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Interview: "Unser Langzeitziel ist das Ende der industriellen Tierhaltung"

Foto Rosie Wardle-webEnde September wurde eine bemerkenswerte Initiative gestartet: Ein Zusammenschluss von Großinvestoren forderte die großen Lebensmittelkonzerne auf, mehr auf pflanzliche Nahrungsmittel zu setzen. Rosie Wardle, zuständig für den Bereich industrielle Tierhaltung bei der Jeremy Coller Stiftung, ist optimistisch. Auch Bill Gates nennt pflanzliches Fleisch "die Nahrung der Zukunft ". Tierrechte sprach mit ihr über die Risiken der industriellen Tierhaltung, den Einfluss von Investoren und über die zukünftige Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung.

1. Tierrechte: Gab es ein Schlüsselerlebnis, das Sie dazu motivierte, sich gegen die industrielle Tierhaltung und für pflanzliches Eiweiß als Nahrungsmittel zu engagieren?

Rosie Wardle: Ich leite das Programm zur industriellen Tierhaltung bei der Jeremy Coller Stiftung. Unser Langzeitziel ist es, das System der industriellen Tierhaltung, das wir als unmenschlich und nicht nachhaltig betrachten, insgesamt zu beenden. Das Programm fokussiert derzeit auf die globalen Folgen der Massentierhaltung auf die Umwelt, die menschliche Gesundheit und für die Tiere. Wir sind der Meinung, dass ein Umlenken des Konsums hin zu mehr Eiweiß auf pflanzlicher Basis eine Schlüsselkomponente ist, um sich vom System der industriellen Tierhaltung weg – und damit auch fortzuentwickeln. Es besteht kein Zweifel, dass der durchschnittliche Konsument in den Industrieländern weniger Fleisch essen muss. In Europa und den USA wird derzeit etwa die doppelte Menge an Eiweißen konsumiert als nötig wäre. Ohne die intensive Tierhaltung und die Produktion enormer Mengen billigen Fleisches wäre diese Überversorgung mit tierischen Proteinen nicht möglich.

2. Tierrechte: Was treibt Sie an, sich gegen die industrielle Tierhaltung zu engagieren?

Rosie Wardle: Das Ende der industriellen Tierhaltung ist ein strategisches Langzeitziel unserer Stiftung, zum Vorteil von menschlichen und nichtmenschlichen Tieren und dem Planeten insgesamt. Ich persönlich war immer schon leidenschaftliche Tierschützerin und Tierrechtlerin. Ich wuchs in einem kleinen Dorf im Nordengland auf. Dort war ich schon früh mit Massentierhaltung konfrontiert. Eine der eindringlichsten Erinnerungen, war der Ausbruch der Maul und Klauenseuche im Jahr 2001 – da war ich 13 Jahre alt. Ich sah die brennenden Scheiterhaufen aus toten Tieren, die man getötet hatte, weil sie die Krankheit hatten oder als Vorsichtsmaßnahme, um eine weitere Verbreitung zu verhindern. Diese verheerenden Bilder waren ein Weckruf für mich. Ich fing an mir Gedanken zu machen. Über die Massentierhaltung und über die Art, wie wir mit Tieren umgehen. Statt wie fühlende Wesen behandelt wir sie wie Ware.

3. Halten Sie die Initiative der Investoren für effektiv, um die Bedingungen in der Tierhaltung zu verbessern oder diese grausame Art der Tierhaltung sogar ganz zu beenden?

Rosie Wardle: Ja. Es geht es darum, die Nachfrage nach tierischen Proteinen zu senken. Wir motivieren die Lebensmittelkonzerne durch die Investoren, ihre Chancen und Möglichkeiten in diesem Bereich auszuloten und ihre Lieferketten so auszurichten, dass sie mehr Produkte auf pflanzlicher Basis in ihr Angebot aufnehmen.
Das hat sowohl eine direkte Auswirkung auf die Nachfrage für die Produkte benötigten tierischen Inhaltsstoffe, als auch darauf, dass mehr vegetarische und vegane Produkte in den Supermarkt-Regalen angeboten werden. Ich hoffe, dass die Verfügbarkeit der Produkte dazu führen wird, dass die Verbraucher ihre Konsumgewohnheiten entsprechend verlagern. Dies hätte wiederum einen positiven Effekt auf die Nachfrage nach diesen Produkten.

4. Welches Potenzial haben solche Investoren-Initiativen? Wieviel Einfluss haben können sie auf die großen Lebensmittelkonzerne ausüben?

