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Interview mit EU-Kommissar Günter Verheugen

Günter Verheugen, der Vizepräsidenten der Europäischen Kommission und EU-Kommissar für Unternehmen und Industrie gab dem Bundesverband Menschen für Tierrechte Ende Februar 2009 ein exklusives Interview zum komplexen Thema Kosmetik und Tierversuche.

Menschen für Tierrechte: Herr Kommissar Verheugen, am 11. März tritt in der EU ein Vermarktungsverbot für an Tieren getestete Kosmetikprodukte in Kraft. Betrifft dies wirklich alle Tierversuche für Kosmetika? Ab wann gehören Tierversuche für Kosmetika vollständig der Vergangenheit an?

Kommissar Verheugen: Die Kosmetikrichtlinie bestimmt, dass ab März 2009 kosmetische Mittel, Bestandteile kosmetischer Mittel und Kombinationen solcher Bestandteile in der EU nicht mehr in Tierversuchen getestet werden dürfen. Dieses Verbot gilt unabhängig davon, ob alternative Methoden zur Verfügung stehen oder nicht. Ab diesem Datum ist es auch verboten, in der EU Kosmetika zu vermarkten, die in Tierversuchen geprüft wurden oder die im Tierversuch geprüfte Bestandteile oder Kombinationen von Bestandteilen enthalten.

Für einzelne Tierversuche, bei denen die Entwicklung alternativer Testmethoden besonders schwierig ist, gilt dieses Verbot ab März 2013. Aber auch dieses Verbot gilt unabhängig davon, ob alternative Methoden zur Verfügung stehen oder nicht.

Menschen für Tierrechte: Seit vielen Jahren kämpfen Tierversuchsgegner, Tierschützer und auch Politiker dafür, dass zumindest für Kosmetika keine Tiere mehr leiden und sterben müssen. Warum hat es so lange gedauert, ein Vermarktungsverbot bzw. ein Verbot der Versuche zu erreichen?

Kommissar Verheugen: Ich war an diesem Kampf aktiv beteiligt und hätte mir schnellere Ergebnisse gewünscht. Bereits seit Anfang der 90er Jahre verfolgt die EU ernsthaft das Bestreben, Tierversuche für die Herstellung von Kosmetika zu begrenzen. Um zu den jetzigen, strikten Regelungen zu gelangen, war es allerdings notwendig, die Auswirkungen auf die Sicherheit von Kosmetika und die Vereinbarkeit des europäischen Ansatzes mit den internationalen Regelungen zu prüfen und zu berücksichtigen.

Ich bin aber im Ergebnis froh darüber, dass die Europäische Union hier mit gutem Beispiel vorangeht. Niemand sonst auf der Welt nimmt den Tierschutz so ernst wie wir. Nirgends sonst gibt es ein vergleichbares generelles Verbot, Kosmetika in Tierversuchen zu testen.

Menschen für Tierrechte: Welchen Anteil hatte die Industrie daran, Ersatzverfahren zu den Tierversuchen zu entwickeln? Haben sich die Unternehmen engagiert oder waren sie eher zögerlich?

Kommissar Verheugen: Die Industrie hat einen ganz entscheidenden Anteil. Ohne das Engagement der Industrie lassen sich alternative Testmethoden nicht entwickeln. Angesichts der nunmehr in Kraft tretenden Verbote liegt dieser neue Weg auch im originären wirtschaftlichen Interesse der Industrie. Aber unabhängig davon habe ich den Eindruck, dass die Industrie sich dieser Aufgabe inzwischen aus voller Überzeugung und mit großem Engagement annimmt.

Im Jahre 2003, als für sieben toxikologische* Endpunkte Versuchs- und Vermarktungsverbote ab März diesen Jahres erlassen wurde, gab es alternative Methoden lediglich für zwei dieser Endpunkte. Heute sind es fünf, und für die verbleibenden zwei dürften sie 2010 zur Verfügung stehen. Das ist das Ergebnis von erheblichen Investitionen der Industrie, die bereits in den 1990er Jahren begannen.

*Anmerkung Internetredaktion tierrechte.de: Details zu den sieben Endpunkten/Untersuchungskategorien unter: www.tierrechte.de

Menschen für Tierrechte: Konnten Sie als für die Industrie zuständiger EU-Kommissar die Entwicklung der Ersatzverfahren beschleunigen?

Kommissar Verheugen: Jeder, der mich kennt, weiß, dass mir Tierschutz ein Herzensanliegen ist. Ich habe deshalb auch im Jahre 2005 zusammen mit meinem für die Forschung zuständigen Kollegen Janez Potocnik die Europäische Partnerschaft für Alternativen zu Tierversuchen gegründet. Diese gemeinsame Initiative von Kommission und Unternehmen und Verbänden verschiedener Branchen befasst sich mit der Bestandsaufnahme der bestehenden Forschung, der Entwicklung alternativer Konzepte und Strategien sowie der Förderung von Kommunikation, Bildung, Validierung und rechtlicher Akzeptanz alternativer Methoden.

