Slideshow Image 1
Slideshow Image 2
Slideshow Image 3
Slideshow Image 4

Interview zum Wildtierverbot im Zirkus

Mitte März haben die Länder die Bundesregierung aufgefordert, eine Verordnung vorzulegen, die die Haltung von Wildtieren im Zirkus untersagt. Nach dem Antrag, der auf die Initiative der Länder Hessen, Rheinland-Pfalz und Thüringen zurückgeht, sollen wilde Tiere wie Affen, Elefanten, Großbären, Giraffen, Nashörner und Flusspferde künftig nicht mehr im Zirkus zur Schau gestellt werden dürfen. Übergangsfristen soll es nur für bereits im Zirkus lebende Tiere geben, die keine Verhaltensstörungen wie aggressives oder depressives Verhalten zeigen. Die Länder fordern zudem Regeln für Zirkustiere, für die das Verbot nicht gilt, etwa Pferde. Zirkusse mit Tiershows sollten danach über ein festes Quartier verfügen, um eine artgerechte Ernährung, Pflege und Unterbringung der Tiere zu gewährleisten. Ob der aktuelle Antrag erfolgreich sein wird, ist jedoch fraglich. Ähnliche Vorstöße des Bundesrats in 2003 und 2011 waren erfolglos. Die Regierung lehnte ein Verbot bisher mit dem Hinweis auf verfassungsrechtliche Bedenken ab. Danach komme ein Wildtierverbot für die sogennanten Tierlehrer faktisch einem Berufsverbot gleich. Das Landwirtschaftsministerium ließ nach dem Antrag verlauten, dass ein Verbot nach dem Tierschutzgesetz nur dann möglich sei, wenn die betreffenden Tiere nachweislich nur unter erheblichen Schmerzen, Leiden oder Schäden transportiert oder an wechselnden Orten gehalten werden könnten.


Interview: „Ich bin vorsichtig optimistisch!“

Madeleine Martin1Die hessische Tierschutzbeauftragte Dr. Madeleine Martin zu den Erfolgsaussichten für ein Wildtierverbot im Zirkus.

Tierrechte: Frau Dr. Martin, im März hat der Bundesrat u.a. auf Initiative Hessens einen neuerlichen Vorstoß für ein Wildtierverbot im Zirkus gemacht. Ähnliche Initiativen in 2003 und 2011 sind gescheitert. Wie schätzen Sie aktuell die Erfolgsaussichten ein?

Dr. Madeleine Martin: Ich bin vorsichtig optimistisch. Bei der Novellierung des Tierschutzgesetzes 2013 hat sich gezeigt, dass die Bundesregierung endlich die Position Hessens und des Bundesrates hinsichtlich der Verfassungsmäßigkeit eines solchen Verbotes übernommen hat. Sowohl die EU wie das österreichische Verfassungsgericht hatten darüberhinaus Einschränkungen der Tierarten bis hin zu einem Totalverbot von Wildtieren im Zirkus als rechtens bestätigt. Andererseits haben die Zirkusfreunde in der CDU/CSU noch viel Einfluss, während die SPD sich in diesem Thema leider als schwach erweist.

Tierrechte: Das Landwirtschaftsministerium ließ nach dem Antrag verlauten, dass ein Verbot nach dem Tierschutzgesetz nur dann möglich sei, wenn die betreffenden Tiere nachweislich nur unter erheblichen Schmerzen, Leiden oder Schäden transportiert oder an wechselnden Orten gehalten werden könnten. Kann dieser Nachweis erbracht werden?

Dr. Madeleine Martin: Ja – dieser Nachweis kann nach unserer Auffassung nach erbracht werden. Basis der hessischen Argumentation ist – wie schon mehrfach besprochen – , dass die Grundannahme der einschlägigen „(Zirkus)Leitlinien“, die der Bund 2001 herausgab, falsch ist. Dort wird von der inzwischen überkommenen und wissenschaftlich nicht belegten Hypothese ausgegangen, nach der Wildtiere die Reduktion ihres Lebensraumes auf ein Minimum und das Erleben ganzer Verhaltenskreise dadurch kompensieren könnten, dass sie Dressurleistungen in der Manege zeigen.

Zum Hintergrund: Wie die aus 2009 stammenden „Leitlinien zur Beurteilung von Pferdehaltungen unter Tierschutzgesichtspunkten“ aber belegen, ist nicht selbstbestimmte Arbeit sogar unzureichend, um den Verhaltenskreis „Bewegung“ angemessen zu erfüllen.
Im Bereich der Pferdehaltung gibt es überdies aktuelle Urteile, die feststellen, dass „das bloße Ausmaß an Verhaltensrestriktionen, denen ein Tier unterworfen wird, ausreichen, um erhebliche Leiden anzunehmen, ohne dass äußerlich wahrnehmbare Indizien in Form von Verletzungen oder Verhaltensauffälligkeiten vorliegen“ (LG München II; Az: 9 Ns 12 Js 33703/12; 1 Cs 12 Js 33703/10 AG Starnberg 15.08.2014). Wenn dies schon für domestizierte Haustiere gilt, dann umso mehr für nicht domestizierte Arten.

