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Affenversuche

Cover-AffentoxBei Affenversuchen denken wir spontan an fixierte Affen in Primatenstühlen, die in der Hirnforschung eingesetzt werden. Diese Experimente stehen seit Jahren im medialen Fokus und zu Recht am öffentlichen Pranger. Bei der berechtigten Diskussion um die Kognitionsversuche an Affen in Tübingen und Bremen gerät jedoch leicht in den Hintergrund, dass neunzig Prozent der Affen in routinemäßigen Giftigkeitsprüfungen und Qualitätstests leiden und sterben.

Tierqual hinter dicken Mauern
Das Auftragslabor des multinationalen Unternehmens Covance im westfälischen Münster erreichte dadurch 2003 traurige Berühmtheit. Undercover-Aufnahmen enthüllten die Leiden der Tiere. Das Labor führt hauptsächlich Arzneimitteltests im Bereich der Reproduktionstoxikologie durch. Ähnliche Versuche werden im Laboratorium für Pharmakologie und Toxikologie (LPT) in Mienenbüttel durchgeführt. Hierzu werden die Testsubstanzen trächtigen Affen verabreicht, um Missbildungen der Nachkommen und Erbgut schädigende Auswirkungen festzustellen.

Warum Affen?
Affen sind sehr kostspielige „Labortiere“. Dennoch führen Tierversuchslabore gesetzlich vorgeschriebene Giftigkeitstests für die Zulassung und Vermarktung von medizinischen Produkten an ihnen durch. Warum? Da Affen sie dem Menschen aus pharmakologischer Sicht ähnlicher sind als andere Versuchstierarten, wird an ihnen die Wirkung von Arzneimitteln auf den Körper getestet (Pharmakodynamik). Grundsätzlich werden pharmazeutisch wirksame Substanzen zunächst an Ratten getestet. Aufgrund bedeutender Artunterschiede zwischen Mensch und Nagetier sind die Testergebnisse bekanntlich schwierig auf den Menschen zu übertragen. Aus diesem Grunde schreibt der Gesetzgeber vor, dass Arzneimittel noch an einer weiteren Nicht-Nagetierart getestet werden müssen, wie Hunde und Affen.

Wie viele Affen werden eingesetzt?
Die neuen Bestimmungen der EU-Tierversuchsrichtlinie 2010/63/EU gelten in Deutschland seit 2013. Die Tierversuchs-meldeverordnung musste an das neue Tierversuchsrecht angepasst werden. Für 2014 wurden die Tierversuchszahlen erstmals nach der neuen Meldeverordnung erhoben. Sie sind deshalb mit den Vorjahreszahlen nur bedingt vergleichbar. Dennoch lässt sich sagen: Über elf Jahre betrachtet hat die Verwendung von Affen in Tierversuchen zugenommen, daran ändert auch der leichte Zahlenrückgang in 2006, 2011 und 2012 nichts. In 2014 wurden insgesamt 2.842 Affen und Halbaffen verwendet, das entspricht 0,1 Prozent der in der Bundesversuchstierstatistik erfassten Tiere.

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Gesetzlich vorgeschriebene Giftigkeitstest
Sie beinhalten gesetzlich vorgeschriebene Giftigkeitsprüfungen von Medikamenten oder Tests zur Qualitätskontrolle von medizinischen Produkten und Geräten. Affen werden bei der Arzneimittelprüfung verwendet, um vor allem folgende Fragen zu klären: Zeigen sich Auswirkungen auf Augen und weibliche Geschlechtsorgane? Tritt Übelkeit auf? Werden Blutgerinnung oder Antikörperentwicklung beeinflusst? Zeigen sich psychoaktive Wirkungen? Treten Schädigungen der Nachkommen auf?

Affen leiden in Langzeitversuchen
Es sind hauptsächlich Javaneraffen, die in Langzeitversuchen (chronische Toxizität) leiden. Dabei wird das Testmedikament in niedriger Dosis meist täglich bis zu 39 Wochen verabreicht. Weit weniger Tiere werden in akuten Toxizitätstests über einige Tage eingesetzt, hier wird das Medikament üblicherweise in hoher Dosierung einmalig verabreicht. Schmerzmittel erhalten die Tiere nur bei invasiven Untersuchungen, nachdem sie die Testsubstanz bereits im Körper verstoffwechselt haben und sich keine Wechselwirkungen ergeben.Werden die Testsubstanzen über langandauernde Infusionen verabreicht, werden die Affen in sogenannten Applikationsstühlen fixiert. Bei Untersuchungen, beispielsweise an den Augen, werden die Tiere zum Teil mit Beruhigungsmitteln sediert. Die Entnahme von Hirn-Rückenmarksflüssigkeit erfolgt unter Narkose.

