystem
Doch auch wenn technisch eine frühere Geschlechtsbestimmung möglich ist, ändert dies nichts am Leid der Hennen. Im Gegenteil, sie könnte das bestehende Ausbeutungssystem sogar zementierten. Dies ist auch das Problem bei der anderen Lösung „Zweinutzungshuhn“: Hier sollen neue Zuchtlinien das Kükentöten beenden. Diese neuen Züchtungen sollen sich sowohl zur Mast als auch zum Eierlegen eignen. Doch auch dies ändert nichts an der grundsätzlichen Ausbeutung der Hühner und den massiven Problemen der Hochleistungszucht (1). Denn, wenn die Legeleistung der Hennen nach circa einem Jahr abnimmt, weil sie durch das ständige Eierlegen völlig ausgezehrt sind, werden sie dennoch als „Suppenhühner“ geschlachtet.

Weder die Geschlechtsfrüherkennung im Ei, noch die Züchtung von „Zweinutzungshühnern“ ändert etwas daran, dass alle Hühner, nach einem kurzen Leben als Hochleistungsproduzenten getötet werden.

Ist Mästen vor der Tötung besser?
Und auch wenn die männlichen Küken als Bruderhühner oder „Zweinutzungshühner“ gemästet werden, statt direkt als Küken getötet zu werden, stellt sich die Frage, ob dies tatsächlich besser für sie ist. Denn es drängt sich der zynische Gedanke auf, ob es für einen Hahn erstrebenswert ist, nach zehn Wochen Turbomästung bei vollem Bewusstsein kopfüber am Schlachtband zu landen und mit etwas Pech ohne Betäubung den Kopf abgeschnitten zu bekommen. Denn genau das wäre die Lebensaussicht eines männlichen Kükens.

Wirkliche Lösung: Ei-Alternativen
Deswegen fordert der Bundesverband „Maßnahmen zur Reduktion des Konsums von Ei- und Hühnerfleischprodukten sowie die Förderung von nicht tierischen Alternativen“. Denn nur das kann tatsächlich etwas daran ändern, dass alle Hühner, ob sie nun Eierlegen oder gemästet werden, nach einem kurzen Leben als Hochleistungsproduzenten getötet werden. Eine umfassende Förderung von pflanzlichen Alternativen sollte zudem von Bildungs- und Aufklärungsmaßnahmen begleitet sein, die  zu einem bewussten und verantwortungsvollen Konsum anregen. Das entspricht auch den Forderungen des Wissenschaftlichen Beirats für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz (WBAE). Dieser empfiehlt ein Programm zur Reduktion des Konsums tierischer Produkte.

(1) Mit der derzeitigen Hochleistungszucht gehen diverse Krankheiten einher, die im höchsten Maße tierschutzrelevant sind. So leidet ein Großteil der Legehennen an Osteoporose, Knochenbrüchen, Brustbeinveränderungen und Erkrankungen des Legeapparates. Bei der davon getrennten Zuchtlinie der Masthühner treten durch das schnelle Wachstum und das enorme Gewicht der Tiere regelmäßig Beinschwäche, Herz-Kreislauferkrankungen und in Kombination mit unzureichenden Haltungsbedingungen Fußballen- und Fersenhöckerentzündungen auf.