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Interview: "Der Bundesverband ist eine gewichtige Stimme in der Politik"

27.11.2015  Martin-Sebastian Abel ist Sprecher für Tierschutz der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen in NRW. Der junge Politiker hat sich jahrelang für die Etablierung eines Lehrstuhls für tierversuchsfreie Verfahren in NRW stark gemacht. Ohne sein Engagement würde es das Centrum für Ersatzmethoden zum Tierversuch (CERST) heute nicht geben. Tierrechte sprach mit ihm über den Werdegang und die Bedeutung der Forschungseinrichtung und was sich ändern muss, damit endlich mehr Dynamik in die Entwicklung der tierversuchsfreien Forschung kommt.

Tierrechte: Warum haben Sie sich so für CERST engagiert?

Martin-Sebastian Abel: Die Abschaffung von Tierversuchen führt über ihren Ersatz. Das sagen Menschen für Tierrechte seit vielen Jahren. Ich habe nach Wegen gesucht, die Erforschung und Etablierung von Ersatzmethoden voranzubringen. Dabei bin ich auf das IUF und vor allem Prof. Fritsche gestoßen.

Tierrechte: Es hat acht Jahre gedauert, um ein solches Zentrum einzurichten. Welche Hürden waren zu überwinden?

Martin-Sebastian Abel: Erstmal waren wir mit der Idee alleine. 2008 habe ich als Mitarbeiter des heutigen Umweltministers Johannes Remmel erlebt, wie die Mehrheit aus CDU/FDP unseren Vorschlag für eine Stiftungsprofessur einzurichten, als spinnert ablehnte. Nach der Landtagswahl 2010 hatten wir als rot/grün keine Mehrheit. Im November 2012 wurde ich Abgeordneter, da waren die Haushaltsberatungen bereits abgeschlossen und das Umweltministerium hatte sehr vielversprechende Gespräche für eine Stiftungsprofessur, die leider kurz vor der Zielgraden scheiterten. In den Haushaltsberatungen 2014 haben wir dann den Durchbruch erreicht und gemeinsam mit der SPD beschlossen, die notwendigen Mittel für ein Centrum bereitzustellen.

Tierrechte: Welche Personen und Institutionen haben Sie bei Ihrem Einsatz für CERST unterstützt und in welcher Form?

Martin-Sebastian Abel: An erster Stelle ist hier Menschen für Tierrechte zu nennen. Ich bin seit vielen Jahren Mitglied und habe die fachliche Diskussion und die Initiativen zur Reduzierung von Tierversuchen verfolgt. Aber es ist mir auch wichtig zu betonen, dass aus Industrie und Forschung große Unterstützung für dieses Vorhaben kam und ein lebendiges Interesse besteht, um Alternativ- und Ersatzmethoden zu etablieren.

Tierrechte: Was kann eine Nichtregierungsorganisation wie der Bundesverband Menschen für Tierrechte dazu beitragen?

Martin-Sebastian Abel: Sehr viel: Der Bundesverband hat eine gewichtige Stimme in der Politik. Die sachliche und fundierte Expertise, die der Verband in Anhörungen, Veröffentlichungen und der direkten Mitarbeit im Tierschutzbeirat einbringt, hat konkrete Auswirkungen auf Gesetzgebungsverfahren und die Meinungsbildung der Politik.

Tierrechte: Welche Bedeutung hat die tierversuchsfreie Forschung für Sie?

Martin-Sebastian Abel: Tierversuche sind ein ethisches Dilemma: wir müssen alles dafür tun, diese Art des Forschens durch andere Methoden zu ersetzen. Zudem wissen wir, dass wir Erkenntnisse aus Versuchen nicht immer auf den Menschen übertragen können.

Tierrechte: Was erwarten Sie von CERST?

Martin-Sebastian Abel: Das Centrum soll ForscherInnen beraten, selber Forschung betreiben und eine Brücke von der Forschung in die Lehre schlagen. Der direkte Austausch von Regulatoren, Industrie und Wissenschaft ist der einzige Weg, mit dem wir Erfolge erzielen werden. Ich wünsche mir und bin zuversichtlich, dass das CERST diese Brückenkopffunktion ausfüllen wird.

Tierrechte: Könnten weitere Forschungseinrichtungen zur Entwicklung tierversuchsfreier Verfahren in NRW entstehen?

Martin-Sebastian Abel: Erstmal entscheidet die Politik nicht, welche Lehrstühle oder Zentren eingerichtet werden. Dies liegt in der Entscheidungskompetenz der Hochschulen, die selbständig über die Gestaltung der Lehre und Forschung entscheiden. Das ist auch gut so. Das CERST konnte nur mit zusätzlichen Projektmitteln und aufgrund der besonderen Bedingungen durch das Leibniz-Institut ermöglicht werden. Das Ziel ist nun erst mal, den Austausch mit LehrstuhlinhaberInnen anderer Professionen aufzunehmen und die Ansätze und Ideen zu verbreiten.

Tierrechte: Was muss sich ändern, damit mehr Dynamik in die Entwicklung der tierversuchsfreien Forschung kommt?

Martin-Sebastian Abel: Ganz klar: Wir brauchen eine andere Gewichtung der Fördergelder. Das könnte insbesondere der Bundesgesetzgeber sehr schnell umsetzen. Was viel länger und mühsamer sein wird, ist die Etablierung der Methoden. Derzeit blockiert uns vor allem die Regulatorik. REACH und andere europäische Richtlinien drücken eher auf die Bremse als aufs Gaspedal.

Tierrechte: Was würden Sie sich in Bezug auf Tierversuche wünschen?

Martin-Sebastian Abel: Dass sich viel mehr Menschen intensiver mit diesem Thema beschäftigten und dass einige Tierschutzverbände mehr Mut aufbringen, und sich anstelle plakativer Forderungen oder pauschaler Verurteilung auf eine sachliche Debatte einlassen. Ich bin der festen Überzeugung, dass sie so mehr erreichen, als mit pauschalen Forderungen wie z.B. ein Verbot von Tierversuchen. Der Bundesverband Menschen für Tierrechte hat bewiesen, dass es auch anders geht.

Tierrechte: Wie schätzen Sie die Entwicklung in den nächsten Jahren ein?

Martin-Sebastian Abel: Wir werden eine spürbare und messbare Reduzierung der Tierversuchszahlen erleben und Ersatzmethoden werden an die Stelle konventioneller Verfahren treten. Ich glaube, dass wir innerhalb der nächsten Dekade einen immensen wissenschaftlichen Fortschritt erreichen und in vielen Bereichen der Wissenschaft Ersatzmethoden zur Regel geworden sind.

Die Fragen stellte Christina Ledermann

Pressefoto: Martin-Sebastian Abel: Grüne Landtagsfraktion NRW

Lesen Sie dazu auch das Interview mit NRW-Wissenschaftsministerin Svenja Schulze.

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