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Interview: "Virtuelle Labore bieten viele Vorteile"

Früher führte  der Physiologe Dr. Hans Albert Braun selbst Versuche mit Fröschen mit seinen Studierenden durch. Heute arbeitet er an der Entwicklung realitätsnaher virtueller Labore, die ganz ohne den Einsatz von Tieren auskommen. Tierrechte sprach mit ihm über die Vorteile virtueller Labore, die Angriffe durch Kollegen und warum Experimente mit Organpräparaten von Tieren weitgehend aus den regulären Curricula verschwinden werden.

1. Tierrechte: Gab es ein Schlüsselerlebnis, das Sie dazu motivierte, sich für die Entwicklung von tierverbrauchsfreien Lehrmethoden einzusetzen?

Hans Albert Braun: Was mich zur Entwicklung von Alterativmethoden brachte war weniger ein Schlüsselerlebnis denn eine Kette von Ereignissen und Erfahrungen. Meine Beweggründe hatten ursprünglich auch nicht primär mit dem Tierschutz zu tun. Sie lagen eher in meiner Vorliebe am Experimentieren – auch in den studentischen Praktika und zum Beispiel auch mit Versuchen am Froschmuskel und Froschnerv.

Erst als solche klassischen Versuche aufgrund massiver Proteste von Tierschützern nicht mehr mit Organpräparaten durchgeführt werden konnten kamen wir auf die Idee, alternativ mit virtuellen Präparaten in möglichst realitätsnahen Computerlaboren arbeiten zu lassen. Und erst durch die Erfahrung in studentischen Praktika haben wir gemerkt, dass das Experimentieren in den virtuellen Laboren auch erhebliche didaktische Vorteile bietet, insbesondere, indem es zu selbständigem Arbeiten und Nachdenken anregt.

Diese Entwicklungen sind ausführlich in meinem 2003 für Interniche geschrieben Artikel dargestellt, der über unsere Webseite www.virtual-phvsiology.com heruntergeladen werden kann (Braun 2003: Virtual versus real laboratories in life-science education: Concepts and experiences, Eds:  Jukes N and Chiuia M (Eds) From guinea pig to computer mouse. Interniche, pp 81-87).

2. Tierrechte: Wie wurden die Programme von den Studenten, Kollegen etc. aufgenommen? Mit welchen Widerständen hatten Sie zu kämpfen?

Für die meisten Studenten waren die virtuellen Labore eine sehr willkommene tierversuchsfreie Alternative, verbunden mit der Einführung einer damals noch völlig neuen Technik computergestützter Lehre. Die Kollegen sahen in der Entwicklung dieser Computersimulationen überwiegend einen Angriff auf das Recht zu Tierversuchen, auch in der Forschung, und witterten Verrat aus den eigenen Reihen mit zum Teil recht harten Attacken.

3. Tierrechte: Wie ist es Ihnen gelungen, den Thieme-Verlag für Ihre Programme zu begeistern?

Ausschlaggebend war wohl das persönliche Interesse einiger damals für die neuen Medien verantwortlichen Thieme-Mitarbeiter, wahrscheinlich angeregt durch viele Berichte in Zeitungen, Radio und Fernsehen über unser erstes Labor (noch ohne Thieme Verlag), das unter dem Namen MacFrog mehrere internationale Preise gewonnen hat. Die Kontakte zum Thieme-Verlag wurden allerdings von unserem damaligen Mitarbeiter und Hauptinitiator Martin Ch. Hirsch geknüpft, der auch das gemeinsam mit dem Thieme-Verlag durchgeführte BMBF-Projekt leitete.

4.  Tierrechte: Welche Zukunftsperspektiven sehen Sie? Werden in absehbarer Zeit die Zahlen der in der Ausbildung eingesetzten Tiere sinken?

Die Hochschullehre wurde schon in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr von tierverbrauchsfreien Methoden bestimmt. Diese Entwicklung wird sich weiter fortsetzen, alleine schon, weil Experimente mit Tierpräparaten in solchen Massenstudien wie der Medizin einen derart gewaltigen Aufwand erfordern der, bei immer weniger Lehrenden, ohne Abstriche an der Qualität der Lehre nicht mehr zu verantworten ist. Hier sind neue didaktische Konzepte gefragt, welche das selbständige Arbeiten der Studentinnen und Studenten fördern. Abgesehen von speziellen Ausbildungsgängen, für welche chirurgische Techniken beziehungsweise Tierexperimente notwendig erscheinen, werden Experimente mit Organpräparaten wohl weitgehend aus den regulären Curricula verschwinden.

5. Tierrechte: Welche Möglichkeiten sehen Sie zur Reduzierung von Tierversuchen in der Forschung?

In der Forschung ist der „Verbrauch“ an Tieren sicher noch um ein Vielfaches höher als in der Lehre. Insofern könnte in der Forschung noch viel mehr als in der Lehre mit der Suche nach alternativen Methoden für den Tierschutz getan werden –  und zwar  nicht nur an Universitäten, sondern beispielsweise auch in der Pharmaindustrie. In diese Richtung zielte ein großes EU-Exzellenznetzwerk „Network of Excellence“ unter dem Titel  „Computer-Simulations for Drug Development“, kurz „BioSim“ (2005-2011), an dem ich als Mitinitiator und in verantwortungsvollen Funktionen beteiligt war. Die Idee war, die bei der Medikamentenentwicklung geforderten Tierexperimente und klinischen Studien durch vorgeschaltete Computersimulationen zielgerichteter zu planen um sie, im Sinne der 3Rs, zu verfeinern, deren Anzahl zu verringern und vielleicht sogar zu ersetzen. Damit soll den Tieren und auch den Patienten unnötiges Leiden erspart werden bei gleichzeitig effektiverer und kostengünstiger Medikamentenentwicklung. Dieses sehr anspruchsvolle Ziel soll in einem Nachfolgeprojekt, das derzeit in Vorbereitung ist, weiter verfolgt werden.

