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Chefsache Masterplan

Untersuchungen, die ohne den Einsatz von lebenden Tieren, ihren Organen oder Zellen erfolgen, haben das Potenzial, Tierversuche zu verdrängen. Denn diese tierleidfreien Verfahren sind in der Lage, Fragestellungen für den Menschen besser zu beantworten als das Tier*. Und sie haben noch einen ganz entscheidenden Vorteil: Sie sind ethisch sauber.Doch ohne einen umfassenden Masterplan kann dieser überfällige Systemwechsel nicht gelingen.


human on a chipIn den letzten Jahrzehnten wurden einerseits grandiose neue Verfahren entwickelt wie die Human-on-a-Chip-Technologie, mit der man zukünftig Giftigkeitstests ohne Tierversuche durchführen kannund mehr. Andererseits ist es noch immer nicht gelungen, den Augenreiztest am Kaninchen (Draize-Test) komplett abzuschaffen. Doch was muss passieren, damit tierversuchsfreie Verfahren schnellst möglich entwickelt und angewendet werden? Wo genau befinden wir uns heute auf dem Weg zum Ziel – dem Ende der Tierversuche? Eine Standortbestimmung und das Erreichen des Ziels sind nur mit Hilfe eines Masterplans möglich. Der aber fehlt bis heute.


Fehlt: Strategie für eine tierleidfreie Wissenschaft

Ein Masterplan muss den sehr komplexen Weg aufzeichnen, der von der tierexperimentellen Forschung zur tierleidfreien Wissenschaft führt. Jeder Projektmanager weiß, dass ein solcher Plan ein absolutes Muss ist, denn er enthält inhaltliche und zeitliche Strukturen, damit der Systemwechsel gelingt. Fehlt er, ist das Scheitern des Projekts vorprogrammiert. Die Politik sieht sich bishernicht in der Pflicht. Spätestens 2013 mit Anwendung des neuen EU-Tierversuchsrechts in Deutschland hätten die Regierungen von Bund und Ländern die Projektplanung gemeinsam mit Vertretern von Wissenschaft, Industrie, Behörden und Tierschutz erarbeiten müssen. Zwar berichten die Medien inzwischen gerne über Erfolge tierleidfreier Verfahren, sie thematisieren aber ebenso häufig die Unverzichtbarkeit der Tierversuche.Aus dem Dschungel dieser Meinungsäußerungen führt nur eine objektive Standortbestimmung, die den Fortschritt analysiert. Daran haben scheinbar nur wir Tierversuchsgegnerein Interesse.Doch wir erinnern die Politik an ihre Aufgabe: Zur Bundestagswahl 2017 sollen die Parteien ihre Strategie für eine tierleidfreie Wissenschaft vorstellen.


Tierversuchsfreie Methoden explizit fördern

Grundvoraussetzung für eine ergiebige Forschung sind exzellente Wissenschaftler – je mehr,desto besser. Natürlich spielt Geld hierbei eine maßgebliche Rolle. In Deutschland stehen jährlich circa 84 Milliarden EuroForschungsgelder zur Verfügung – eine gigantische Summe. Doch welche Beträgesind für die tierleidfreie Methodenentwicklung vorhanden? Das wird nirgendwo erfasst. Ebenso wird nicht darüber berichtet, dass die Kosten für die Entwicklung bis zur Praxiseinführung einer einzigen tierleidfreien Methode im Millionenbereichliegen können (siehe Infokasten auf Seite 7).
Die speziellen Fördertöpfe für Tierversuchsalternativen(z.B. von BMBF, set, ZEBET) berücksichtigen die einzelnen 3R-Verfahren gleichermaßen.Das heißt, die Förderung macht keinen Unterschied zwischen systemverändernden (tierleidfreien)Methoden und systemerhaltenden Tierversuchen, die mit weniger Tieren und weniger Tierleid auskommen.Solche Programme sind Bremsklötze für die Systemveränderung. Ein Masterplan, der die tierversuchsfreie Forschung zum Ziel hat, muss Förderprogramme explizit für tierleidfreie Verfahren in angemessener Höhe ausweisen.

Forschungsschwerpunkte setzen

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) als größter Forschungsmittelgeber sollte zwei richtungsweisende Maßnahmen ergreifen: Als erstes sollte sie einen eigenen Etat zur Förderung tierversuchsfreier Verfahren einrichten. Zweitens sollte sie besonders dringliche Forschungsbereichefestlegen, für die vorrangig tierversuchsfreie Verfahren entwickelt werden müssen.Mehrere US-Behörden (z.B. die Umweltbehörde EPA) verfolgen dieses Prinzip seit 2010 in ihrem gemeinsamen Programm Tox 21.Für diese sogenannte „Top down“ Strategie kann die DFG ihre vorhandene Infrastruktur nutzen und Schwerpunktprogramme, Sonderforschungsbereiche und Exzellenzcluster für bestimmte Fragestellungen einführen, so wie sie dies für andere Forschungsbereiche bereits tut. Weitere Forschungsmittelgeber könnten nach dem gleichen Prinzip verfahren.


