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Kollaps vorprogrammiert

Die Ausbeutung des Fisches hat viele Dimensionen: Sei es der industrielle Fischfang, wegen dem einige Fischarten kurz vor der Ausrottung stehen, die Qual in Aquakulturen oder beim Angeln – beim Fisch sind wir besonders bedenkenlos. Doch diese Skrupelosigkeit muss nicht nur aus ethischen Gründen aufhören. Denn viele lebenswichtige Ökosysteme stehen kurz vor dem Kollaps.

Seit den 1950er Jahren floriert der industrielle Fischfang. Mit riesigen Fangschiffen, ausgestattet mit Hightech wie 3D-Sonargeräten, digitalen Karten und Satellitennavigation, können Fischschwärme heute metergenau geortet werden. Die Netze reichen bis zu 2000 Meter hinab in die Tiefsee. Trotz der Hightech auf See wird nicht selektiv gefischt. Dies führt dazu, dass Vögel, Säugetiere und viele Jungfische, als sinnloser Beifang in den feinen Netzen sterben. Wie viele Tiere als Beifang enden, ist nicht bekannt. Wissenschaftliche Schätzungen gehen je nach Fangart von einem Drittel bis zur Hälfte des Fanges aus, der tot über Bord geschmissen wird. Nach Schätzungen des WWFs stirbt alle zwei Minuten ein Wal oder Delfin in einem Netz. Es gibt zwar schonendere Fangmethoden wie Stellnetze, Reusen, Ringwaden-Netze und Langleinen, doch auch durch sie kommen andere Meeresbewohner wie Schweinswale und Meeresschildkröten zu Tode. Besonders schlimm sind die weitgehend verbotenen Treibnetze, die noch immer illegal eingesetzt werden. Verloren gegangene Netze können noch für Jahre zu tödlichen Unterwasserfallen werden. Bei der zerstörerischen Grundschleppnetzfischerei werden nicht nur am Boden lebende Arten, sondern auch andere Meerestiere wie Krabben, Seesterne und Muscheln gefangen. Das Durchpflügen des Meeresgrundes zerstört zudem empfindliche Lebensräume und Kinderstuben der Jungfische wie Seegraswiesen und wertvolle Kaltwasserkorallen.

Ausmaß der Überfischung unterschätzt

Fisch am HakenIn wenigen Jahrzehnten wurden die globalen Fischbestände so um bis zu 80 Prozent dezimiert. Die Vorkommen der wichtigsten „Speisefische“ sind zusammengebrochen. Die Bestände von Schwertfisch und Hai sind um 90 Prozent zurückgegangen. Fischarten wie der Rote Thun sind vom Aussterben bedroht.
In seinem aktuellen Fischratgeber warnt Greenpeace – bis auf wenige Ausnahmen – vor dem Konsum von Fisch. Fast keine Fischart könne bedenkenlos gekauft und gegessen werden. Während im Jahr 1950 noch 12,8 Millionen Tonnen gefangen wurden, geht die Welternährungsorganisation FAO heute von einer jährlichen Gesamtfangmenge von etwa 80 Millionen Tonnen aus. Neuere Erkenntnisse sprechen sogar dafür, dass die Zahlen noch höher liegen. Im Januar 2016 stellten kanadische Meeresbiologen der Universität in British Columbia eine Studie vor, nach der die Ozeane deutlich stärker überfischt seien als vermutet. Nach Kalkulationen der Wissenschaftler seien 1996, dem Jahr in dem weltweit am meisten Fisch gefangen wurde, etwa 130 Millionen statt nur 86 Millionen Tonnen Fisch gefangen worden. Sie schätzen, dass in den vergangenen Jahrzehnten gut 50 Prozent mehr Fische gefangen worden seien als in der offiziellen UN-Statistik verzeichnet. Der Grund: Die Angaben zu den Fangmengen der 194 Mitgliedsstaaten stimmen nicht. Fischtrawler, illegal operierende Fangflotten, kleine Fischereien in Entwicklungs- und Schwellenländern und Sportfischer geben nicht oder nicht genau an, wie viel Beifang tot zurück ins Meer geworfen wird. Die Fischereikontrollen auf See und in den Häfen sind selten, die Strafen bei Vergehen gering. Werden die Fischbestände nicht geschont, ist nach Berechnungen der UN spätestens 2050 keine kommerzielle Fischerei mehr möglich.


Tod durch Ersticken

Als Wirbeltiere unterstehen Fische in Deutschland dem Tierschutzgesetz. Danach ist es verboten, sie ohne vernünftigen Grund zu töten beziehungsweise ihnen länger anhaltende erhebliche Schmerzen oder Leiden zuzufügen. Ihre Tötung wird in der sogenannten Tierschutz-Schlachtverordnung (TierSchlV) geregelt. Darin werden verschiedene Betäubungsarten für Fische genannt, wie die Elektrobetäubung, ein stumpfer Schlag auf den Kopf, Kohlendioxid und weitere Stoffe mit Betäubungseffekt. Doch gleich auf der zweiten Seite der Verordnung heißt es unmissverständlich: „Die Vorschriften dieser Verordnung sind nicht anzuwenden bei einem Massenfang von Fischen, soweit es nach dem Stand der Wissenschaft nicht oder nur mit unverhältnismäßig hohem Aufwand möglich wäre, eine Betäubung durchzuführen.“ Dort, wo die meisten Fische betroffen sind, gibt es also keinerlei Regelungen für deren Tötung. Auf dem offenen Meer werden sie in riesigen Netzen gefangen. Wenn sie aus heringe auf tischdem Wasser herausgezogen werden, erleiden sie eine qualvolle Druckverminderung. Durch den enormen Innendruck kann ihre Schwimmblase platzen. An Bord gezogen, sterben die meisten Fische durch Ersticken an der Luft – die am stärksten belastende Tötungsmethode. Wenn die Tiere zusätzlich auf Eis liegen, kann es bis zu zwei Stunden dauern, bis der Tod eintritt. Die meisten Fische werden ausgenommen, bevor sie bewusstlos oder tot sind. In Aquakulturen versucht man zwar, Lachse und Forellen mithilfe automatischer Systeme zu betäuben. Für die meisten Arten existieren jedoch keine konkrete Vorgaben für Betäubung und Tötung – dabei gibt es zahlreiche Studien, die die Missstände bei der Schlachtung von Fischen belegen.


