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Interview: Gemeinsam für eine bessere Wissenschaft

Es war eine sogenannte In-vivo-Demonstration mit Mäusen, die die Biotechnologie-Studentin Giorgia Pallocca darin bestärkte, in ihrer wissenschaftlichen Karriere einen anderen Weg einzuschlagen.

Heute forscht die Italienerin am Doerenkamp-Zbinden-Lehrstuhl in Konstanz. Jetzt wurde sie als "Beste Nachwuchswissenschaftlerin" mit den Lush Prize zur Förderung tierversuchsfreier Testmethoden ausgezeichnet.

 1. Tierrechte: Was waren die Schlüsselerlebnisse, die Sie motivierten, auf dem Gebiet der tierversuchsfreien Methoden zu arbeiten?

Empathie für Tiere wurde mir schon in der Familie vermittelt. Die Entscheidung, mich beruflich mit tierversuchsfreien Verfahren zu beschäftigen, fiel schon zu Beginn meines Bachelorstudiums.
In der ersten Zeit wusste ich nicht, wie ich diese Einstellung mit meinem Studium in Einklang bringen konnte. Im ersten Jahr meines Bachelorstudiums musste ich einer (einzigen) didaktischen in vivo-Demonstration beiwohnen. Dabei wurde an eingeschläferten Mäusen demonstriert, wie man deren Gewebe auf einer Unterlage festpinnt (fixiert). Da wir alle dem Experimentator zusehen mussten, hätte man diesen Versuch damals leicht beispielsweise durch ein Video ersetzen können. Diese Erfahrung war ausreichend, um mich davon zu überzeugen, dass ich diesem Weg, Forschung zu betreiben, nicht folgen wollte. Eine Harmonisierung meiner ethischen Grundhaltung mit meiner wissenschaftlichen Karriere war nur so möglich. In den folgenden Jahren erweiterte ich mein Wissen bezüglich der Alternativmethoden unabhängig von einem wissenschaftlicheren Standpunkt aus.

2. Tierrechte: Wie gelang es Ihnen, eine PhD Stelle am Lehrstuhl für alternative in vitro-Methoden in Konstanz zu bekommen?

Nach meinem Masterstudium bewarb ich mich auf ein Volontariat beim europäischen Referenzlabor für Alternativen zum Tierversuch (EURL-ECVAM) in Ispra, Italien. Dort arbeitete ich mit Dr. Anna Price an einem Projekt zum Thema Entwicklungstoxikologie-Modelle in-vitro und miRNA (microRNA) (1). Auf der Suche nach dem nächsten Schritt interessierte ich mich mehr und mehr für die Arbeiten, die in der Leist-Gruppe am Lehrstuhl für Alternative in-vitro-Methoden an der Universität Konstanz durchgeführt werden. Ich bewarb mich für eine Stelle in meinem Labor und nach einer Reihe von Interviews und mündlichen Vorträgen wurde mir angeboten, mit meiner Doktorarbeit in dieser Gruppe zu beginnen.

3. Tierrechte: Wie waren die Erfahrungen mit dem Tierverbrauch an der Universität, die Sie während des Studiums gemacht hatten? Haben Sie versucht, die Verwendung von Tieren abzulehnen? Wie reagierten Ihre Kommilitonen und Kursveranstalter?

Unglücklicherweise musste ich zu Beginn meines Studiums einem in-vivo-Experiment beiwohnen. Die Studenten hatten die Versuche nicht wirklich selbst durchzuführen, aber sie mussten beiwohnen. Ich versuchte nicht, abzulehnen. Meine ethischen Bedenken waren zwar schon da, meine wissenschaftlichen Argumente waren aber noch nicht weit genug entwickelt. Wir hatten keine Kurse zum Thema Alternativen zum Tierversuch und es herrschte die gängige Meinung, der Tierversuch sei aus wissenschaftlichen Gründen absolut notwendig.

