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Eine Politikerin, wie Tiere sie brauchen: Undine Kurth

Mit Ende der Legislaturperiode beendet sie Ende 2013 ihr Amt als tierschutzpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen: Undine Kurth. Seit 2002 ist sie Bundestagsabgeordnete, seit 2005 auch parlamentarische Geschäftsführerin der Fraktion der Grünen und vor allem eine tierschutzpolitische Sprecherin par excellence. Der Bundesverband hat sie als eine Politikerin kennengelernt, für die der Schutz der Tiere „A-Priorität“ genießt. Es ist ein Verlust, dass Undine Kurth geht – gleichzeitig gönnen wir ihr die Pause. Doch lautlos darf sie nicht gehen, deshalb liegt uns an einem Interview.

tierrechte: Frau Kurth, Sie hinterlassen ein großes Paar Schuhe, welchen von ihren Kollegen drängt es, sich diese tierschutzpolitischen Schuhe anzuziehen?

Undine Kurth: Tierschutz ist heute ein politisches Schwerpunktthema der Grünen, breit verankert wie in keiner anderen etablierten Partei – und ich bin froh, dass ich meinen Beitrag dazu leisten konnte. Ich hoffe sehr, dass sich engagierte "Neue" finden werden, die meine Arbeit fortsetzen. Wer das sein wird, ist noch offen.

tierrechte: Mit welchen Erwartungen für mehr Tierschutz sind Sie seinerzeit als Abgeordnete angetreten, und welche Bilanz ziehen Sie heute?

Undine Kurth: Als Tierschützerin will man natürlich immer ganz viel ganz schnell erreichen. Immerhin geht es um millionenfaches tägliches Leid, das in unserer Gesellschaft noch geduldet wird. Aber man lernt dann, dass parlamentarische Prozesse langsam sind und die Anzahl der „heißen Eisen“, die man gleichzeitig anpacken kann, begrenzt ist. Trotzdem kann man mehr erreichen, als mancher glaubt. Aber es ist das sprichwörtliche „Bohren dicker Bretter“! Davor darf man nicht zurückschrecken!

Wenn es um eine Bilanz geht, ist mir am Wichtigsten: Tierschutz ist kein Nischenthema mehr. Egal ob wir von Verbraucherschutz, Naturschutz oder Klimapolitik reden, der Tierschutz ist immer dabei. Das freut mich sehr. Gut ist auch, dass sich das Bild des Tieres erheblich gewandelt hat. Auch die, die keinen unmittelbaren Kontakt mit eigenen Tieren haben, akzeptieren zunehmend Tiere als Mitlebewesen, die unseren Respekt und unsere Ehrfurcht verdienen und nicht Missbrauch, Qual und Leiden. Natürlich bleibt unendlich viel zu tun. Mich bedrücken die Millionen Tiere sehr, die in Tierversuchen für vermeintlichen Fortschritt geopfert werden.

tierrechte: Sie haben mit Ihrer Partei – und Ihrem engagierten Mitarbeiter-Team – unzählige Tierschutz-Initiativen im Bundestag gestartet. Über welche Erfolge freuen Sie sich?

Undine Kurth: Der größte Erfolg ist zweifelsfrei die Einbringung eines grünen Tierschutzgesetzes in den Bundestag. Damit haben wir – nach (das will ich gar nicht verschweigen) harten Verhandlungen in der grünen Fraktion – eine umfassende Alternative zur derzeitigen Tierschutzpolitik vorgelegt. Das ist eine tolle Leistung. Für die nächsten Jahre wird dieser Gesetzentwurf unsere „Grüne Tierschutz-Bibel“ sein, die unsere Position zu allen relevanten Tierschutzthemen formuliert. Dahinter kann niemand mehr zurückfallen. Erfreut ist man natürlich auch, wenn Kolleginnen und Kollegen anderer Fraktionen – auch durchaus etwas neidisch – sagen: „Respekt! Da habt ihr was richtig Gutes gemacht.“


Viel tut sich heute in den Ländern, in denen wir Grünen in der Regierung sind, etwa bei der Verbandsklage. Christian Meyer aus Niedersachsen verbietet das Schnäbelkürzen bei Geflügel. Ulrike Höfken aus Rheinland-Pfalz hat über den Bundestag Verbesserungen bei der Novelle des Tierschutzgesetzes durchsetzen können. Man sieht: Mit den Grünen geht es voran!

tierrechte: Gibt es auch Momente der Verzweiflung?

Undine Kurth: Verzweiflung gehört nicht zu meinem Naturell. Im Gegenteil, Niederlagen und Rückschläge bringen mich dazu, nun erst recht an der Sache dran zu bleiben. Man darf nicht locker lassen, die Zeit arbeitet für den Tierschutz!
Allerdings will ich gestehen, es gibt immer wieder Momente, die mich sprachlos machen. Etwa wenn der CDU-Kollege Dieter Stier, immerhin tierschutzpolitischer Sprecher, im Bundestag äußert, man müsse doch noch die Frage stellen dürfen, wie viel Tierschutz wir uns leisten könnten. Da darf man getrost fassungslos sein.

tierrechte: Wenn Sie auf Ihre Wirkungszeit von über einem Jahrzehnt Bundespolitik zurückblicken: Erkennen Sie Veränderungen bei der Behandlung von Tierschutz-Themen? Sowohl innerhalb Ihrer Partei als auch bei den anderen?