Diese Idee wurde auch von einigen verantwortlichen Personen aus Tierschutzorganisationen und den Wiesbadener Ministerien aufgegriffen. Die schon weit fortgeschrittene Planung eines sog. „in-silico“ Instituts als integraler Bestandteil der medizinischen Fakultät der Uni Marburg, von den Wiesbadener Ministerien in die Wege geleitet und auch schon vom Marburger Fachbereichsrat abgesegnet, ist leider an den politischen Entwicklungen um 2010 gescheitert. Nun sollen alternative Professuren, allerdings mit etwas anderen Schwerpunkten, u.a. an der uns benachbarten Universität Gießen installiert werden.

Auch die schon 2004 eingerichteten und nun schon wieder in Auflösung befindlichen Bernstein-Zentren haben ein etwas anderes Konzept verfolgt, genauso wie das 2013 wegen seines Umfangs mit großem Medieninteresse eingerichtete Human Brain Projekt. Hier wie dort geht es fast ausschließlich um Neurophysiologie, unter Vernachlässigung der eigentlich medizinisch wichtigeren – weil viel häufiger mit Krankheiten in Verbindung stehenden –vegetativen Funktionen.
Ich selbst habe versucht, unser eigenes Konzept zumindest in kleinem Maßstab noch am Leben zu halten, indem ich in Marburg, trotz meines Ruhestands, immer noch unser schon vor vielen Jahren eingeführtes Wahrpflichtfach zu „Computersimulationen in der Medizin“ anbiete. Dieses ist vor allem dafür gedacht, auch in den Lebenswissenschaften ein gewisses kritisches Verständnis für die Möglichkeiten und Grenzen von Simulationsmethoden zu wecken – zum besseren Verständnis in interdisziplinären Kooperationen.

Das unserem Ansatz zugrundeliegende Konzept habe ich zu Beginn des BioSim-Projekts in 2005 in einem Bericht für die „Deutsche Zeitschrift für klinische Forschung (DZKF) zusammengefasst. Dieser Artikel, wie auch der Abschlussbericht unserer Arbeitsgruppe zu dem BioSim-Projekt kann über unsere Webseite www.virtual-physiology.com (References) heruntergeladen werden.  

6. Tierrechte: Was muss sich insgesamt ändern, um einen Paradigmenwechsel im Sinne der Tiere zu erreichen?

Ich würde es begrüßen, wenn die Studenten ganz grundsätzlich eine etwas kritischere Haltung in allen Lehrveranstaltungen gegenüber allen Lehrinhalten einnehmen würden. Eine unkritische Rekapitulation von Vorlesungs- und Lehrbuchinhalten ist vielleicht die erfolgversprechendste Strategie für einen schnellen und guten Studienabschluss, aber nicht unbedingt die beste Vorbereitung auf das Arbeitsleben. Dies gilt auch und vor allem für Studentinnen und Studenten in den sogenannten Lebenswissenschaften, insbesondere der Medizin, die sich bei jedem Experiment sehr genau überlegen sollten, ob der eventuelle Erkenntnisgewinn den Aufwand und das zu erwartende Leiden nicht nur bei Tierversuchen, sondern auch bei klinischen Studien am Menschen rechtfertigt. Hierzu benötigt es eigentlich keinen Paradigmenwechsel, sondern nur eine etwas bessere Berücksichtigung der klassischen Kantschen Maxime, sich des eigenen Verstandes zu bedienen – soweit, hoffentlich, vorhanden.

7. Tierrechte: An welchen Projekten, insbesondere im Hinblick auf den Tierschutz, sind Sie selbst derzeit beteiligt und welche Projekte würden Sie gerne noch in Angriff nehmen?

Formal bin ich jetzt schon gut 4 Jahre im Ruhestand. Ich bin meinen Kollegen vom Physiologischen Institut in Marburg sehr dankbar, dass sie mich trotzdem meine Arbeitsgruppe weiterführen lassen. Allerdings wird bei uns jetzt nur noch theoretisch mit Computersimulationen und weiter verfeinerten Computeranalysen gearbeitet. Eine besondere Herausforderung bin ich mit der Neuprogrammierung der Virtual Physiology Labore eingegangen. Nach wiederholter Ablehnung unserer Projektanträge bzw.  unzulänglicher Bewilligungsbescheide habe ich zusammen mit einigen Kollegen das Risiko auf mich genommen, die Neuprogrammierung auf eigene Kosten und eigene Verantwortung anzugehen. Das hat die ganze Sache natürlich verzögert, weil die private Verschuldung nicht zu hoch werden sollte. Nach vier Jahren harter Arbeit scheint sich nun aber doch die Qualität unserer Lernprogramme auch auszuzahlen. Wir haben nun neben den mehr als 5000 kostenlosen Downloads unserer bislang noch voll funktionsfähigen Demo-Versionen auch schon über 200 verkaufte Institutslizenzen weltweit – von Finnland bis Australien und von Japan bis Chile. Damit sind wir hoffentlich auch weiterhin in der Lage, unsere virtuellen Labore auszubauen und deren didaktische Vorteile, auch für völlig neue Lehrkonzepte, aufzuzeigen.

Das Interview führte Dr. Christiane Hohensee.

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