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Delphintherapie ad absurdum geführt

Dolphin Assisted Therapy (DAT) boomt: Ungeachtet massiver Bedenken seitens der Wissenschaft - von tierrechtlicher Seite ohnehin (1) - bieten weltweit mehr als 100 Therapiezentren Hilfe für Kinder unterschiedlichster Krankheits- oder Störungsbilder an. Das Wesentliche der meist 10tägigen Behandlung liege in der Begegnung mit entsprechend trainierten Delphinen, die als Motivator und Verstärker für parallel dazu durchgeführte konventionelle Therapiemaßnahmen dienen, die aber auch über telepathische oder sonstig magisch-mystische Heilkräfte verfügen sollen. (2)

Zumindest letzteres wird von eher unerwarteter Seite her ad absurdum geführt: der Psychologe und DAT-Begründer David E. Nathanson, dessen seit Anfang der 1990er bestehendes Delphintherapiezentrum in Florida vor dem Hintergrund sich verschärfender US-Bestimmungen zum Schutze gefangengehaltener Wildtiere im Jahre 2006 schließen musste, entwickelte die Idee, sein lukratives Geschäftsmodell anstatt mit lebenden Tieren mit einem computergesteuerten Kunstdelphin fortzusetzen. Er ließ sich von der renommierten Firma "Animal Makers Inc.", die ansonsten Tiermodelle für den Einsatz in TV- und Hollywoodproduktionen herstellt, einen lebensecht wirkenden Silikondelphin in Originalgröße anfertigen, der in der Lage ist, auf Knopfdruck bestimmte Schwimmbewegungen durchzuführen, Kopf und Schwanz zu heben, Wasser aus dem Blasloch zu spritzen und delphinspezifische Klickgeräusche von sich zu geben.

Mit dem 40.000 US$ teueren und als „Therapeutic Animatronic Dolphin“, kurz “TAD”, bezeichneten Delphinroboter führte Nathanson seine Therapiemaßnahmen mit teils schwerstbehinderten Kindern fort. In einer eigenen "Studie" mit Kindern unterschiedlicher Diagnosen verglich er den therapeutischen Effekt des Einsatzes realer Delphine mit dem seines Kunstdelphins und stellte fest, dass es bei Kindern mittlerer bis schwerer Behinderungsgrade keinerlei signifikanten Unterschied gebe, bei Kindern mit besonders schwerwiegenden Behinderungen hingegen der Einsatz des TAD teils gar größere Effektivität zeitige. Zusammenfassend schrieb er: "Interaktion mit dem TAD ergab den gleichen oder einen größeren therapeutischen Nutzen wie Interaktion mit realen Delphinen, und das ohne Einschränkungen seitens Umweltschutz, Behörden oder Gesetzgebung". Im Gegensatz zu realen Delphinen, bei denen ein Verletzungs- oder Infektionsrisiko nie ganz auszuschließen sei, könnten mit dem völlig gefahrlosen TAD auch Kinder unter drei Jahren behandelt werden. Überdies könne mit dem TAD Menschen an ihrem jeweiligen Wohnort, sprich: im örtlichen Schwimmbad geholfen werden, sie müssten keine aufwändigen und teueren Reisen mehr zu einem DAT-Zentrum unternehmen.

Nathansons Plan, mit dem TAD an die kommerziellen Erfolge seiner Arbeit mit realen Delphinen anzuknüpfen, scheiterte indes daran, dass Eltern seinem Versprechen, auch der Roboterdelphin führe zu "messbaren Fortschritten bei Kindern mit Autismus, Down Syndrom, Zerebralparese und anderen Diagnosen" nicht genügend Glauben schenkten und zu Therapiezentren außerhalb der USA abwanderten, in denen mit realen Delphinen gearbeitet wird.

Im Sommer 2010 eröffnete Nathanson insofern auf den Cayman Islands in der Karibik ein neues Therapiezentrum, in dem er gemäß seiner ursprünglichen Methode wieder gefangengehaltene Delphine für seine – längst als unsinnig erwiesene und von Fachleuten weltweit abgelehnte – Delphintherapie einsetzt. Den TAD hat er an die Herstellerfirma zurückverkauft, die seither im Internet nach einem neuen Käufer sucht. Von seiner Website ist die "Studie" über den "erfolgreichen Einsatz" des TAD verschwunden.

Nathansons offenbar ausschließlich von Kommerzgedanken geleiteten Experimente werfen ein bezeichnendes Schlaglicht auf den Tiergarten Nürnberg, der mit großem finanziellen Aufwand seit 2008 eine "Delphinlagune" errichtet. Ab Sommer 2011 soll dort auch "Delphintherapie" mit realen Delphinen angeboten werden - ein wesentliches Argument für die Durchsetzung der zigMillionen schweren Baupläne im Stadtrat -, gleichwohl, wie die Projektleiter einräumen, der "Aufenthalt der Kinder im Wasser bei den Delphinen für den erzielten Therapieeffekt ohne Bedeutung ist".(3) Wenn also wirklicher Kontakt zwischen Kind und Delphin gar nicht erforderlich ist, vielmehr die Kinder laut Nürnberger Tiergarten nur einen Motivations- und Verstärkertoken brauchen - nach Nathanson genügt hierzu ein Plastikdelphin -, wozu dann der tierquälerische Aufwand mit realen Delphinen, die in Gefangenschaft grundsätzlich nicht artgerecht gehalten werden können?

Colin Goldner
rage&reason e.V. 



1 Delfintherapie - Chance zur Heilung oder Kommerz? In: Tierrechte, 1/2008
2 Goldner, C.: Doc Dolphin – magischer Heiler oder ausgebeutete Kreatur? In: Psychologie Heute, 4/2010
3 Breitenbach, E. et al.: Gegendarstellung. In: Psychologie Heute, 8/2010
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