Praxisrelevanz muss besonders gefördert werden

Bisher erfolgen die Projektförderungen von unten nach oben („Bottom-up“-Prinzip). Hierbei entscheidet ausschließlich die wissenschaftliche Qualität über die Vergabe von Fördermitteln, nicht aber zusätzlich,ob die Fragestellung eine hohe Praxisrelevanz hat. Das birgt die Gefahr, dass die Fördermittel verpuffen und der Ausstieg aus dem Tierversuch verschleppt wird. Der „Top-down“-Ansatz hingegen ist eine zielgerichtete Steuerung der Innovationsanforderungen. Als es ernst wurde mit dem Tierversuchsverbot für Kosmetik in der EU, tierversuchsfreie Tests aber kaum vorhanden waren, hat die Kosmetikindustrie die „Top-down“-Strategie erfolgreich eingesetzt. Damals wurden neue Gremien eingerichtet wie die europäische Partnerschaft der Kosmetikindustrie zur Entwicklung tierversuchsfreier Methoden (EPAA). Gemeinsam mit der EU-Kommission haben die Kosmetikfirmen Gelder zur Entwicklung der fehlenden Tests bereitgestellt. Diese Maßnahme im Sinne einer Top-down-Strategie hat Schwung in die Entwicklung gebracht, auch wenn bisher nicht alle fehlenden Tests entwickelt werden konnten.

Fazit und Ausblick

Am Masterplan führt kein Weg vorbei. Er allein ist die verbindliche Grundlage für die Verwirklichung des Ziels, Tierversuche zu beenden. Gut wird er dann, wenn alle beteiligten Gruppen, also Politik, Wissenschaft, Industrie und Tierschutz, an seiner Erstellung mitarbeiten. Spezielle Förderprogramme und die Neueinführung von Forschungsschwerpunktenzur Entwicklung tierversuchsfreier Methoden sind wesentliche Maßnahmen der Planung. Die Verwirklichung dieses Masterplansist unser Thema Nr. 1 für den Bundestagswahlkampf. Fakt ist: Deutschland ist hinsichtlich seiner Aktivitäten zur Förderung der 3R-Verfahren in der EU führend. Die Resultate dieser Anstrengungen sind allerdings zu mager. So konnten zum Beispielnur elf von 44 Projekten, die eine BMBF-Förderung für 3R-Verfahren erhalten haben, Methoden entwickeln, die auch in der Praxis genutzt werden. Bundesforschungsministerin Johanna Wanka ist der Meinung, dass die neuen Tests schneller den Weg in die Praxis finden sollen, um zur Reduktion der Tierversuche beizutragen. Das sehen wir auch so. Sehr geehrte Frau Bundesministerin, nehmen Sie den Masterplan in die Hand. Machen Sie ihn zur Chefsache!

Dr. Christiane Baumgartl-Simons



* Beispiel für humanspezifische Testergebnisse durch tierleidfreie Verfahren

Derzeit wird die Reizwirkung von Substanzen durch eine integrierte Teststrategie an Augenhornhäuten von geschlachteten Rindern, Kaninchen oder Schweinen in-vitro ermittelt. Früher fanden die Tests im Tierversuch (Draize-Test) am Auge lebender Kaninchen statt.Neue Forschungen zeigen: Biotechnologisch hergestellte humane Cornea (Hornhaut des Auges) liefert humanspezifische Ergebnisse. Die Testergebnisse entsprechen der in-vivo-Situation des Menschen besser als Testergebnisse an Augenhornhäuten von Rindern, Kaninchen oder Schweinen.
Die Ursache dafür ist: Augenhornhäute von Mensch und Tier reagieren auf Fremdstoffe unterschiedlich. Die Reaktionsunterschiede beruhen auf verschiedenen Enzymen und Transportmolekülen. Forscher empfehlen, die Ergebnisse aus den derzeit gängigen Tests mit Augenhornhäuten vom Tier vorsichtiger zu interpretieren.
Diese Ergebnisse sind für die Chemikalien- und Arzneimittelprüfung von großer Bedeutung. Eine Forschergruppe erhielt Fördergelder für die Entwicklung und Prävalidierung eines humanen Corneamodells.  


 

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