Giftigkeitsprüfungen: Am Ende steht meist der Tod
Forscher haben therapeutische Antikörper für die Krebstherapie, zur Behandlung Multipler Sklerose und neurodegenerativer Erkrankungen entwickelt. Die neuen humanisierten Antikörper stammen ursprünglich von der Maus und wurden genetisch verändert. Ihre Wirkungen werden an Ratten und Makaken (Javaneraffen/Rhesusaffen) ermittelt. Hierzu erhalten fünf Testgruppen von Tieren die Antikörperlösung in unterschiedlich hohen Dosierungen. In der Kontrollgruppe wird das Lösungsmittel ohne den Antikörper gespritzt. Mit diesen Testreihen wird die Giftigkeit der Substanz bestimmt, ihre Wirkung und Verteilung im Tierkörper sowie ihre Auswirkungen auf das Immunsystem. Den Affen wird die Antikörperlösung intravenös gespritzt, es folgen wöchentliche Blutuntersuchungen. Nach Ablauf der akuten Studie (Einmalgabe) werden die Affen getötet und ihre Organe untersucht. Während der Langzeitstudie erfolgen ebenfalls regelmäßige Blutabnahmen, um die Bindung des Antikörpers an die Immunzellen zu untersuchen. Die Tötung der ersten Affen erfolgt 14 Tage nach Versuchsbeginn, um die Organe auf krankhafte Veränderungen des Gewebes zu untersuchen.

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 86 Prozent der Affen litten 2014 in sogenannten regulatorischen Tests. 9,3 Prozent der Affen beanspruchte die reine Grundlagenforschung, u. a. zu Versuchen im Bereich der Kognitionsforschung (sogenannte "Primatenstuhlversuche"). 3,5 Prozent der Affen leiden für die praxisorientierte Grundlagenforschung (auch als angewandte und translationale Forschung bezeichnet). 0,5 Prozent der Affen wurden für Aus-, Fort- und Weiterbildungszwecke benutzt und 0,7 Prozent wurden getötet, um ihre Organe zu Forschungszwecken zu nutzen (kein Tierversuch im engeren Sinne).

Welche Arten von Affen werden verwendet?
Für Giftigkeitsprüfungen werden am häufigsten Javaneraffen, gefolgt von Marmosetten, vereinzelt auch Tamarine und Rhesusaffen eingesetzt. Javaner- und Rhesusaffen, Paviane und Menschenaffen werden als Altweltaffen bezeichnet, weil sie aus der „alten Welt“ (Afrika, Asien, Europa) stammen. Marmosetten und Tamarine dagegen sind Neuweltaffen (aus Süd- und Mittelamerika). Gelegentlich werden auch Halbaffen (z. B. Mausmaki) aus Madagaskar verwendet. Für die Grundlagenforschung kommen hin und wieder Paviane in den Versuch. Menschenaffen – hier geht es ausschließlich um Schimpansen – werden in Deutschland seit 1991 zwar nicht mehr verwendet. Doch anders als die Niederlande, Österreich, Schweden und Neuseeland hat Deutschland Versuche an Menschenaffen nicht verboten. In den USA dürfen seit September 2015 invasive Versuche an Schimpansen nicht mehr durchgeführt werden.

Chancen und Hindernisse neuer Verfahren
Der Hauptgrund, warum so viele Affen in den Tierversuch gehen ist, dass es derzeit noch keine praxisreifen tierversuchsfreien Verfahren gibt, um die gesetzlich vorgeschriebenen Giftigkeitsprüfungen durchzuführen. Gesetzlich anerkannt wurden bislang nur Verfahren zur lokalen Toxikologie wie z. B. Haut- und Augenreizungstests. Für den hochkomplexen Bereich der systemischen Toxikologie, die die Auswirkungen auf den gesamten Organismus untersuchen, fehlen ausgereifte Methoden ohne Tiereinsatz völlig. Doch die Wissenschaft ist auf dem Weg: Verfahren wie die sogenannte Human-on-a-Chip-Technologie könnte bald Giftigkeitsprüfungen in der systemischen Toxikologie ohne Tiere ermöglichen. Ein wirklicher Lichtblick ist der internationale Zusammenschluss von Vertretern aus Wissenschaft, Industrie und Regulationsbehörden, der sich der großen Herausforderung stellt, praxisreife Methoden zur Untersuchung der systemischen Toxikologie zu entwickeln. Das 2015 verkündete Projekt EU-Tox-Risk ist der Leuchtturm der kommenden Jahre. Wenn es EU-Tox-Risk gelingt, tierversuchsfreie Teststrategien zu konstruieren, um die schädlichen Auswirkungen von Substanzen auf den gesamten menschlichen Organismus sowie den Embryo festzustellen, wäre das ein wirklicher Durchbruch. Denn sind  die Verfahren erst einmal entwickelt und haben sich als anwendbar erweisen, können sie oft auch in Forschungsbereichen jenseits der Toxikologie – wie der Grundlagenforschung, der Arzneimittelforschung, der Nahrungsmittelproduktion und der Sicherheitsbewertung von Chemikalien etc. – dazu beitragen, Tierversuche zu beenden.

