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Kommentar: Halbierung des Fleischkonsums ja! – Aber: Auf das „wie“ kommt es an

anita idel - foto andreas schoelzel - rinderDie Tierärztin und Expertin für Agrobiodiversität Dr. Anita Idel fordert Deutschland auf, in Sachen Klimaschutz mit gutem Beispiel voranzugehen. Dies geht ihrer Ansicht nach nur, indem die industrialisierte Tierhaltung umfassend und massiv begrenzt wird. Zudem fordert sie eine Abgabe auf Stickstoff sowie das klimaschädliche Importfutter zu reduzieren. Lesen Sie hier ihren Kommentar.

 

„Wir können den Chinesen doch nicht vorschreiben, dass sie ihren Fleischkonsum begrenzen sollen.“ So wehren sich deutsche Landwirtschaftsminister und ihre Staatssekretäre seit Jahren gegen Forderungen nach einer Begrenzung beziehungsweise Reduzierung des weltweiten Fleischkonsums.
Doch! Angesichts der Tierschutzrelevanz der Massentierhaltung müssen wir alles dafür tun, den globalen Fleischkonsum zu reduzieren – und auch von den Chinesen können wir Mithilfe einfordern, aber nur unter einer entscheidenden Voraussetzung: Wir müssen mit gutem Beispiel voran gehen! Denn Deutschland zählt beim Einkauf von Fleisch einschließlich Wurst seit Jahren zu den Spitzenländern: knapp 90 Kilogramm  pro Kopf und Jahr (1) Mit 120 kg liegen die USA ein Drittel darüber. Weltweit wird heute mit circa 44 Kilogramm doppelt so viel Fleisch gegessen wie Mitte des 20. Jahrhunderts.

Ein „weiter so“ ist keine Option
„Weiter wie bisher ist keine Option!“, lautete das Fazit des Weltagrarberichtes 2009, der damit auch explizit den Fleischkonsum und seine verlagerten Kosten problematisierte: die Verstöße gegen den Tier-, Umwelt-, Natur-, Gesundheits- und Klimaschutz. Inzwischen machen es uns die Chinesen vor: Der Pro-Kopf-Konsum soll von derzeit 63 auf maximal 27 Kilogramm Fleisch pro Kopf und Jahr mehr als halbiert werden. (2)
Ganz in diesem Sinne fordert nun Bundesumweltministerin Barbara Hendricks im Entwurf ihres aktuellen Klimaschutzplanes eine Halbierung des Fleischkonsums auch für Deutschland. Es verwundert nicht, dass Agrarfunktionäre, die für ein „weiter so“ stehen, darauf allergisch reagieren. Tatsächlich gibt es aber auch im Sinne des Tierschutzes ganz erhebliche Kritik am Entwurf der Ministerin. Das liegt an der von ihr favorisierten Maßnahme: "Für den  Klimaschutz entscheidend ist vor allem der Abbau der Wiederkäuer-Bestände.“

Steigerung der Milchleistung auf Kosten von Kühen, Ressourcen und Klima
Wohin das führt, zeigen die schlechten Erfahrungen aus Nordrhein-Westfalen, wo innerhalb von gut 20 Jahren der Bestand an „Milch"-Kühen mehr als halbiert wurde, während gleichzeitig die in NRW ermolkene Milchmenge anstieg. Das heißt, abgeschafft wurden Weidetiere, die wesentlich vom Gras und nicht in Nahrungskonkurrenz zum Menschen leben! Hingegen wurden die Lebensbedingungen der verbleibenden Kühe umso intensiver: Generelle Krankheitsanfälligkeit sowie die fast zynisch als Berufskrankheit bezeichneten Euterentzündungen sind der Preis, den einseitig auf Hochleistung selektierte Kühe zahlen. Untrennbar damit verbunden klafft die Schere zwischen Milchhöchstleistung und Fleischansatzvermögen, so dass männliche Kälber an Wert verlieren und vernachlässigt werden. (3)

Kraftfutter schädigt das Klima
Hochleistungskühe erhalten zunehmend Kraftfutter, so dass ihre Durchschnittsleistung über 8.500 Litern pro Jahr liegt. Sogenannte Spitzenkühe leisten 12.000 Liter! Statt Wiederkäuer gerechtem Weidefutter müssen sie zunehmend Getreide, Mais und transgene Soja fressen, die aus Südamerika auf Kosten von Regenwald und Pampa importiert wird. Das heißt, ein Abbau der „Milch“-Kühe hat nicht zu einer Reduktion klimaschädlicher Emissionen geführt – im Gegenteil: Die verbliebenen Kühe wurden und werden durch die Steigerung der Milchmenge noch mehr ausgebeutet. Das dazu erforderliche Kraftfutter trägt wesentlich zum Klimawandel bei.

