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Kirche und Tiere: „Tiere haben einen Selbstzweck“

rainer hagencord c tatjana jentsch web3.12.2015 //
Mitte Juni hat Papst Franziskus mit "Laudato si" die erste Umweltenzyklika der Kirchengeschichte vorgelegt. Darin äußert er sich auch zu unserem Umgang mit den Tieren – ein Novum.
Tierrechte sprach mit dem Theologen und Biologen Dr. Rainer Hagencord über die Bedeutung der Enzyklika in Hinblick auf die Tiere.

 

Tierrechte: Herr Dr. Hagencord, aus Tierschutzsicht hat die Kirche zur Entwertung und Ausbeutung der Tiere beigetragen. Schlägt Papst Franziskus in seiner Umweltenzyklika jetzt neue Töne an?

Dr. Hagencord: Auf jeden Fall. Bislang hat die Kirche und Viele, die sich der Kirche verbunden fühlen, das biblische Wort "Macht euch die Erde untertan!" benutzt, um ihren Umgang mit den Tieren zu legitimieren. Franziskus stellt sich jetzt ausdrücklich auf die Seite derer, die sagen, das stimmt so nicht. Wir haben dieses biblische Wort falsch verstanden. Für einen „despotischen Antrophozentrismus“ sieht Franziskus in Bibel und Christentum überhaupt keinen Anlass (Anm. d. Redaktion: Danach sieht der Mensch sich selbst als den Mittelpunkt der weltlichen Realität, in der er eine unumschränkte Macht ausübt).

Tierrechte: Wie äußert er sich zur Nutzung der Tiere?

Dr. Hagencord: Es ist neu, dass Franziskus sich vom Katechismus (dem Lehrbuch der Kirche, das vorgibt, wie Christen sich zu verhalten haben) distanziert. Er erteilt dem berühmt berüchtigten „vernünftigen Grund“, den wir aus dem Tierschutzgesetz aber auch aus dem Katechismus kennen, eine Absage. Er sagt, Tiere haben einen Selbstzweck, quasi einen intrinsischen Wert. Das ist neu. Die Tiere sind nicht für uns da. Vor diesem Hintergrund wirkt das, was tagtäglich in Mastställen und Schlachthöfen passiert, noch skandalöser.

Tierrechte: Geht der Papst in der Enzyklika konkret auf den Schutz der Tiere ein?

Dr. Hagencord: Ja, das kann man sagen. Er beginnt mit konkreten Bibelzitaten, wie Paragraf 68, die eine Tierethik schon beinhalten. Er geht aber weiter, indem er Pierre Teilhard de Chardin * zitiert. Teilhard sagt, dass die Schöpfung nicht auf den Menschen ausgerichtet ist, sondern auf Jesus Christus. Dem Menschen wurde aufgetragen, alle Geschöpfe mitzunehmen in das Erlösungswerk. Mit „allen Geschöpfen“ sind auch Tiere und Pflanzen gemeint. Damit wird gewürdigt, dass alles um uns herum mit uns verwandt ist und wir auch in theologischer Sicht mit allem verbunden sind. Danach kann man die Frage „Kommen die Tiere in den Himmel?“ eindeutig mit „Ja!“ beantworten.

Tierrechte: Welchen Auftrag formuliert er damit an die Christen?

Dr. Hagencord: Der Mensch hat als Ebenbild Gottes Verantwortung für den Garten Eden.

Tierrechte: Betrifft dies auch das individuelle Konsumverhalten?

Dr. Hagencord: Auf jeden Fall, er verurteilt ganz klar unsere Wegwerfkultur. Wir sollen einfacher leben und eine neue Wertschätzung entwickeln. Er ruft sogar zum Boykott von Unternehmen auf, die andere ausbeuten.

Tierrechte: Ruft er zu aktivem Engagement auf?

Dr. Hagencord: Deutlicher kann man es gar nicht sagen. Das ist das Großartige dieser Enzyklika, dass der Papst diese Themen in den Mittelpunkt stellt. Dabei wendet er sich an alle Menschen, die guten Willens sind. Er solidarisiert sich mit all denjenigen, die sich einsetzen und nicht mit denen, die glauben, das Christentum sei ein Freibrief zur Ausbeutung.

Tierrechte: Wie steht er zum Thema Tierversuche?

Dr. Hagencord: In Paragraph 130 sagt er, dass Tierversuche nur dann legitim sind, wenn sie in vernünftigen Grenzen bleiben und dazu beitragen, menschliches Leben zu heilen und zu retten. Er erinnert daran, dass die menschliche Macht Grenzen hat. Jede Nutzung und jedes Experiment verlangt Ehrfurcht vor der Unversehrtheit der Schöpfung.

Tierrechte: Hat die Umweltenzyklika das Potenzial, etwas im Sinne der Tiere zu verändern?

Dr. Hagencord: Ich habe den Eindruck, dass die Enzyklika außerhalb der Kirche mehr Aufmerksamkeit bekommt als innerhalb der Kirche. Themen wie Ökologie sind in einer hierarchisch verfassten Kirche immer noch eine Nebensache. Dabei gehört genau das jetzt auf die Agenda: Wie gehen wir mit der Schöpfung und den Tieren um? Wir müssen anders leben und handeln – und ja, dafür müssen wir auch unseren Glauben verändern. Diese Veränderung wird aber nicht von oben eingeleitet, sie muss von unten kommen. Ich hoffe da auf eine langfristige Wirkung.

Tierrechte: Was vermissen Sie in der Enzyklika? Ich vermisse eine ganz klare Positionierung gegen die industrielle Tierhaltung. Abgesehen davon, hat die Enzyklika meine Erwartungen übertroffen. Sie hat einen Paradigmenwechsel eingeleitet.

* Pierre Teilhard de Chardin war ein französischer Jesuit, Theologe und Naturwissenschaftler. Teilhards Hauptanliegen war, die Erkenntnisse der modernen Naturwissenschaft und die christliche Heilslehre miteinander in Einklang zu bringen.

www.theologische-zoologie.de

Die Fragen stellte Christina Ledermann

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