Slideshow Image 1
Slideshow Image 2
Slideshow Image 3
Slideshow Image 4

Kühe

alt

Deutschland ist der größte Milcherzeuger der EU. Rund vier Millionen »Milchkühe« stehen derzeit in Deutschlands Ställen, Tendenz fallend, denn immer weniger Kühe liefern immer mehr Milch.

Doch was die Milchproduktion für die sogenannten Milchkühe bedeutet, ist noch viel zu wenig bekannt. Fern von grünen Wiesen, fristen sie ihr Leben als Hochleistungs- produzenten - mit gravierenden gesundheitlichen Folgen.

 

»Milchkühe« und ihre (Aus-) Nutzung

Als »Milchkühe« werden weibliche Hausrinder bezeichnet, die zur »Produktion« von Milch gehalten werden. Damit die Kuh ständig Milch liefert, muss sie jedes Jahr ein Kalb zur Welt bringen. Die »Milchleistung« der Kuh steigert sich nach der Geburt des Kalbes in den ersten sechs Wochen und fällt dann langsam wieder ab. Diese Zeit wird als Laktation bezeichnet. Schon wenige Wochen nach der Geburt des Kalbes wird das Muttertier erneut trächtig - fast immer durch künstliche Besamung.

Traumatische Trennung

altDie Trächtigkeit dauert neun Monate. In dieser Zeit wird die Kuh weiter gemolken. Erst sechs bis acht Wochen vor der Geburt wird sie - oft mit Medikamenten - »trockengestellt«, also nicht mehr gemolken, damit sich das Euter etwas erholen kann und Entzündungen ausheilen. Das Kalb wird der Mutter in der Regel gleich nach der Geburt weggenommen. Nur in den ersten Tagen bekommt das Kalb die Milch seiner Mutter - das sogenannte Kolostrum. Danach wird es mit einem Milchersatz gefüttert. Hin und wieder kommt es vor, dass Mutter und Kind einige Tage zusammenbleiben dürfen. Die Bindung ist dann rasch sehr eng und die anschließende Trennung für beide noch traumatischer.

Keine Milch ohne »Kalbfleischproduktion«

Die weiblichen Kälber werden meist als zukünftige »Milchkühe« aufgezogen. Die männlichen Tiere werden dagegen an Mastbetriebe in ganz Europa verkauft. Mutterlos aufgezogene Kälber können ihr Saugbedürfnis nie befriedigen und zeigen deshalb oft Verhaltensstörungen. Sie besaugen einander oder auch Teile der Stalleinrichtung. Bekommen sie zu wenig Raufutter, wie Gras oder Heu, leiden sie an Eisenmangel. Ihr Fleisch ist dann weiß bis hellrosa, was viele Verbraucher irrtümlicherweise als Garant für Zartheit halten. Auch ihr großes Bewegungsbedürfnis können die Kälber weder in der bis zum Alter von acht Wochen erlaubten Einzelhaltung noch in Buchten auf rutschigen Spaltenböden befriedigen.

Hatten Kühe mal Hörner?

Nach Schätzungen werden bis zu 70 Prozent der Kälber »enthornt«. Die schmerzhafte Enthornung der Kälber begann mit der Einführung der Laufställe, wo es bei Platzmangel, fehlenden Ausweichmöglichkeiten und schlechter Betreuung der Herde zu Auseinandersetzungen zwischen rangniederen und ranghöheren Tieren kommen kann. Laut Tierschutzgesetz ist es zwar »grundsätzlich« verboten, Körperteile von Wirbeltieren zu entfernen oder zu zerstören. Gleichzeitig werden aber Ausnahmen erlaubt, wie die Kastration und die Enthornung. Bei Kälbern unter sechs Wochen darf die Hornanlage sogar ohne Betäubung zerstört werden.

Zur Bewegungslosigkeit verdammt

Genaue gesetzliche Regelungen zur Rinderhaltung fehlen in Deutschland und in der EU. 60 bis 70 Prozent der Kühe leben heute in Deutschland in sogenannten Laufställen, vor allem in Norddeutschland und in den neuen Bundesländern. In den traditionell kleineren Ställen in Süddeutschland mit unter 40 »Milchkühen« ist die Anbindehaltung noch weit verbreitet. Dies sind über 1,5 Mio. Kühe, die ein Leben lang an derselben Stelle stehen und nie eine Weide zu sehen bekommen. Schwere Klauen- und Gelenkerkrankungen sind oft die Folge. In der Natur legen Rinder täglich viele Kilometer zurück. Ihr Bewegungsbedürfnis haben auch die seit mehreren Tausend Jahren domestizierten Rinder nicht verloren.

Anbindehaltung nicht tiergerecht

In Anbindehaltung wird jedoch jeder echte Sozialkontakt und jede Bewegungsmöglichkeit verhindert. Langsam wächst die Einsicht, dass die dauerhafte Anbindung von Kühen nicht tiergerecht ist. Laut Leitlinien für die »Milchkuh«-Haltung in Niedersachsen ist die Anbindehaltung in Neubauten nicht mehr zulässig. Der Bauernverband und Bundesminister Horst Seehofer als sein Sprachrohr sehen dagegen keinerlei Handlungsbedarf. Bayern will sogar für Ökobetriebe mit bis zu 35 »Milchkühen« durchsetzen, dass die Anbindehaltung auch zukünftig erlaubt ist.
Aktuell: Im Juli 2015 forderten mehrere Organisationen - darunter auch unser Bundesverband - in einem Brief an die hessische Umweltministerin Priska Hinz den sofortigen Ausstieg aus der Anbindehaltung von Rindern. Das Schreiben vom 3. Juli 2015 können Sie sich hier ansehen.

