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Kirche und Tiere: Interview zum Schöpfungsoratorium „Mit allen Augen“

Der Priester und Biologe Dr. Rainer Hagencord leitet das Institut für Theologische Zoologie in Münster. Im Interview berichtet er von der bevorstehenden Tournee des Schöpfungsoratoriums „Mit allen Augen“ und von dem sich wandelnden Verhältnis zu den Tieren.

Tierrechte: Herr Dr. Hagencord, am 24., 25. und 26. April wird das vom Institut für Theologische Zoologie (ITZ) organisierte Schöpfungsoratorium „Mit allen Augen“ in Kirchen in Münster, Düsseldorf und Recklinghausen aufgeführt – was ist die Grundidee dieses musikalischen Werkes?

Die Grundidee ist, das Thema Schöpfung in seiner Vielschichtigkeit musikalisch und textlich zu vertiefen und es auf unsere Mitgeschöpfe zu fokussieren. Das hört sich selbstverständlich an, ist es nach meiner Wahrnehmung aber nicht. Ich empfinde es so, dass viele Menschen – auch innerhalb der Kirche – über Schöpfung sprechen, auch über deren Bewahrung, aber die wenigsten dabei an unsere Mitgeschöpfe, an Tiere wie Hühner, Schweine und Rinder denken. Wenn wir den Fokus auf diese Tiere richten, bekommt das Thema eine ganz andere Brisanz. Mich bewegt sehr, dass im Rahmen dieses Oratoriums eben diese Tiere gewürdigt werden. Ich weiß nicht, ob es das schon mal gegeben hat, dass auch die Pute als Geschöpf Gottes in einem gottesdienstlichen Raum genannt wird und somit das ganze Elend der industriellen Tierhaltung in dem Sinne vor Gott gebracht wird.

Tierrechte: Was erwartet das Publikum – ist dies eine rein religiöse Annäherung an das Thema?mit allen Augen

Wir wollen mit dem Oratorium die Menschen neu verorten, neu verwurzeln, in der mehr als menschlichen Welt. Damit verbunden ist auch eine Ab- und Auflösung der Auffassung, dass sich alles nur um uns Menschen dreht. Musik und Texte vermitteln, dass wir einerseits Mitgeschöpfe und nicht Herren und Herrinnen über die Schöpfung sind und dass uns das in eine neue Verantwortung führt. Es werden die Tiere, die in der industriellen Tierhaltung leiden und die Zahlen der geschlachteten Tiere genannt. Das schockiert. Auf der anderen Seite vermitteln Musik und Texte aber auch etwas anderes: Wenn ich dieses Denken, nach dem sich alles um mich dreht, loslasse und mich als Mitgeschöpf verstehe, entsteht ein Gefühl von Vertiefung, von Weite, von Befreiung und damit eine neue Hoffnung.

 Tierrechte: Wie kamen Sie und die Kirchenmusikerin Jutta Bitsch auf die Idee zu diesem Oratorium?

Wir arbeiten zusammen in der Pfarrgemeinde Heilig Kreuz in Münster. Ich bin dort in der Seelsorge und im Predigtdienst tätig. Jutta Bitsch ist Chorleiterin und Organistin. Seitdem ich in der Gemeinde bin und das Thema in meinen Predigten und in der Gemeinde einbringe, ist sie – wie sie selbst sagt – nochmal ganz neu sensibilisiert worden. Da sie immer schon von der Komposition eines Oratoriums geträumt hatte, stand das Thema schnell fest: Es sollte um Theologische Zoologie, um unsere Mitgeschöpfe gehen. Dann haben wir uns zusammen auf den Weg gemacht und fanden in Michael Schmutte einen großartigen Chorleiter und mit der Neuen Philharmonie Westfalen ein fantastisches Orchester. Die Komposition hat Jutta Bitsch zwar unglaubliche Kraft gekostet, doch es hat sich gelohnt: Sie hat ein großartiges Werk geschaffen. Wir sind sehr dankbar, dass es nun durch einen Sponsor gelingt, das Oratorium auf eine Tournee zu schicken.

Tierrechte: Wie war die Resonanz des Publikums auf die Uraufführung des Schöpfungsoratoriums im letzten Jahr?

Wir saßen an diesem Sonntag in der Kirche und waren überwältigt. Und dieses Gefühl war bei allen da. Ich hatte nicht erwartet, dass es „Standing Ovations“ geben würde – doch es gab sie. Und dies, obwohl mir viele gesagt haben – und es ging mir auch selbst so – , dass das Oratorium an vielen Stellen eine Zumutung ist. An einer Stelle werden die Zahlen der in einem Jahr geschlachteten Tiere in den Raum gerufen. Das geht einem unter die Haut, wenn man hört, wie viele Millionen Schweine das waren und wie viele vergaste männliche Küken. Nach einer Textpassage stand z.B. die Frage im Raum, was wäre, wenn auch Puten geliebte Geschöpfe Gottes sind? Danach war gefühlte zwei Minuten Stille. Doch zum Schluss sind die Leute dennoch oder trotzdem aufgestanden und haben applaudiert. Da stand am Ende eine Hoffnung im Raum. Der Schlusstext kommt aus der Jesaja Friedensvision. Das ist eine Utopie, wo Bärin und Kalb sich anfreunden. Es ist die Vision einer Welt ohne Gewalt. Diese biblische Vision eines 3.000 Jahre alten Textes hat uns alle zutiefst bewegt und es wurde durchweg als Ermutigung empfunden, die Tiere endlich anders in den Blick zu nehmen.

Tierrechte: Die Soziologin Prof. Birgit Pfau-Effinger von der Universität Hamburg berichtete uns, dass sie feststelle, dass sich das Verhältnis der Gesellschaft zu den Tieren verändere. Die Gewalt gegen Tiere passe nicht mehr zum Selbstverständnis einer aufgeklärten, postindustriellen Gesellschaft. Stellen Sie diese Entwicklung auch bei Kirchen und Gläubigen fest?

Natürlich gibt es Menschen, die mich belächeln nach dem Motto „Ach ja, da kümmert sich jemand um die Tierchen“. Auf der anderen Seite erlebe ich einen Run vor allem bei jungen Menschen zwischen 20 und 30. Das sind Reaktionen wie: „Es wird Zeit!“ und „Gott sei Dank, die Theologie sollte sich dringend mit dem Thema beschäftigen!“ Ich erlebe, dass mehr und mehr Studierende kommen, weil sie sich schon mit dem Thema beschäftigt haben. Das war vor fünf Jahren noch nicht der Fall. Wenn man einigermaßen wach ist und politisch unterwegs, kommt man an diesen Fragen heute nicht mehr vorbei. Für viele Menschen ist das keine Nebenfrage, sondern sie sind im Kern berührt. Das sind Fragen wie: Wie verstehe ich mich als Mensch? An welchen Gott glaube ich? Da gibt es eigentlich niemand, der am Ende des Semesters sagt, dass sei für ihn irrelevant gewesen oder habe ihn nicht bewegt. Die meisten sagen, dass sie eine völlig neue Sicht auf die Schöpfung gewonnen haben. Das ist für mich eine wunderbare Erfahrung.

Das Schöpfungsoratorium "Mit allen Augen" wird am 24. April in Münster, am 25. April 2015 in Düsseldorf und am 26. April  in Recklinghausen aufgeführt.

Weitere Information sowie den Kartenvorverkauf finden Sie hier:
www.theologische-zoologie.de

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