Ausblick: Den Teufelskreis durchbrechen
headrestraint - Kopie-001Am Beispiel der Giftigkeitsversuche an Affen zeigt sich der Teufelskreis: Auf den Markt dürfen nur geprüfte Produkte. Die Produkt-Prüfung muss nach einheitlichen Prüfvorschriften, die rechtlich bindend sind, erfolgen. Die Prüfvorschriften schreiben nach wie vor Tierversuche zur Feststellung giftiger Substanzwirkungen auf den Körper vor, denn es stehen keine praxisreifen tierversuchsfreien Verfahren zur Verfügung. Natürlich wollen die Hersteller ihre Waren schnell auf den Markt bringen und testen ihre Produkte im etablierten Tierexperiment. Zu wenige Firmen stellen sich gleichzeitig ihrer Verantwortung und beteiligen sich an der Entwicklung von in-vitro und in-silico Methoden. Kein Wunder also, dass tierversuchsfreie Methoden den zeitlichen Vorsprung des Tierversuchs ohne massive Unterstützung nicht einholen können.
Bisherige Investitionen reichen nicht aus

Wege aus der Sackgasse
Aus dieser Sackgasse führt nur ein Weg, den alle verantwortlichen Gruppen als Gemeinschaftsaufgabe gehen müssen. Konkret heißt das, Wissenschaft, Industrie, Politik, Behörden und selbstverständlich auch die Zivilgesellschaft müssen mehr als bisher in das Ende der Tierversuche investieren. Reines Wunschdenken? Keinesfalls! Die EU-Tierversuchsrichtlinie erteilt klare Arbeitsanweisungen. Danach sind die Mitgliedstaaten zur Entwicklung „alternativer Verfahren“ verpflichtet, damit die Einstellung der Tierversuche erreicht wird*. Die Bilanz zeigt, die bisherigen Investitionen reichen nicht aus. Tiere, so auch Affen, werden solange in Giftigkeitstests leiden und sterben bis es tierversuchsfreie Verfahren gibt, die in die Prüfvorschriften aufgenommen wurden und – ganz wichtig – die Tierversuche aus diesen gestrichen werden.

Unabdingbar: Erhöhung der Forschungsgelder
Der Bundesverband Menschen für Tierrechte kämpft mit seinem Maßnahmenpaket für den zügigen Ausstieg aus dem Tierversuch. Ganz oben auf der Liste steht der massive Ausbau der tierversuchsfreien Forschung, insbesondere durch Erhöhung der Forschungsgelder innerhalb Deutschlands und in der EU. Wer ernsthaft eine erfolgreiche Entwicklung der neuen Methoden verfolgt, muss für diesen Wissenschaftszweig innerhalb der Lebenswissenschaften einen mindestens gleich hohen Etat ausweisen wie für die tierexperimentelle Forschung. Die zweitwichtigste Maßnahme ist die drastische Verkürzung der Prüf- und Anerkennungszeiten für tierversuchsfreie Methoden. Derzeit dauert diese Phase zwischen 6 und 15 Jahren! Ebenso unentbehrlich ist die Förderung von Nachwuchswissenschaftlern. Deshalb ist die Einrichtung von Lehrstühlen und Professuren für eine tierversuchsfreie Wissenschaft, Lehre und Ausbildung ein absolutes Muss.

Tierversuchs-Verbote
Parallel sind Verbotsregelungen für bestimmte Tierversuche EU-rechtlich schon heute möglich, auch wenn noch keine tierversuchsfreien Methoden vorhanden sind. Hierzu gehören das ausnahmslose Verbot der Versuche an Menschenaffen, das Verbot der Ausweitung der Affenversuche und das Verbot schwerbelastender Tierversuche. Zur Umsetzung dieser nachhaltigen Forderungen ist die Unterstützung der Zivilbevölkerung nötig. Jede und Jeder kann sich dafür einsetzen, dass das Ende der Tierversuche schnellstens erreicht wird, beispielsweise durch Unterstützung von Vereinen und Kampagnen.

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 Mehr zum Thema lesen Sie in unserer Broschüre "Im Schatten der Berichterstattung: Routinetests an Affen".

 

 

 

 *Richtlinie 2010/63/EU zum Schutz der für wissenschaftliche Zwecke verwendeten Tiere: Erwägungsgrund Nr. 10 und Artikel 47

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