Auch Laufställe problematisch

In den Laufställen können die Kühe ihr natürliches Bewegungsbedürfnis und ihr Sozialverhalten grundsätzlich besser ausleben. Es kommt aber sehr darauf an, wie viel Platz die Tiere haben, wie die Laufgänge, der Liegebereich und die Böden beschaffen sind. Vollspaltenböden sind immer noch erlaubt. Rangniedere Tiere leben im Dauerstress, wenn sie nicht die Möglichkeit haben auszuweichen, ungestört zu ruhen, ausreichend zu trinken und Nahrung aufzunehmen. Außerdem kommen die immer größeren Kuhherden aus Laufställen kaum mehr auf die Weide. An den Stall angegliederte Auslaufflächen, sogenannte Laufhöfe, gibt es nur selten.

Stoffwechselleistungen eines Dauermarathons

In den letzten 100 Jahren wurde die Milchleistung der Kühe um das Zehnfache gesteigert. Durch einseitige Zucht auf Milchmenge und eine ausgeklügelte Fütterung mit Kraftfutter wird eine moderne »Hochleistungskuh« der Rasse Holstein-Friesian heute dazu gezwungen, jährlich zwischen 8000 und 11000 Liter Milch zu produzieren. »Spitzentiere« geben bis zu 14000 Liter pro Jahr. Bei einer Menge von 50 Litern pro Tag vollbringt ihr Organismus die Stoffwechselleistungen eines Dauermarathons. Allein zur Produktion von einem Liter Milch müssen 500 Liter Blut durch die Milchdrüsen des Euters fließen. Dieser Zwang zur Höchstleistung wird mit zahlreichen Erkrankungen und einem frühen Tod erkauft. Meist schon nach zwei bis drei Kälbern sind »Hochleistungskühe« ausgezehrt und gehen in jugendlichem Alter von vier bis fünf Jahren in den Schlachthof. Dabei könnte eine Kuh gut 20 Jahre und älter werden.

Unbegrenzte Milchproduktion

Noch ist ein Ende der Zucht auf Höchstleistung nicht in Sicht. Der Konsum von Milchprodukten in Deutschland steigt weiter, vor allem bei Käse. Die sogenannte Milchquote, also die garantiert abgenommene Milchmenge pro Betrieb, sollte zu einer Beschränkung der Milchproduktion innerhalb der EU führen. Sie ist jedoch vor kurzem erhöht worden und soll spätestens im Jahr 2015 ganz abgeschafft werden. Das bedeutet künftig eine unbegrenzte Milchproduktion, auch für den Export in außereuropäische Länder. Milch und Milchprodukte werden damit an Millionen Menschen verkauft, die zum Teil traditionell bedingt keinen Milchkonsum kannten.

Exportgut Tier

Übrigens sind auch die Kühe selbst ein Exportschlager. Mehr als 77000 hochträchtige Jungkühe wurden im letzten Jahr mit Exportsubventionen aus Steuergeldern per Lkw und Schiff in 32 verschiedene Länder ausgeführt, darunter Russland, die Ukraine und Marokko. Der quälerische Ferntransport und ihr weiteres Schicksal interessieren hierzulande niemanden.

Die Kuh als Produktionsfaktor

Im hochmodernen Kuhstall erfolgen die Fütterung, Tränkung, das Melken und die Güllebeseitigung automatisch. Der »Betriebsleiter«, wie der Bauer heutzutage genannt wird, verbringt mehr Zeit vor dem Computer - zur Milchdatenanalyse, Futtermittelbestellung etc. - als bei den Tieren. Der räumlichen und damit auch emotionalen Entfremdung des Tierhalters von seinen Tieren entspricht das Unwissen der Konsumenten über die Herkunft der Produkte, die sie konsumieren. In der industriellen Tierhaltung ist die Kuh nur noch ein Produktionsfaktor, der sich den Erfordernissen des Marktes anzupassen hat, und die Milch nur ein Rohstoff, der beliebig vermehrt und bis zur Unkenntlichkeit denaturiert im Supermarktregal liegt. In Zukunft könnte die Kuh durch gentechnische Manipulation auch noch zu einer Art »Bioreaktor« werden , d. h. die Milch hat, wenn sie aus dem Euter kommt, bereits die von der Industrie gewünschten Eigenschaften.

Autorin: Hannelore Jaresch

Facebook Twitter You Tube E-Mail schicken

Kostenloser Newsletter

Immer über tagesaktuelle Entwicklungen, Hintergrundinformationen, Pressemitteilungen sowie über Tierrechts-Kampagnen und Mitmach-Aktionen informiert sein.

Jetzt Gratis-Infos bestellen »