Allgemein Industrielle Tierhaltung

Kükentötung legal – aber nicht legitim

Fast 50 Mio. männliche Küken werden jedes Jahr aus rein wirtschaftlichen Gründen in Deutschland getötet. Foto: soylent network

Im Mai 2016 entschied das Oberverwaltungsgericht (OVG) Münster, dass das Töten männlicher Küken direkt nach dem Schlüpfen nicht gegen das Tierschutzgesetz verstößt. Damit ist die Tötung von etwa 50 Mio. männlichen Legehennenküken aus rein wirtschaftlichen Gründen in Deutschland legal. Das Tierschutzgesetz verbietet zwar das Töten von Tieren „ohne vernünftigen Grund“, doch dieser ist aus Sicht des OVGs gegeben, da die Aufzucht der ausgebrüteten männlichen Küken mit einem unverhältnismäßig großen Aufwand (für die Geflügelhalter) verbunden ist.

Tierschutzgesetz wirkungslos
Es ist aus ethischer Sicht unfassbar, dass das Gericht allein aus wirtschaftlichen Erwägungen die Tötung von Millionen gesunder Hühnerküken als legal im Sinne des Tierschutzgesetzes ansieht. Hier zeigt sich wieder einmal die Macht der Agrarindustrie und die Wirkungslosigkeit des schwammig formulierten und von Ausnahmen zerfledderten Tierschutzgesetzes. Es lässt Tierquälereien zu, wenn es dafür einen vermeintlich „vernünftigen Grund“ gibt. So entscheidet allein der Profit, welches Leben lebenswert ist und welches nicht. Solange die Tötung der Küken die günstigste Möglichkeit für die Agrarindustrie ist, werden die Tierkinder weiter geschreddert und vergast. Was wir brauchen, ist ein klares und zügiges Verbot dieser barbarischen Praxis und ein Tierschutzgesetz, das diesen Namen auch verdient. Es muss die Schutzlosen endlich wirkungsvoll vor einer Ausbeutung durch Agrarindustrie, Wissenschaft und andere schützen.

Bis endlich die lange angekündigten Verfahren zur Geschlechtsbestimmung praxisreif sind, geht die Massentötung weiter. Foto: soylent network

Lange angekündigt: Neue Verfahren
Der ehemalige Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) hatte schon 2015 angekündigt, das Kükenschreddern bis spätestens 2017 beenden zu wollen. Doch bis heute sind die Verfahren zur Geschlechts-Früherkennung im Ei nicht praxisreif, was bedeutet, dass die Massentötung weitergeht. Ende 2018 stellte Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) ein neues Verfahren vor, das mithilfe eines Lasers das Geschlecht im Ei bestimmen soll.

Bequeme Lösung für die Brütereien
Wenn es nach Klöckner geht, darf die Kükentötung solange weitergehen, bis ein Verfahren zur Geschlechtsbestimmung im Ei praxisreif ist. Eine bequeme Lösung für die Brütereien: Ohne klares Verbot können sie sich zurücklehnen und abwarten. Ein konsequentes Verbot hätte stattdessen den nötigen Druck erzeugt, damit das Verfahren schnellstmöglich einsetzbar ist. Die Wissenschaftler arbeiten zwar daran, das Verfahren zu optimieren, doch auch dies löst nicht das grundsätzliche Problem der Eierproduktion: Wenn die Legeleistung der Hennen nach circa einem Jahr abnimmt, weil sie durch das ständige Eierlegen völlig ausgezehrt sind, werden die sie als Suppenhühner geschlachtet.

Fleischeslust ein „vernünftiger Grund“?
So sehr die Ungeheuerlichkeit des Urteils schockiert, so drängt sich auch der scheinbar zynische Gedanke auf, dass es für einen Hahn auch nicht erstrebenswert sein kann, nach mehreren Wochen Turbomästung bei vollem Bewusstsein kopfüber am Schlachtband zu landen und mit etwas Pech ohne Betäubung den Kopf abgeschnitten zu bekommen. Denn genau das wäre die Lebensaussicht eines männlichen Kükens. Tatsächlich stellt sich die radikale Frage nach dem vernünftigen Grund im Sinne der Ethik viel früher und nicht erst beim Schreddern, nämlich: ist es ein vernünftiger Grund qualgezüchtete Tiere unter kastastrophalen Bedingungen in Massen zu produzieren, nur weil der Mensch das Bedürfnis hat Fleisch zu essen?