 
Angeln: Töten als meditative Freizeitbeschäftigung

Aber auch jenseits des Massenfangs leiden die Fische. Beim Angelvorgang erleiden sie unvermeidlich Schmerz, Stress und Todesangst, wenn sie sich im Haken verfangen, aus dem Wasser gezogen werden und – nach einer unsachgerechten Betäubung – erstickt oder noch lebend ausgenommen wird. Die Tiere leiden auch bei der Lebenshälterung in sogenannten Setzkeschern oder in Eimern unter Stress und Atemnot. Ähnlich wie Jäger verstehen sich Angler im Allgemeinen als Natur- und Umweltschützer. In Deutschland gibt es etwa fünf Millionen Freizeitangler. Grundsätzlich ist es ihnen zwar nicht erlaubt, die Tiere nur zum Spaß ohne sogenannte Verwertungsabsicht zu töten, dennoch werden besonders tierschutzwidrige Praktiken wie das Wettangeln oder das "Catch and Release" (Fangen & Freilassen) getarnt praktiziert. Verbote  besonders tierquälerischer Angelmethoden in den Fischereigesetzen und -verordnungen der Länder helfen nichts, wenn eine Überwachung an einsamen Ufern und an kommerziellen Angelteichen nicht möglich ist.

Gefahr schwindender Lebensraum

Hinzu kommen weitere existenzielle Bedrohungen: Die Ozeane leiden unter dem Klimawandel, an Überdüngung, Versauerung, Schifffahrt, Unterwasserlärm und Verschmutzung. Jede Minute gelangt ein Müllwagen voller Plastik in die Ozeane. Nach wissenschaftlichen Berechnungen könnte im Jahr 2050 die Menge an Plastik die Menge der Fische in den Meeren übersteigen. Der Klimawandel, der das Wasser erwärmt, hat aktuell zur schlimmsten Korallenbleiche der Geschichte geführt. Große Teile der wertvollen Riffe sind nach Einschätzung von Experten schon jetzt unwiederbringlich verloren. Wenn die Menschheit weiter so mit den sensiblen Ökosystemem umgeht, werden die Meere bald kollabieren. Bedroht sind die Fische aber auch in Flüssen und Seen. Zwar sind viele heimische Gewässer durch verbesserte Wasserschutzmaßnahmen wieder sauberer und artenreicher geworden, doch auch hier lauern Gefahren. Weitgehend unbekannt ist beispielsweise das riesige Tierleid, das durch Wasserkraftanlagen verursacht wird. Fische können Wehre und Staustufen nicht überwinden und sterben dabei qualvoll in Turbinen- und Rechenanlagen. Die EU -Wasserrahmenrichtlinie schreibt zwar vor, dass bis 2027 Fließgewässer für Fische und Kleinlebewesen passierbar gemacht werden müssen, beispielsweise durch Fischtreppen. Doch diese Vorgaben werden vielerorts nicht erfüllt.


Eine Umkehr ist überfällig

Mittlerweile haben Politik und Fischerei-Industrie erkannt, dass es so nicht weitergehen kann. Es werden immer mehr Schutzgebiete eingerichtet und Fangverbote ausgesprochen. Seit 2010 ist
die Einfuhr von Erzeugnissen aus illegaler, nicht gemeldeter oder nicht regulierter Fischerei in die EU verboten. Die 2013 beschlossene EU-Fischereireform sieht vor, dass die Fischbestände mittels restriktiver Fangquoten auf ein Niveau gebracht werden, das ihr Überleben sichert. Zudem soll der Beifang in europäischen Gewässern von 30 Prozent auf fünf Prozent gesenkt werden. Doch auch hier zeigt sich, wie schwierig die Kontrollen sind. Nach einer aktuellen Studie des WWF finden mehr als zwei Drittel der Fischerei Krabbenfischerei in Wattenmeer und Nordsee in Schutzgebieten statt. Sogar in dem einzigen kleinen Gebiet, das aufgrund des Nationalparkgesetzes völlig nutzungsfrei bleiben soll, wird gefischt. Um unsere Ozeane, Flüsse und Seen mit all ihren faszinierenden Bewohnern zu erhalten, sind große nationale und internationale Anstrengungen und ein konsequenter Schutz der Ökosysteme nötig. Wegen der komplexen Bedrohungen muss man dazu auf vielen verschiedenen Ebenen ansetzen, wie dem Klimaschutz, der Landwirtschaft und der Abfallvermeidung. Dabei ist auch jeder Einzelne gefragt. Am besten, wir fangen gleich damit an.

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