4. Tierrechte: Hatten Studenten, die den Tiereinsatz ablehnten, Nachteile? Was würden Sie Studenten empfehlen, die in ihrem Studium keine Tiere nutzen wollen?

Ein Nachteil, den ich selbst erfahren habe, war die geringe Zahl an Projekten, die für Abschlussarbeiten in diesem Bereich angeboten wurden. Wahrscheinlich ist die Situation an den verschiedenen Universitäten unterschiedlich, aber ich fand es nie leicht, ein in-vitro-Projekt völlig ohne Tierverbrauch zu finden. Es gab überhaupt keine Projekte, die speziell die Methodenetablierung von Alternativen zum Tierversuch zum Ziel hatten. Außerdem waren die Auseinandersetzungen mit anderen Studenten nicht immer leicht. Es gab die Tendenz, zu denken, dass die Erforschung von Alternativmethoden nur etwas für Tierrechtsaktivisten sei und nicht für Wissenschaftler.

Ich würde Studenten empfehlen, sich so bald wie möglich viele Informationen bezüglich der Anwendung von Alternativmethoden zu beschaffen, indem man beispielsweise versucht,  an Workshops oder Konferenzen teilzunehmen. Das hat mir geholfen, mit dem wissenschaftlichen Netzwerk bekannt zu werden. Außerdem war es hilfreich, Informationen bezüglich des Themas von einflussreichen Wissenschaftlern zu bekommen. Damit kann man Verbindungen herstellen, die für die nächsten Karriereschritte nützlich sein können.
 
5. Tierrechte: Welche Bedeutung haben die tierversuchsfreien Methoden derzeit?

Meiner Meinung ist uns oft gar nicht bewusst, wie weit die Entwicklungen in diesem Bereich schon sind. In Unternehmen geht es hier in den letzten Jahren rasant voran. Tierfreie Methoden werden in mehr und mehr im Bereich der Risikobewertung angewandt. In der Industrie werden Alternativmethoden regelmäßig im Screening und in der Toxikologie verwendet, da diese Methoden robuster sind und zuverlässige Ergebnisse für den Verbraucherschutz liefern. Dies hat hauptsächlich einen wirtschaftlichen Grund, weil in-vitro-Methoden einerseits erlauben, unsichere Substanzen von vornherein auszuschließen, andererseits könnten Tierversuche zudem dazu führen, Substanzen fälschlicherweise ausgeschlossen werden, obwohl der Menschen sie gut verträgt.


6. Tierrechte: Wie würden Sie die gegenwärtige Situation für Wissenschaftler beschreiben, die auf dem Gebiet der tierfreien Verfahren arbeiten wollen? Mit welchen Problemen sehen sie sich konfrontiert?

Ich meine, dass trotz zunehmendem Bewusstsein über Alternativmethoden in der Regulatorischen Toxikologie und bei den Förderorganen in den letzten Jahren noch ein weiter Weg zu gehen ist. Die kontinuierliche Verbreitung der Verwendung von Tieren erfolgt wegen verschiedener Faktoren: 1) dem Irrglauben, dass Studien an Tieren zuverlässigere Resultate für den Menschen liefern, was außerdem bedeutet, dass Alternativmethoden, wenn keine Humandaten verfügbar sind, immer mit den Daten aus dem Tierversuch verglichen werden müssen, was nicht zuverlässig erfolgen kann (da die Tierversuchsdaten selbst nie validiert wurden); 2) wegen der Tradition des Gebrauchs von Tieren, das heißt, es fehlt an Expertise und adäquater Laborausstattung, um zu ermöglichen, dass Wissenschaftler vom Tierversuch zu den tierversuchsfreien Verfahren überwechseln; 3) wegen der Politik der Förderorganisationen, die Tierexperimente bevorzugen, da das Personal traditionell auf dem Gebiet der Tierversuche erfahren ist; und 4) wegen der Einstellung der wissenschaftlichen Journale, die die Publikation von tierversuchsfreien Studien nur widerwillig akzeptieren.