Wachsende Schweine- und Geflügelbestände
Nicht nur in NRW wurden gleichzeitig die Bestände an Schweinen und Geflügel massiv aufgestockt. Damit blieb die in NRW produzierte „Biomasse Tier“ gleich – mit massiven Auswirkungen auf das Klima. Denn: Zu der immer intensiveren Nutzung der „Milch“-Kühe kam die massive Aufstockung mit anderen Tieren, so dass die Menge an verfüttertem Kraftfutter drastisch zunahm. Über 70 Prozent der in der EU verfütterten Proteine stammen aus Importen. Das heißt, es wurde noch mehr wertvolles Grünland zu Ackerland  und es werden noch mehr klimaschädlicher synthetischer Stickstoffdünger und Gülle aus problematischer Stallhaltung ausgebracht.

Lachgas 300-mal so klimarelevant wie CO2
Damit erweist man auch dem Klimaschutz einen Bärendienst. Denn in der industrialisierten Landwirtschaft bewirkt Lachgas (N2O) den größten Beitrag zum Klimawandel: 300-mal so klimarelevant wie CO2 stammt es insbesondere aus der Anwendung von synthetischem Stickstoffdünger und nimmt mit dem produzierten Kraftfutter zu. Ob Rind, Huhn oder Schwein – die Intensität der Zucht-, Haltungs- und Fütterungsbedingungen in industrialisierten Agrarsystemen macht nicht nur die Tiere krank, sondern auch Mensch, Umwelt und Klima. Ein Systemwechsel ist erforderlich, um (nicht nur) dem Klimawandel effektiv etwas entgegenzusetzen. (4)

Systemwechsel notwendig
Als wichtigste Maßnahme zur Reduzierung der Produktion und letztlich des Konsums von Fleisch – sowie Milch und Eiern – ist eine Stickstoffabgabe dringend geboten. Dadurch würden synthetischer Stickstoffdünger, Gülle und Kraftfutter drastisch reduziert – und dadurch auch die gigantische Zahl derjenigen Tiere, die  ganzjährig im Stall gehalten werden. Das betrifft an Zahl vor allem die riesigen Bestände mit Geflügel und Schweinen, aber auch Rinder in der Intensivmast und hochleistende “Milch“-Kühe. Zwar rülpsen Rinder Methan, das 25-mal so klimarelevant ist wie CO2. Aber da nachhaltiges Weidemanagement durch Humusaufbau CO2 bindet, werden Rinder in der Bilanz aus Emissionen und Kohlenstoffspeicherung wieder zu Klimaschützern. (5)  Mit einem wirklichen Systemwechsel – einer Schwerpunktverlagerung für Forschung, Lehre und Praxis in der Agrarpolitik hin zur Förderung der Freiland- und Weidehaltung – können wir dem komplexen Phänomen des Klimawandels wirkungsvoll begegnen.

Fußnoten / Quellen

(1) Die Zahlen der FAO schließen Knochenanteile mit ein. 88 Kilogramm entsprechen deshalb den üblicherweise für den Fleischverzehr in Deutschland angegebenen 60 Kilogramm.
2) 1982 konsumierten die Chinesen im Durchschnitt noch 13 Kilogramm Fleisch im Jahr.  
3) Busse, Tanja (2015): Die Wegwerfkuh, Blessing.
4) Grünlandumbruch zählt neben der Abholzung von Regenwald zu den sogenannten Landnutzungsänderungen, welche weltweit den größten Anteil am Klimawandel haben. Siehe: https://www.umweltbundesamt.de/publikationen/12-schritte-auf-dem-weg-schutz-fruchtbarer-boeden.
5) Idel, Anita (2016): Die Kuh ist kein Klima-Killer. Metropolis, Marburg, 6. Auflage und Idel, Anita (2014): Klimaschützer auf der Weide. https://germanwatch.org/de/download/8126.pdf.

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