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Kommentar: Wegwerfware Tierkind

"Wegwerfware Tierkind"

Männliche Kälber, Küken und schwache Ferkel sind nach der herrschenden Marktlogik überflüssig. In den meisten Fällen ist das ihr Todesurteil. Doch Lamentieren hilft den Tieren nicht. Um diese Perversion zu beenden, müssen wir alle Kräfte bündeln.

Bei manchen Filmsequenzen weiß ich direkt, dass mich die Bilder noch lange verfolgen. Zuletzt waren es Aufnahmen aus Neuseeland. Sie zeigten, wie staksige Kälbchen mit einem Hammer erschlagen werden. Natürlich leide ich mit jedem Tier. Doch die Tötung von Tierkindern nimmt mich immer besonders mit. Das liegt vielleicht daran, dass ich selbst Mutter bin. Oder daran, dass die Tötung von gesunden Tierkindern die ganze Perversion der hochspezialisierten Landwirtschaft und letztlich auch unseres Wirtschaftssystems offenbart. Wenn Tiere nach der Logik des Marktes zu „Ausschuss“ degradiert werden, ist das ihr Todesurteil. Da werden quiekende Ferkel gegen Buchtenwände geschlagen, weil sie schwächer sind und wegen der unnatürlich großen Würfe keine Zitze für sie übrig ist. Fiepsende Küken fahren auf dem Fließband dem sicheren Tod im Gas entgegen, weil sie geschlechtsbedingt keine Eier legen und sich nicht zur Mast eignen. Und auch für die männlichen Kälber der Milchrassen, die zu leicht und damit nicht „marktfähig“ sind, gibt es in diesem System keine Verwendung.

Tierschutzgesetz verbietet das Töten ohne „vernünftigen Grund“
Das Töten der Tierkinder ist nach dem Tierschutzgesetz verboten. Es wird aber trotzdem gemacht. Das Schreddern von bis zu 50 Millionen männlicher Küken jährlich ist gängige Praxis. Wenn es nach Landwirtschaftsminister Christian Schmidt geht, soll die Kükentötung solange weitergehen, bis ein Verfahren zur Geschlechtsbestimmung im Ei praxisreif ist. Eine bequeme Lösung für die Brütereien. Ohne klares Verbot können sie sich zurücklehnen und abwarten. Ein konsequentes Verbot hätte stattdessen den nötigen Druck erzeugt, damit das Verfahren schnellstmöglich einsetzbar ist. Während die Tötung der Küken quasi offiziell geduldet wird, wird sie bei leichten Ferkeln, Bullenkälbern und männlichen Ziegenlämmern bestritten – dennoch werden die ungewollten Tierkinder nach der Geburt oft gezielt vernachlässigt oder sogar aktiv getötet. Da die Landwirte ihre Kälber erst bis zum siebten Tag registrieren müssen, bleibt ihnen genug Zeit, um ein schwaches Kalb unbemerkt loszuwerden. Dass dies im Verborgenen ohne einen Tierarzt geschieht, macht es noch schlimmer. Die Bauern, die dabei am Pranger stehen, sind dabei selbst Opfer einer gnadenlosen Marktlogik: Mehr als 100 Euro muss ein Milchbauer in ein männliches Kalb investieren, bevor er es an einen Mäster verkaufen kann. Doch der Erlös für ein gesundes Tier liegt zwischen 45 und 80 Euro. Das macht ein Bullenkälbchen zu einem Verlustgeschäft.

Was können wir tun?
Gesetzliche Verbote sind unumgänglich. Doch was nützen sie, wenn sie nicht kontrolliert werden? Und: Was ist für ein Kalb gewonnen, wenn es – statt direkt getötet zu werden – noch für sechs Monate gemästet wird, um dann auf dem Schlachthof zu enden? Am Ende ist es immer nur ein Herumdoktern an den Symptomen eines kranken Systems. Doch was bringt es den Tieren, die jetzt in dieser mörderischen Maschinerie stecken, wenn wir die „Systemfrage“ stellen? Nichts! Deswegen müssen wir jede Möglichkeit ausschöpfen, die das Leiden reduziert. Für die Tiere ist es unerheblich, ob wir uns als Tierrechtler, Tierschützer oder Tierfreunde verstehen. Wir müssen unsere Kräfte bündeln. Wir brauchen Undercoveraufnahmen, Politmagazine und Talkshows genauso wie Demos, Flugblätter, vegane Kochbücher und die Gespräche mit Arbeitskollegen und Nachbarn. Gesextes Sperma, bei dem die männlichen Spermien herausgefiltert werden, bringt – ähnlich der Geschlechtsfrüherkennung im Ei – den Vorteil, dass männliche Kälbchen gar nicht erst geboren werden. Wenn diese Verfahren sich bewähren, tragen sie zumindest zur Leidensreduzierung bei. Und wir müssen sie immer wieder stellen: die Systemfrage. Jedem, der Fleisch, Milch und Eier isst, muss bewusst sein, dass dies Ausbeutungsprodukte sind und dass er für das furchtbare Tierleid mitverantwortlich ist, das daraus resultiert.

Ethische Vertretbarkeit grundsätzlich hinterfragen
Es macht Mut, dass diese gerne verschwiegenen Themen mittlerweile im Mainstream angekommen sind. Dies ist kein Zufall, sondern auch das  Ergebnis der Tierrechtsarbeit, für die auch unser Bundesverband steht. Die Medien berichten immer häufiger über die dunkle Seite der „modernen“ Landwirtschaft. Dies lässt den Druck auf die Politik wachsen, die existierenden Verbote konsequent umzusetzen. Auch das 2015 veröffentlichte hochoffizielle Gutachten des wissenschaftlichen Beirats für Agrarpolitik hatte die eindeutige Aussage, dass es ein „Weiter so“ in unserem Umgang mit den sogenannten Nutztieren nicht geben kann. Auch bei Bauern und Industrie setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass unethisch produzierte Lebensmittel schon beim nächsten Tierschutzskandal zu einem PR-Desaster für Branche und Berufsstand werden. Und auch die Verbraucher können mittlerweile nicht mehr behaupten, sie hätten von alledem nichts gewusst. Dies alles hat einen Diskurs entstehen lassen, der die Zukunft der „Nutztierhaltung“ und ihre ethische Vertretbarkeit  radikal hinterfragt. Diesen müssen wir weitertragen – jeden Tag.

Christina Ledermann

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