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"Ich schaffe es, es die Tiere zu retten – und wenn ich dafür putzen gehe!"

Seit 1930 war die Milchwirtschaft ein Standbein der Familie Michiels aus dem niederrheinischen Wegberg. Als die Familie im Frühjahr beschloss, die Milchkuhaltung aufzugeben stand für Wilma Michiels fest: „Aufhören ist gut, aber die Kühe bleiben hier!“ Um sie zu retten, gründete sie den Verein „Erika and Friends". Der Bundesverband hat die Michiels besucht, um zu erfahren, wie es dazu kam und was sie als nächstes vorhaben.




Tierrechte: Warum haben Sie sich im Frühjahr entschieden, die Milcherzeugung aufzugeben?kälber 1

Wilma Michiels: Dafür gab es verschiedene Gründe. Zum einen stand ich sowieso nie so richtig hinter der Milchwirtschaft. Ich fand es immer furchtbar, wenn die Kühe abgeholt wurden. Immer wenn der Schlachter Erika, unsere älteste Kuh, abholen sollte, habe ich gesagt, sie sei tragend. Dann konnte er sie nicht mitnehmen. Einige Male haben wir uns die Kühe gegenseitig geschenkt. Das war auch so ein Trick, um sie zu retten. Aber es hatte auch wirtschaftliche Gründe. Für uns als kleiner Betrieb, war das schon lange ein Verlustgeschäft.

Tierrechte: War es denn von Anfang an klar, dass die Kühe bleiben sollten?

Wilma Michiels: Als wir uns beschlossen, die Milchwirtschaft aufzugeben, haben wir, ich und meine Schwiegertochter, gleich gesagt: Ja, es ist gut, mit der Milch aufzuhören, aber die Kühe gehen nicht zum Schlachter! Da gab es erstmal Diskussionen. Es ging natürlich auch darum, wie wir die Tiere durchbringen, wenn wir kein Geld mehr mit ihnen verdienen. Das sind ja immense Kosten mit fast 50 Kühen. Der Kompromiss sollte dann sein, nur bestimmte Tiere zu behalten. Wir sollten durch den Stall gehen und entscheiden, welche Kühe geschlachtet werden und welche leben sollten. Das konnten wir nicht. Deswegen setzte man uns ein Limit, bis wann wir uns entscheiden sollten. Da habe ich gesagt: Das schaffe ich! Ich schaffe es, dass die Tiere nicht zum Schlachter gehen und wenn ich dafür Putzen gehe.

Tierrechte: Gab es so etwas wie ein Schlüsselerlebnis?

Wilma Michiels: Das ist schon viele Jahre her, da hatten wir Fridolin, einen handzahmen Bullen, den ich besonders geliebt habe. Als ich mal nicht da war, haben sie ihn schlachten lassen, anstatt ihn zu kastrieren, Wenig später lag er bei der Kommunion als Braten auf dem Tisch. Das hat mich sehr verletzt.

Tierrechte: Wie haben die Menschen in Ihrer Umgebung darauf reagiert, dass Sie einen Lebenshof für Kühe gegründet haben?

Wilma Michiels: Die Leute hier konnten das nicht verstehen. Teilweise hatten wir richtig Angst. Besonders als unsere alte Kuh Erika Morddrohungen bekam – das war schlimm. Mein Mann musste sich von den anderen Landwirten anhören, was er für ein Weichei ist. Für jemand, der den größten Teil seines Lebens Tiere als „Nutztiere“ gehalten hat, ist es sehr schwer, das alles infrage zu stellen. Bei den meisten Landwirten ist das die entscheidende Hemmschwelle etwas zu ändern, besonders bei den älteren. Da kamen dann Bemerkungen wie „das ist doch ein altes Tier – was willst du denn damit?“ Unsere Oma hat ganz anders reagiert, obwohl sie es ja auch nicht anders kannte. Die hat uns in Schutz genommen und gesagt: „ Herrgott, jetzt lasst die Kinder doch mal in Ruhe machen“.

Tierrechte: Wie gehen Sie damit um, dass Sie auf so viel Unverständnis stoßen?