7. Tierrechte: Wie kann eine Zunahme tierfreier Methoden erreicht werden? Was müsste getan werden?

Tierversuche werden noch immer als am zuverlässigsten betrachtet und sind ein akzeptiertes Modell, um die Gefährdung von Substanzen zu zeigen. Ein Wechsel in dieser Denkweise ist sehr schwierig. Ich denke, es ist wichtig, das wissenschaftliche Verständnis für die neuen in-vitro-Methoden zu stärken. Wir müssen wissen, welches Potenzial und welche Grenzen sie gegenwärtig haben, wenn wir diese Methoden für die Risikobewertung vorschlagen. Dies bedeutet, dass wir die Qualitätsstandards der in-vitro-Methoden erhöhen müssen, um sie besser in die offiziellen regulatorischen Validierungsprozesse zu bringen. Des Weiteren denke ich, sollte es eine bessere Kommunikation über das Gebiet der „Tiermethoden“ geben, um Vorurteile zu überwinden und gemeinsame Ziele für eine bessere Wissenschaft zu finden. Nur mit starken Evidenz-basierten Kenntnissen wird es möglich sein, den klassischen Weg des Denkens zu überwinden, hauptsächlich in den toxikologischen Wissenschaften.

8. Welche Zukunftsperspektiven sehen Sie? Wird es für die Tiere in absehbarer Zeit Verbesserungen geben?

Meiner Meinung nach wird sich dank einer zunehmenden Sensibilisierung die allgemeine Tierschutzsituation definitiv verbessern. Während ein vollständiger Ersatz der in-vivo-Tests noch in weiter Ferne liegt, wird es zunehmend Verbesserungen auf dem Gebiet der in-vitro-Technologien geben, wie zum Beispiel die humanen induzierten pluripotenten Stammzellkulturen (iPCS) und ihre Charakterisierung, die *.omics-Ansätze wie Transcriptomics, Metabolomics (2, 3). Eine bedeutende Wende für die in-vitro-Methodenanerkennung  auf dem Gebiet der Toxikologie ist von den anspruchsvolleren Modellen wie der Organ-on-a-Chip-Technologie zu erwarten.

Das Interview führte Dr. Christiane Hohensee

(1) Mikro-RNAs sind kleine, nicht kodierende Ribonukleinsäuren, die eine wichtige Funktion bei der Genregulation in den Zellen haben. Sie binden an die messenger RNA (mRNA), die normalerweile die Vorlage für die Produktion einer Kette aus Aminosäuren (Translation) darstellt, aus denen dann später ein Protein gefaltet wird. Durch die Bindung der miRNAs ist dieser Prozess der Translation unterbrochen. Nachdem eine NT2-Zelllinie toxischem Methylquecksilber ausgesetzt worden war, wurde analysiert, wie viel mikroRNA in den Zellen exprimiert worden war, um die Zellreaktion auf eine toxische Belastung zu charakterisieren. NT2-Zellen stammen von einer embryonalen Teratokarzinomzelle ab. Die Zellen sind kommerziell erhältlich.

(2) Transcriptomics: welche Gene in Zellen, Geweben, Organen oder dem Organismus aktiv oder nicht aktiv sind, nachdem sie/er einer Testsubstanz ausgesetzt worden sind/ist, untersucht die RNA-Expressionsanalyse. Mit sogenannten DNA-Microarrays kann die Gesamtheit aller aktivierten Gene ermittelt werden.

(3) Metabolomics: Untersucht die Auswirkungen von z.B. toxischen Substanzen auf den Metabolismus von Zellen, Geweben, Organen oder des Organismus mittels NMR-Spektroskopie oder Gaschromatografie-Spektrometer, Time of flight- und anderen Massenspektrometern. Damit lassen sich sowohl bekannte als auch unbekannte Metabolite ermitteln.

Das Interview führte Dr. Christiane Hohensee.

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