Rosie Wardle: Investoren sind die Eigentümer von Unternehmen – die Unternehmen müssen sich letztlich vor ihnen verantworten. Deswegen können Investoren massiv Einfluss auf die Unternehmen nehmen. Es liegt zudem im Interesse der Investoren, die Protein-Problematik anzugehen. Glücklicherweise sind die Vorteile für die Investoren deutlich zu erkennen. Der Markt für nachhaltige pflanzliche Proteine ist groß und er wächst weiter. Um nur ein paar Beispiele zu nennen: Der Absatz von alternativen Milchprodukten auf pflanzlicher Basis stieg in den USA im Jahr 2015 um 9 Prozent. Der Absatz von Fleischersatzprodukten wächst steigerte sich um 8,4 Prozent. Auf der anderen Seite sank der Absatz von Kuhmilch im gleichen Zeitraum um 7 Prozent. Auch Bill Gates nennt pflanzliches Fleisch "die Zukunft der Nahrung". Es ist zu erwarten, dass die Entwicklung weiter in diese Richtung geht. Die Weltbevölkerung wächst. Damit  steigt und die Nachfrage nach Protein. Mit der derzeitigen Produktion auf Basis tierischen Eiweißes, kann dieser Bedarf auf Dauer nicht gedeckt werden. Die industrielle Tierhaltung ist ein Rezept für eine finanzielle, soziale und ökologische Krise. Studien prognostizieren, dass alternative Proteine deswegen bis 2050 ein Drittel des gesamten Proteinmarktes ausmachen werden. Die Anleger müssen darauf reagieren und ihre Lieferketten jetzt zukunftssicher machen.

5. Wie schätzen Sie die Entwicklung ein? Wird sich für die Tiere in naher Zukunft etwas ändern?

Rosie Wardle: Wir stehen zwar gerade am Anfang dieser Initiative, aber ich bin optimistisch. Momentan ist das Interesse an pflanzlichen Eiweißen sehr groß. Nicht nur bei Investoren, sondern auch bei Lebensmittelindustrie und Verbrauchern. Ein aktuelles Beispiel ist die Investition von Tyson Foods (Anmerkung: großes US-Fleischunternehmen) in das Start up-Unternehmen „Beyond Meat“. Tyson hat kürzlich erklärt, dass sie sich nicht mehr als Fleischunternehmen sehen, sondern als Protein-Versorger. Das ist eine gute Nachricht für die Tiere.

Das Interview führte Christina Ledermann.

Hier lesen Sie das Interview in englischer Sprache:


"Our long-term goal is to end the system of factory farming"coller-web

1. Was there a key moment that motivated you to campaign for using more vegetable proteins?

Rosie Wardle: At the Jeremy Coller Foundation, I lead the programme on factory farming. Our long-term goal is to end the system of factory farming altogether, which we see as an unsustainable and inhumane practice. In terms of content, the programme is currently focused on on the global sustainability consequences of factory farming, for the environment, human health, and animal welfare. We see a move to using more plant-based proteins as being a key component of progressing away from the factory farming system. It’s undoubtedly the case that the average person in developed countries needs to eat much less meat. In Europe and the US, we are eating on average double the amount of protein required. The intensification of livestock production has enabled this shift in diets through the production of huge quantities of cheap meat.

2. What are your motives?

Rosie Wardle: Ending factory farming is a long-term strategic goal for the Foundation, for the benefit of animals (both human and non-human) and the planet. Personally, I have always been passionate about animal welfare and animal rights. I grew up in a rural village in Northern England, and so was very much exposed to the farming industry. One of my clearest memories growing up is of the situation during the ‘foot and mouth’ disease outbreak in 2001, when I was 13 years old. I saw first hand the burning pyres of dead animals who were slaughtered either because they had the disease or as a precaution to attempt to stop the spread. It was devastating, and was one of the initial prompts to me thinking about the ‘livestock’ industry and the way animals are treated as commodities rather than sentient beings. That was a real wake-up call for me.

3. Do you consider this approach effective for improving the living conditions for “livestock”?

Rosie Wardle: Yes. This is all about reducing demand for animal proteins. We are motivating food companies through their investors to look at the opportunities in this space, and move their supply chains to include more plant-based products. This means both a direct impact on the amount of animal-sourced ingredients required for their products, and also means that vegetarian and vegan products will be more readily available on the supermarket shelves. I hope availability of products will in turn encourage consumers more generally to shift towards a more plantbased diet, which again will have a positive effect on demand for these products.

4. What potential do you think such initiatives have? How much influence can investors have on the major food-producing companies?

Rosie Wardle: Investors are the owners of companies – companies are ultimately accountable to them. Therefore they have potential to exert massive influence there is a strong business case for investors to address the issue. Fortunately this is not a difficult case to make in terms of sustainable protein –there is a large (and growing) investment opportunity in plant-based proteins at the moment.  To give just a couple of examples: non-dairy milk sales grew 9% in the US in 2015, compared to dairy milk sales which decreased by 7%; sales of meat substitutes are currently growing at 8.4% per year; Bill Gates has called plant-based meat “the future of food.” And this trajectory is only going to continue. As the world’s population rises and demand for protein grows, the current protein supply chain simply cannot cope. It’s a recipe for financial, social and environmental crisis, and so investors need to future-proof their supply chains now. Studies predict that alternative proteins will constitute one thirds of the entire protein market by 2050.

5. What future prospects do you see? Will there be improvements for animals in the foreseeable future?

Rosie Wardle: We are at the beginning of this initiative, but I am optimistic. There is so much excitement and interest around plant-based proteins at the moment, in the investment community and food industry, and also more generally in terms of consumers. You only have to look to Tyson’s recent investment in Beyond Meat to see that even the ‘traditional’ meat companies are getting on board with this. Tyson recently publicly stated that they consider themselves to be a ‘protein’ company rather than a ‘meat’ company, that that’s got to be good news for animals in the future!

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