Bei amtstierärztlichen Kontrollen wird immer wieder festgestellt, dass ein Großteil der Zirkustiere – auch in den großen Zirkussen wie z. B. Circus Krone – nur wenige Minuten pro Tag durch Proben und Auftritte beschäftigt ist. Diese Beschäftigung mag im Einzelfall einmal Bewegungsdefizite ausgleichen. Andere Verhaltenskreise wie z. B. Erkundungs-, Sozial- und Komfortverhalten werden dadurch aber in keiner Form befriedigt.

Nach dem Urteil des VG Düsseldorf vom 18. August 2014 (Az. 23 K 5500/12; Berufungsverfahren wurde vom OVG Münster in 2016 abgelehnt) kommt es bei der verhaltensgerechten Unterbringung von Tieren darauf an, „ob dem Tier die Ausübung seiner elementaren artgemäßen Bedürfnisse ermöglicht wird. Die Anforderung müssen sich dabei entsprechend der Zielrichtung des Tierschutzgesetzes daran orientieren, wie ein Tier sich unter seinen natürlichen Lebensbedingungen verhält, nicht daran, ob das Tier sich auch an andere Lebensbedingungen – unter Aufgabe der ihm in Freiheit eigenen Gewohnheiten und Verhaltensmuster anpassen kann.“

Es muss daher verhindert werden, dass weiterhin Tiere bestimmter wild lebender Arten in Zirkusbetriebe gelangen können. Außerdem muss es für die zurzeit im Zirkus befindlichen Tiere dieser Arten verbindliche Regelungen geben, nach denen ihr Verbleib im reisenden Betrieb möglich ist.

Unsere Einschätzung, warum mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen ist, dass die im Antrag genannten Tierarten – selbst wenn keine schwerwiegenden Verhaltens- oder Gesundheitsstörungen offen sichtbar sind – erheblich leiden, haben wir in der Begründung zum Antrag ausführlich beschrieben.

Ergänzend zu den Ausführungen der Begründung kann man feststellen, dass wenn eine Verhaltensstörung vorliegt, sich die von ihr ausgehende Indizwirkung nicht mit dem Fehlen pathologischer oder anderer physisch messbarer Anzeichen verrechnen lässt, denn anderenfalls würde man Leiden unzulässiger Weise mit Krankheit gleichsetzen.

Auf den Zusammenhang zwischen Bedürfnisunterdrückung und Leiden weist bereits die EU-Kommission hin und konkretisiert die §§ 1 und 2 Tierschutzgesetz: „Ist ein Tier nicht in der Lage, ein Bedürfnis zu befriedigen, so wird sein Befinden früher oder später darunter leiden“ (Mitteilung der EU-Kommission über den Schutz von Legehennen in verschiedenen Haltungssystemen‘ von 1998 (11.05.1998, BT-Drucksache 13/11371 Seite 24 f)).

Dies entspricht der Definition von Wohlbefinden und macht folgendes deutlich: Bereits aus Art, Ausmaß und zeitlicher Dauer, mit der ein Verhaltensbedürfnis (Kontakt zur Umwelt etc.) zurückgedrängt wird, kann auf erhebliches Leiden geschlossen werden, auch ohne Hinzutreten weiterer Indikatoren (im Weiteren auch die bereits zitierten aktuellen Urteile bspw. des LG München und des AG Darmstadt).

Erwiesen ist nach unserem Kenntnisstand auch, dass z. B. alle Bären und nahezu alle Elefanten, die in unseren Zirkussen gehalten wurden und werden, erhebliche Verhaltensstörungen wie Stereotypien zeigen. Solche werden ebenfalls inzwischen von Gerichten ebenfalls als erhebliche Leiden gewertet.
Diese jetzige Formulierung im § 11 (4) Tierschutzgesetz ist eine deutliche Verschlechterung zu der ursprünglich vorhandenen im § 13, die die Bundesregierung direkt ermächtigt, die Wildtierhaltung ohne Einschränkungen zu verbieten.

Aus meiner Rechtsauffassung ist diese Verschlechterung, die ein Verbot an Leiden, Schmerzen und Schäden koppelt, deshalb verfassungswidrig.

Tierrechte: Kritiker eines Verbotes argumentieren, dass sich das Problem auf Dauer von alleine lösen würde. Für Elefanten gelte seit 1976 ein Importverbot und von den ungefähr 50 Zirkuselefanten in Deutschland sei kein Nachwuchs mehr zu erwarten. Affen gäbe es faktisch ohnehin nicht mehr in deutschen Zirkussen und Löwen und Tiger fielen gar nicht unter die Kategorie „Wildtiere“, sondern seien „Raubtiere“.  Was entgegnen Sie auf diese Argumente?

Dr. Madeleine Martin: Dies ist kein Argument solange weiterhin europäischen Zoos oder Safariparks diese Tiere (oder Nachzuchten) an Circusse abgeben. Insbesondere männliche Nachzuchten sind davon betroffen, wie man im Falle der Giraffen gut sehen kann. Woher wissen die Kritiker des Verbotes, dass nicht auch männliche Elefanten an Zirkussen abgegeben werden? Löwen und Tiger sind natürlich auch Wildtiere. Hier bestand für uns bislang das Problem, dass die erheblichen Leiden nicht so offensichtlich nachgewiesen werden konnten.

Facebook Twitter You Tube E-Mail schicken

Kostenloser Newsletter

Immer über tagesaktuelle Entwicklungen, Hintergrundinformationen, Pressemitteilungen sowie über Tierrechts-Kampagnen und Mitmach-Aktionen informiert sein.

Jetzt Gratis-Infos bestellen »