Undine Kurth: Was Sie heute merken: Tierschutz und Tierschutzbewegung werden ernst genommen. Niemand mehr wischt Tierschutzfragen einfach vom Tisch. Was ich mir wünsche ist noch mehr parteiübergreifende Sacharbeit. Die findet im Artenschutz bereits statt, im Tierschutz nur sehr vereinzelt. Aber immerhin haben wir heute eine Situation, dass sich mit Ausnahme der CDU/CSU alle Parteien des Bundestages gegen eine Wildtierhaltung im Zirkus aussprechen. Das zeigt: Mit guten Argumenten kommt man also weiter – auch gegen Widerstände.

tierrechte: Wie beurteilen Sie den Stellenwert von Tierschutz-Themen bei den Wählern?

Undine Kurth: Die Landtagswahlen in Niedersachsen im Januar haben gezeigt, dass das Thema Massentierhaltung den Wählerinnen und Wählern ein wichtiges Anliegen ist. Auch dass sich die grüne Basis im Mitgliederentscheid mit einer übergroßen Mehrheit für den Tierschutz als Schwerpunkthema des Wahlkampfes ausgesprochen hat, zeigt deutlich: Tierschutz hat einen hohen Stellenwert in der politischen Auseinandersetzung. Leider hat Angela Merkel das noch nicht begriffen, sonst hätte sie vermutlich schon versucht, uns das Thema abspenstig zu machen.

Wichtig ist mir aber auch eines: Den Wählerinnen und Wählern nicht das Blaue vom Himmel versprechen. Nichts enttäuscht mehr, als gebrochene Wahlversprechen. Verlorenes Vertrauen holt man nur schwer zurück. Auch der engagierteste Tierschützer sollte verstehen: Wir müssen zwar eindringlich schnelle und tiefgreifende Veränderungen einfordern, aber auch Realismus walten lassen, wenn es um die Umsetzung geht. Von heute auf morgen ist das von uns Menschen verursachte Tierleid leider nicht abschaffbar.

tierrechte: Das Wahlprogramm für die Legislatur 2013 – 2017 haben Sie maßgeblich mitbestimmt. Was ist das Herausragende an dem Tierschutzprogramm der Grünen?

Undine Kurth: Sicherlich ist es eines der detailliertesten und ambitioniertesten Programme zum Tierschutz, das wir je hatten. Wir wollen eine Menge verändern, wenn uns die Wählerinnen und Wähler in die Lage versetzen, ab Herbst in einer Bundesregierung mitzuwirken. Vor allem die Massentierhaltung wollen wir angehen. Wir wollen nicht länger mit ansehen, wie tausende Tiere in Ställe gepfercht, massenhaft mit Antibiotika vollgestopft und, teilweise schlecht betäubt, geschlachtet werden. Wir wollen Schluss machen mit einer Landwirtschaft, die nur noch billig produzieren will und den Tierschutz mit Füßen tritt.

Darüber hinaus gibt es aber auch noch an anderen Stellen viele Defizite. Das Verbandsklagerecht auf Bundesebene muss endlich kommen, damit die Tierschutzverbände als Anwälte der Tiere handeln können. Eine ehrgeizige Umsetzung der EU-Tierversuchs-Richtlinie muss Alternativen zum Tierversuch stärker fördern und den Schutz von Maus & Co. auch im Labor garantieren. Für alle diese Punkte muss vor allem eins getan werden: Ein neues Tierschutzgesetz muss her. Das werden wir anpacken, umgehend.

tierrechte: Haben Tiere auch Ihr privates Leben bereichert?

Undine Kurth: Ja. Ich bin mit Tieren groß geworden und auch als Erwachsene hatte ich immer Katzen. In Anlehnung an Loriot (der sich nur ein klein wenig geirrt hat!) kann ich mit voller Überzeugung sagen: Eine Leben ohne Katzen ist möglich, aber sinnlos. Und in meiner "Nachbundestagszeit" werden auch wieder Hunde folgen. Ich freue mich schon darauf.

tierrechte: Sie haben jetzt drei Wünsche frei, was wünschen Sie den Tieren in unserer Gesellschaft?

Undine Kurth: Erstens: Die Achtung und den Respekt, den jedes empfindungsfähige Wesen verdient – egal, ob Mensch oder Tier. Zweitens: Ein Tierschutzgesetz, das diesen Namen verdient. Drittens: Einen effektiven Vollzug des Tierschutzes, denn nur dann macht ein gutes Gesetz Sinn.

tierrechte: Sie treten zur nächsten Bundestagswahl nicht mehr an – steckt dahinter auch ein Neubeginn, vielleicht sogar für den Tierschutz?

Undine Kurth: Erst einmal streite ich für ein gutes Wahlergebnis für die Grünen, da damit am ehesten auch etwas für die Tiere erreicht werden kann. Was dann nach dem 22. September für mich kommt, darüber entscheiden auch die Wählerinnen und Wähler! Im Übrigen bin ich Vizepräsidentin des Deutschen Naturschutzrings und in dieser Funktion auch für den Tierschutz und die Zusammenarbeit mit den Tierschutzverbänden zuständig. Ich gehe dem Tierschutz also nicht verloren.

Zum Schluss noch ein persönliches Wort: Ich habe immer sehr gerne mit „Menschen für Tierrechte“ zusammengearbeitet. Hier trifft man auf Leidenschaft gepaart mit großer Kompetenz. Wir brauchen solche Tierschutzorganisationen, ihr Wort wird gehört. Ich sage: Danke, und: Weiterhin viel Erfolg!

tierrechte: Wir danken Ihnen, sehr geehrte Frau Kurth! Und für alles, was Sie jetzt anpacken werden: Unsere besten Wünsche!

Die Fragen stellte Stephanie Elsner.

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