Wilma Michiels: Wir können diesem Widerstand nur begegnen, indem wir jetzt unsere Arbeit gut machen. Das heißt die Tiere gut versorgen, den Stall umbauen, den Verein führen und Spenden sammeln, damit wir das alles finanzieren können. Der Erfolg gibt uns dann hoffentlich Recht.

Tierrechte: Was treibt Sie – trotz dieser Widerstände – an?

Wilma Michiels: Als ich damals auf den Hof kam, habe ich den Tieren versprochen: Hier wird sich was ändern. Das haben wir jetzt – nach zehn Jahren – endlich geschafft. Da bin ich echt stolz drauf. Jetzt möchten jetzt endlich einen anderen Weg gehen. Wir möchten, dass die Tiere weiterleben und wir möchten ihnen das zurückgeben, was sie uns zehn Jahre lang gegeben haben.

Tierrechte: Was hat dieser neue Ansatz mit Ihnen gemacht?

Wilma Michiels: Tiere waren schon immer mein Leben und sie werden mich begleiten bis ich mal sterbe. Mein Mann sagt immer: „Wenn du mal tot bist, dann kommst du auf den Tierfriedhof“ (lacht). Aber auch er hat sich verändert. Mittlerweile will er die Tiere auch nicht mehr weggeben. Heute ertappe ich ihn oft dabei, wie er mit den Kühen spricht. Und wenn es um Notfälle geht, dann sagt er: „Schau mal, wir haben dahinten doch noch Platz!“.

Tierrechte: Was würden Sie anderen „Milchbauern“ empfehlen?

Wilma Michiels: Ich würde sagen: wir müssen weg von der Massenproduktion. Umso mehr Milch produziert wird, umso mehr Kälber kommen. Und was passiert mit den Kälbern, die gebraucht werden? Das ist furchtbar. Mitunter hat mir der Händler für ein Kalb 20 Euro angeboten. 20 Euro für ein lebendiges Tier! Tiere werden wie Sachen behandelt, wie minderwertige Produkte! Ich frage mich, wo das hinführen soll.

Tierrechte: Was muss insgesamt passieren, damit sich für die Tiere etwas ändert?

Wilma Michiels: Wir müssen endlich umdenken und beginnen, Tiere nicht mehr als Sache zu sehen. Wir müssen Sie als Lebewesen schätzen und sie auch so behandeln. Was uns Mut gemacht hat, waren die vielen positiven Rückmeldungen. Wir waren überrascht, wie viele Landwirte uns angerufen haben, die früher selbst mal Kühe hatten. Viele fanden es toll, was wir gewagt haben. Es hat uns auch sehr gerührt, wenn ältere Menschen uns von ihrer kleinen Rente fünf Euro gespendet oder Hilfe angeboten haben.

Tierrechte: Was ist Ihre Vision?

Unsere Vision ist, dass wir irgendwann so gut aufgestellt sind, dass wir noch mehr Kühe retten können. Mit Einzeltieren machen wir das ja jetzt schon. Aber wir können keinen ganzen Betrieb aufnehmen. Bei uns rufen auch andere Milchbauern an, die ihre Kühe retten wollen und uns fragen, ob wir sie übernehmen. Bisher können wir da nicht weiterhelfen. Leider! Aber wir geben Tipps, wie wir es gemacht haben. Als Erzieherin ist es mir auch sehr wichtig, dass wir den Kindern vermitteln, dass Tiere Respekt und Schutz verdienen. Dazu möchten wir einen Raum als Bildungsstätte für Schulungen und Besuche einrichten. Wir werden auch Teile des alten Stalles erhalten. Quasi als Museum, damit die Kinder sehen, wie die Kühe früher in Anbindehaltung gehalten wurden.

Tierrechte: Was brauchen Sie jetzt am Dringendsten?

Um die Auflagen für die Weidehaltung und den Offenstall zu erfüllen, müssen wir momentan sehr viel investieren. Deswegen sind wir für jeden Euro dankbar. Aber wir brauchen auch Leute, die hier auf dem Hof mitanpacken. Für Veranstaltungen brauchen wir Leute, die Kuchen backen oder einen Stand machen. Wir sind für jede Hilfe dankbar.

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Mehr Infos zum Verein unter:
www.erikaandfriends.de

 

Das Interview führte Christina Ledermann.

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