Slideshow Image 1
Slideshow Image 2
Slideshow Image 3
Slideshow Image 4

Mehr Tierschutz durch klare Kennzeichnung?

Vor dem Hintergrund der sich ausbreitenden Intensivtierhaltung, der aktuellen Krisen in der Landwirtschaft und der schwindenden gesellschaftlichen Akzeptanz für die derzeitige Art der Tierhaltung wird momentan viel über die Kennzeichnung von Fleisch diskutiert. Aktuell fordern auch die Grünen eine Kennzeichnung analog zu der 2004 eingeführten Kennzeichnungspflicht für Eier. Wir sprachen mit Sabine Klein, Expertin Ernährungsfragen von der Verbraucherzentrale NRW, was sie aus Sicht des Verbraucherschutzes an den existierenden Angeboten kritisiert und was passieren muss, damit sich die Bedingungen in der sogenannten Nutztierhaltung wirklich verbessern.


1. Tierrechte: Frau Klein, welche Labels, die mit Tierschutz werben, gibt es derzeit?

Sabine Klein: Es gibt eine große Bandbreite an unterschiedlichen Labels. Da ist zum einen die „Initiative Tierwohl“, die auf einem Zusammenschluss von Landwirtschaft, Fleischwirtschaft und Lebensmitteleinzelhandel basiert. Hinzu kommen Tierschutzlabels von Tierschutzorganisationen wie dem Deutschen Tierschutzbund und Vier Pfoten sowie einige Markenfleischprogramme.


2. Tierrechte: Was kritisieren Sie an den existierenden Labels?

Sabine Klein: Vor allem die Intransparenz! Die Standards sind sehr unterschiedlich und damit für den Konsumenten schwer bis gar nicht zu durchschauen. Begriffe wie „Tierschutz“, „Tierwohl“,  „artgerecht“, „tiergerecht“, etc. sind nicht definiert und damit unverbindlich. Besonders bei der „Initiative Tierwohl“ ist es vor allem eine wohl klingende, ja überzogene Werbung im Handel. Sie arbeitet auch mit dem Begriff  „tiergerechte Haltung“ und wirkt dadurch fast wie ein Tierschutzlabel. Das geben die niedrigen Anforderungen der Initiative aber nicht her. In der Kommunikation in Kundenmagazinen und auf Plakaten in den Läden des teilnehmenden Lebensmitteleinzelhandels wird der Eindruck vermittelt, dass alles Fleisch aus „tiergerechter Haltung“ stammt. Tatsächlich lebt nur ein kleiner Teil (ca. 10 Prozent) der deutschen Schweine in Initiative-Tierwohl-Betrieben und es ist nicht sicher, ob es im jeweiligen Geschäft überhaupt ein „Tierwohl“-Produkt gibt. Die Verbraucher können nicht erkennen, ob das gekaufte Fleisch aus einem Tierhaltungsbetrieb der Initiative stammt, geschweige denn, was für die Tiere verbessert wurde. Die Verbraucher wollen aber Tierschutzprodukte als solche erkennen und verlässliche Informationen zu den Haltungsbedingungen.

3. Tierrechte: Wie bewerten Sie die anderen Labels?

Die Tierschutzlabel der Tierschutzorganisationen begrüßen wir, denn eine neutrale, glaubwürdige Tierschutzkennzeichnung im intransparenten Fleischangebot ist seit Langem überfällig. Immer mehr Verbraucher wollen Fleisch aus besserer Tierhaltung kaufen – und sind bereit, dafür mehr zu zahlen. Aber sie können es nicht verlässlich erkennen. Bedauerlich ist, dass sich die beiden Tierschutzorganisationen nicht auf ein gemeinsames Label einigen konnten. Zwei konkurrierende Label von Tierschutzorganisationen schwächen sich gegenseitig hinsichtlich Bekanntheit, Glaubwürdigkeit und Marktpräsenz. Allerdings verharren die Angebote mit Tierschutzlabel auch im 4. Jahr seit Markteinführung in einer winzigen Nische. Das zeigt deutlich die Grenzen solcher privatwirtschaftlichen Initiativen auf. Wir haben von Anfang an ein staatliches mehrstufiges Tierschutzlabel gefordert und die genannten Label nur als Übergangslösung gesehen. Ein staatliches Label mit entsprechender Informationskampagne würde die Glaubwürdigkeit und das Vertrauen deutlich steigern – wie das Beispiel des Biosiegels gezeigt hat – und diesen Produkten die Chance eröffnen, aus der Nische herauszukommen.

4.Tierrechte: Was ist aus Ihrer Sicht nötig, um tatsächlich deutlich bessere Haltungsstandards in der sogenannten Nutztierhaltung zu erreichen?

Sabine Klein: Bei den bestehenden gesetzlichen Standards muss massiv nachgebessert werden. Es müssen endlich die fehlenden Haltungsverordnungen, beispielsweise für Rinder und Puten, erlassen werden. Darüber hinaus muss es im Bereich der Tierzucht massive Anstrengungen geben. Gesundheit und Tierwohl-Aspekte müssen Vorrang haben vor immer mehr Leistung. Das betrifft auch den Bio-Bereich, denn auch hier fehlen geeignete Rassen beziehungsweise Zuchtlinien. Ein weiterer Bereich ist die Forschung zur tier- und verhaltensgerechten Haltung, um die bisher routinemäßigen „Schmiermittel“ wie Amputationen und Arzneimittelgaben zur Anpassung der Tiere an unzureichende Haltungsbedingungen abstellen zu können. Auch die Erforschung von Tierschutzindikatoren muss vorangetrieben und diese Indikatoren – sobald möglich – eingeführt werden. Und es bedarf natürlich auch einer Verschärfung der Tierschutzkontrollen und schmerzhafter Sanktionen bei Verstößen.