Diese Partnerschaft hat eine Reihe sehr wichtiger Fortschritte gebracht, die sich von der Entwicklung wissenschaftlicher Testmethoden bis zur rechtlichen Validierung erstrecken. Häufig sind die Ideen dabei einfach, aber sehr wirksam: Wir prüfen im Rahmen der Partnerschaft etwa, wie eine für den agrochemischen Sektor entwickelte Testmethode auch für die Anwendung in anderen Sektoren angepasst werden kann. Der jüngste Fortschrittsbericht 2008 enthält sehr interessante Beispiele, was alles schon erreicht wurde.

Menschen für Tierrechte: Auf welche Weise hat die EU die Alternativen zu den Tierexperimenten gefördert?

Kommissar Verheugen: Aus meiner Sicht waren die zweistufig in den Jahren 2009 und 2013 in Kraft tretenden Verbote die entscheidende Weichenstellung, einen heilsamen Druck auf die Industrie auszuüben, alternative Testmethoden zu entwickeln, und mit neuen innovativen Produkten auf den Markt zu kommen.

Die EU hat die Industrie hierbei unterstützt. Abgesehen von der Europäischen Partnerschaft für Alternativen zu Tierversuchen haben wir erhebliche Forschungsgelder bereitgestellt. So wurden aus dem 7. Forschungs-Rahmenprogramm fünf Projekte zum Themenbereich "Gesundheit" gefördert, in einer Größenordnung von etwa 30 Mio. EUR.

Gleichzeitig setzen wir uns für eine verstärkte internationale Zusammenarbeit ein. So fördert die EU im Rahmen des internationalen Dialogs über Regelungen für Kosmetika die wissenschaftliche Zusammenarbeit mit den USA, Japan und Kanada, insbesondere bei der Entwicklung alternativer Prüfverfahren.

Menschen für Tierrechte: Können wir wirklich sicher sein, dass das Vermarktungsverbot ab 11. März greift, dass also für die erwähnten Prüfungen keine Tiere mehr eingesetzt werden?

Kommissar Verheugen: Der Vollzug des Vermarktungsverbots wird von den Mitgliedstaaten im Rahmen der Überwachung des Marktes für Kosmetika kontrolliert. Da der Termin näher rückt, haben wir die Mitgliedstaaten um Auskunft gebeten, wie sie das Vermarktungsverbot durchsetzen werden. Die Antworten werden wir dokumentieren.

Menschen für Tierrechte: Können wir sicher sein, dass die Kosmetikprodukte auch nicht im Ausland getestet werden?

Kommissar Verheugen: Ja, denn die Kosmetikrichtlinie verbietet nicht nur Tierversuche, sondern auch die Vermarktung von Produkten, die in Tierversuchen geprüft wurden.

Menschen für Tierrechte: Was muss geschehen, damit auch die noch verbleibenden Tests an Tieren möglichst schnell ersetzt werden?

Kommissar Verheugen: Für diejenigen Tierversuche, die ab März diesen Jahres verboten sind, ohne dass es bereits alternative Testmethoden gibt, bin ich zuversichtlich, dass solche Alternativen bald zur Verfügung stehen. Die Industrie arbeitet hieran mit Hochdruck, und die Europäische Kommission unterstützt sie hierin nach Kräften im Rahmen der Europäischen Partnerschaft.

Sehr viel kritischer ist die Lage im Hinblick auf die verbleibenden Tierversuche, die ab 2013 verboten sind. Hier sind noch entscheidende wissenschaftliche Fortschritte zu erzielen, bevor verlässliche alternative Testmethoden zur Verfügung stehen. Dazu wird die Kommission 2011 einen gründlichen Bericht vorlegen. Wir müssen in enger Zusammenarbeit mit der Industrie und unseren internationalen Partnern alles daran setzen, dass wir den Fahrplan einhalten und ab 2013 keine Tiere mehr für Kosmetika leiden müssen. Ich habe nie den geringsten Zweifel daran gelassen, dass ich nicht bereit bin, über eine Verschiebung dieses Termins auch nur nachzudenken.

Menschen für Tierrechte: Was ist weiterhin notwendig, um auch in anderen Bereichen wie z. B. den Chemikalien von den Tierversuchen wegzukommen?

Kommissar Verheugen: Die erwähnte Europäische Partnerschaft hat das Ziel, brauchbare Alternativen für verschiedene Branchen zu entwickeln. Die vorhandenen Erfahrungen sollen dann auch branchenübergreifend genutzt werden.

Menschen für Tierrechte: Was wünschen Sie sich im Interesse des Tierschutzes in einer weiter wachsenden Europäischen Union, insbesondere auch von Ihrem Nachfolger, denn Ihre Amtsperiode endet ja dieses Jahr?

Kommissar Verheugen: Meine Amtszeit geht bis Ende 2009. Bis dahin hoffe ich, noch einiges erreichen zu können. Ich glaube nicht, dass die nächste Kommission in Tierschutzfragen weniger sensibel sein wird als die jetzige. Mein Nachfolger oder meine Nachfolgerin wird sich darauf einstellen müssen, dass er/sie schon bei der Anhörung im Europäischen Parlament klar Farbe bekennen muss.
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