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Offenbart: erbärmliches Leben von Menschenaffen in deutschen Zoos

Jane und Colin Goldner23 von 38 deutschen Zoos, in denen Große Menschenaffen gehalten werden, erfüllen die aktuellen Vorgaben des sogenannten Säugetiergutachtens nicht. Das dokumentiert das vor Kurzem erschienene Buch „Lebenslänglich hinter Gittern“ von Colin Goldner. Der Psychologe und Tierrechtler hat über ein Jahr lang recherchiert und katastrophale Verhältnisse vorgefunden. Er berichtet.

Das 1993 begründete „Great Ape Project“ und seine Forderung, den Großen Menschenaffen bestimmte Grundrechte zuzuerkennen, stagnierte nach ersten Erfolgen in Neuseeland und auf den Balearen. Im Zuge der Wiederbelebung des Projekts durch die Giordano Bruno-Stiftung im Jahre 2011 wurde eine großangelegte Studie auf den Weg gebracht, die Lebensbedingungen in jenen 38 deutschen Zoos zu untersuchen, in denen Menschenaffen zur Schau gestellt werden. Ich selbst habe diese Studie geleitet, bei der ich mich zu systematischer Verhaltens- und Interaktionsbeobachtung entsprechender Checklisten aus der klinischen Humanpsychologie bediente.

In den meisten Zoos sind die Verhältnisse schlichtweg indiskutabel. Die Tiere leiden unter der Beengtheit der Gehege, unter fehlenden Rückzugsmöglichkeiten und dem eklatanten Mangel an Beschäftigungsanreizen. In praktisch jedem der Zoos habe ich Tiere vorgefunden, die, in mehr oder minder ausgeprägter Form, die gesamte Bandbreite zootypischer Stresssymptome und Verhaltensstörungen aufwiesen: Bewegungsstereotypien, Agitiertheiten, Hyperaggressivität, Selbstverletzungen, aber auch völlige Apathie. Besonders katastrophale Haltungsbedingungen herrschen derzeit in den Zoos Bad Pyrmont, Delbrück, Duisburg, Dresden, Gettorf, Schwaigern, Welzheim und Wuppertal. In einem der Zoos habe ich eine Schimpansin angetroffen, die sich mit spitzen Fingern jedes einzelne Haar vom Körper rupft; sie ist mittlerweile fast völlig nackt. Es kann kein ernsthafter Zweifel daran bestehen, dass die Gefangenhaltung in Zoos die Tiere psychisch krank macht.

Das Elend der meist auf engstem Raume zusammengepferchten Tiere hat mich gleichermaßen erschüttert wie die offenkundige Indifferenz der Zoobesucher dem Leiden der Tiere gegenüber. Die Frage, weshalb Zoobesucher das schreiende Unrecht, Menschenaffen oder andere Tiere hinter Eisengittern und Isolierglasscheiben zur Schau zu stellen, so notorisch verdrängen oder verleugnen, sie gar Vergnügen empfinden können angesichts eingesperrter, jedweder Selbstbestimmung und Würde beraubter Tiere, hat sich mir, trotz aller Verständnishilfen aus Tiefen- und Sozialpsychologie, nicht wirklich beantwortet; ebenso wenig die Frage, wie Tierpfleger und sonstige Angestellte das Elend der gefangen gehaltenen Tiere so konsequent ignorieren, Zoos gar zu Einrichtungen angewandten Tierschutzes hochloben können.

Bis heute gibt es Zoos, die den Menschenaffen noch nicht einmal ein Außengehege zur Verfügung stellen. In mehr als der Hälfte der Zoos werden die bundesministeriellen Vorgaben zur Haltung von Säugetieren, die Anfang Mai 2014 in überarbeiteter Form vorgestellt wurden, nicht erfüllt. In jahrelanger zäher Auseinandersetzung mit unabhängigen Gutachtern und Vertretern von Tierrechtsverbänden hatte der Verband deutscher Zoodirektoren jede noch so kleine Verbesserung zu verhindern versucht. Einer vierköpfigen Gorillagruppe etwa wollte man im Innengehege statt wie bisher 45 Quadratmeter gerade einmal 80 Quadratmeter zugestehen; die neuen Vorgaben verlangen – immer noch völlig unzureichend – 200 Quadratmeter.

Immer wieder werde ich gefragt, weshalb ich mich denn so besonders für die Großen Menschenaffen einsetze. Bekämen sie die geforderten Rechte, die es erlauben würden, sie aus schlechter Haltung herauszuklagen und in ein geschütztes Reservat zu verbringen, wie es mir als Vision vorschwebt, wäre für all die anderen gefangen gehaltenen und ausgebeuteten Tiere doch überhaupt nichts gewonnen. Die Antwort ist eine rein pragmatische: irgendwo muss man schließlich anfangen. Zudem, und das ist das Entscheidende, stellen die Menschenaffen den Dreh- und Angelpunkt des Verhältnisses Mensch – Natur dar, sie definieren wie nichts und niemand sonst die unantastbare Grenzlinie zwischen Mensch und Tier: sind sie der Tierwelt zugerechnet, sind das alle anderen Tiere mit ihnen. Würde die Grenze zu den Menschenaffen hin durchlässig, könnte das eine Art „Türöffner“ sein, der letztlich allen Tieren zugute käme.

Colin Goldner

Kontakt:  Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. , www.greatapeproject.de

Lebenslänglich hinter Gittern
Die Wahrheit über Gorilla, Orang Utan & Co in deutschen Zoos

491 Seiten, Abbildungen, kartoniert, Euro 24.-
ISBN 978-3-86569-112-5

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