5. Tierrechte: Was kann eine einheitliche Kennzeichnung dabei bewirken?

Sabine Klein: Eine einheitliche Kennzeichnung bringt Transparenz und Glaubwürdigkeit für die Verbraucher. Dies führt zu mehr Nachfrage nach Fleisch aus tiergerechterer Erzeugung, für das die Verbraucher auch mehr zu zahlen bereit sind. Zudem wäre es ein klares Signal an Handel und Fleischwirtschaft, den Tierschutz in der Nutztierhaltung wirklich zu verbessern.

6. Tierrechte: Wie sollte eine solche Kennzeichnung konkret aussehen?

Sabine Klein: Ideal wäre eine verpflichtende Kennzeichnung von Fleisch mit der jeweiligen Tierhaltungsform nach dem Vorbild der erfolgreichen Eierkennzeichnung von Null bis Drei, ergänzt um weitere wichtige Haltungskriterien mit Tierschutzaspekten. Dann wäre auch Fleisch aus einer Tierhaltung, die gerade mal die gesetzlichen Mindeststandards erfüllt klar zu erkennen – unabhängig von beschönigenden Marketingversprechen. Eine solche obligatorische Kennzeichnung erscheint allerdings, wenn überhaupt, nur auf EU-Ebene realistisch durchsetzbar. Und das würde viel zu lange dauern. Daher fordern wir die Bundesregierung auf, schnellstmöglich ein nationales mehrstufiges Tierschutzlabel nach dem Vorbild der Tierschutzorganisationen einzuführen.

7. Tierrechte: Wie wahrscheinlich ist es, dass die Verbraucher dann zu den „tierfreundlicher“ erzeugten Produkten greifen?

Sabine Klein: Derzeit wird das gesamte Angebot an Fleisch in deutschen Supermärkten als Spitzenqualität beworben, gleichzeitig wird z.B. vom Handel ein Viertel des Schweinefleischs als Sonderangebot verramscht. In übersättigten Märkten ist eine Qualitätsdifferenzierung unbedingt notwendig. Wir sind überzeugt, dass ein nennenswerter Anteil der Verbraucher wirklich "tierfreundlicher" erzeugte Produkte kaufen wird. Vor einigen Jahren hat die Kennzeichnung der Eier den Markt für Konsumeier "auf den Kopf gestellt". Natürlich entspricht das tatsächliche Kaufverhalten Vieler nicht eins zu eins den Äußerungen in Umfragen. Aber der gesellschaftliche Trend zum gestiegenen Tierschutz- und Qualitätsbewusstsein ist deutlich und unumstritten.

8. Tierrechte: Wen sehen Sie besonders in der Pflicht, um Lösungen zu finden?

Sabine Klein: Grundsätzlich ist dies eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, dennoch sehen wir hier besonders den Staat in der Pflicht. Um das Vertrauen der Verbraucher nicht (weiter) zu verspielen, ist es wichtig, dass wir schnell eine klare und einheitliche Kennzeichnung bekommen. Zudem muss dringend bei den gesetzlich vorgeschriebenen Haltungsstandards nachgebessert werden. Die Verbraucher in Deutschland und der EU wollen eindeutig mehr Tierschutz bei der Haltung von Nutztieren. Dies zeigen mehrere repräsentative Umfragen, zuletzt das Eurobarometer 2016. (1)

9. Tierrechte: Im Zusammenhang mit höheren Tierschutzstandards in Deutschland wird oft vor Billigimporten aus dem Ausland gewarnt. Sehen Sie diese Gefahr? Wie könnte man dies vermeiden?

Sabine Klein: Auch wenn die deutsche Fleischwirtschaft das gerne behauptet, so sind die deutschen Tierschutzstandards nicht viel höher als die EU-Standards. Und für Drittlandimporte gelten die EU-Standards – wie gut das kontrolliert werden kann, entzieht sich unserer Kenntnis. Nach dem Wissenschaftlichen Beirat für Agrarpolitik liegt Deutschland "im gehobenen Mittelfeld". (2)

10. Tierrechte: Wie stehen andere EU-Staaten zu der Frage der Kennzeichnung? Gibt es hier schon andere Initiativen?

Sabine Klein: Es gibt bereits zahlreiche Initiativen in anderen EU-Staaten, über die wir jedoch keinen vollständigen Überblick haben. Ausgestaltung und Akteure sind dabei unterschiedlich: In den Niederlanden gibt es beispielsweise das Tierschutzlabel "Beter Leven" der Tierschutzorganisation "Dierenbescherming". Dänemark plant ab Sommer 2017 ein staatliches "Tierwohllabel" zunächst für Schweinefleisch, das aber auf weitere Tierarten ausgedehnt werden soll. Unseres Wissens gibt es aber kein Interesse bei anderen EU-Mitgliedstaaten an einer EU-weiten Einführung einer Kennzeichnung der Haltungsformen.

(1) Spezial Eurobarometer 442 "Einstellungen der Europäer zum Tierschutz" (PDF)
(2) Gutachten des Wissenschaftlichen Beirat für Agrarpolitik "Wege zu einer gesellschaftlich akzeptierten Nutztierhaltung"

Facebook Twitter You Tube E-Mail schicken

Kostenloser Newsletter

Immer über tagesaktuelle Entwicklungen, Hintergrundinformationen, Pressemitteilungen sowie über Tierrechts-Kampagnen und Mitmach-Aktionen informiert sein.

Jetzt Gratis-Infos bestellen »