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Pferde als "Sportgeräte"

Dressur, Springreiten und Rennsport sind ein Millionengeschäft. Den wahren Preis zahlen die Pferde. Sie werden mit umstrittenen Trainingsmethoden, Zwangsmitteln, Doping Schmerzen und Angst zu widernatürlichen Höchstleistungen getrieben, die nicht selten mit ihrem Tod auf Rennbahn oder Turnierplatz enden.

Der heutige Dressursport ist kaum noch mit den Zielen der Gymnastizierung und Gesunderhaltung des Pferdes vergleichbar, die sich die Reiterschaft früherer Zeiten als Anspruch ihrer „Reitkunst“ formuliert hatte. In den Regeln der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) sind klare Anforderungen beschrieben, nach der die Ausbildung eines Pferdes erfolgen soll. Ziel soll „die Harmonie von Reiter und Pferd“ sein, also ein entspanntes Pferd, dass die Signale des Reiters gehorsam und zwanglos annimmt. Dressurreiten ist seit 1912 olympische Disziplin. Auf einem Reitplatz werden verschiedene Lektionen und Figuren geritten und mit Punkten bewertet. Die Lektionen beinhalten verschiedene Gangarten und schwierige Figuren wie beispielsweise die Piaffe oder Pirouette. Auf ihrer Homepage schreibt die FN: „Das Wohl und die Gesundheit des Pferdes stehen bei uns an erster Stelle. Jeder, der ein Pferd hält oder nutzt, hat sich dabei immer zuerst am Wohle und an der Gesundheit des Pferdes zu orientieren.“ Das Bild auf Dressurreitplätzen ist jedoch meist ein anderes.

Komplexes, skrupelloses System
Bei der FEI (International Federation of Equestrian Sports) Europameisterschaft in Aachen 2015 zeigten sich die Auswirkungen von wirtschaftlichen Interessen und rücksichtslosem Ehrgeiz. Der berühmte Hengst Totilas wurde trotz eines lahmenden Hinterbeins aufgrund eines Knochenödems an den Start geschickt. Der Niederländer Edward Gal ritt sein Pferd auf dem Abreiteplatz (Vorbereitungsplatz) in extremer Rollkur (Hyperflexion) und wurde bei seinem Turnierritt disqualifiziert, weil sein Pferd aus dem Maul blutete.
Reiter, Turnierveranstalter und Wertungsrichter bilden dieses tierquälerische System. Es geht um viel Geld. Für erfolgreiche Sportpferde werden mehrere Millionen Euro gezahlt. Dazu kommen Werbeverträge und Preisgelder. „Vielfach belohnten die Richter spektakuläre Vorstellungen, auch wenn die Pferde mit umstrittenen Trainingsmethoden ausgebildet worden sind. […] somit liegt es in der Verantwortung der Richter, pferdegerechtes Reiten zu honorieren und Gewaltmethoden zu ahnden […].“ So die staatlich geprüfte Reittrainerin und Dressurreiterin Doris Schneeberger [1]. Auch der Autor und Pferdeausbilder Philippe Karl kritisiert, dass auf großen Turnieren nichts gegen diese Praktiken unternommen wird und dass dies Signalwirkung für den ganzen Pferdesport hat. Es gibt jedoch auch eine zunehmende Anzahl von Reitern, die sich dieser extremen Pferdeausbeutung entgegenstellt. So vergibt beispielsweise der Verein Xenophon seit 2008 einen Sonderehrenpreis für pferdegerechtes Reiten.

Springreiten
Beim Springreiten müssen Pferde zusammen mit ihren Reitern einen Parcours mit unterschiedlichen Hindernissen überwinden.
Die Hindernisse sind in der Regel bis zu 1,60 Meter hoch, beim (selten durchgeführten) Mächtigkeitsspringen sogar über zwei Meter und damit größer als die Pferde selbst.
Sie bestehen aus einfachen Stangenbarrieren oder der Natur nachempfundenen Hindernissen, wie Wassergräben, die bis zu 4,50 Meter breit sind. Pferde springen freiwillig nur selten über Hindernisse, sondern weichen, wenn möglich, aus. Besonders undurchsichtige Hindernisse setzen die sensiblen Tiere einem starken psychischen Druck aus, weil sie nicht sehen können, was sich auf der anderen Seite befindet.

Hilfszügel als Zwangsmittel
Im Training und auf den Abreiteplätzen von Turnieren wird häufig mit sogenannten Schlaufzügeln geritten. Durch diesen Extrazügel kann der Reiter mit wenig Kraftaufwand großen Druck auf das Pferdemaul ausüben und den Kopf des Tieres so stark nach unten ziehen, dass er die Brust berührt. Dr. Maximilian Pick, Fachtierarzt für Pferde und Kurator des Sachverständigenkuratoriums, Bereich Hippologie, kritisiert dies: „Es gibt aber kaum einen Turnierstall, der ohne Schlaufzügel auskommt und kaum ein Springreiter, der nicht diese Hilfszügel benutzt […].“[2] Ein derartiger Gebrauch von Hilfszügeln ist tierschutzwidrig und wird in den Leitlinien [Anm. d. Verf.: gemeint sind die „Leitlinien für den Tierschutz im Pferdesport“ von 1992] ausdrücklich abgelehnt.“ Bei Veranstaltungen des Schweizerischen Verbands für Pferdesport (SVPS) sind Schlaufzügel seit 2016 generell verboten – nicht so in Deutschland.

Brutale Methoden zur Leistungssteigerung
Claudia V. Brunner nennt in ihrer Dissertation „Tierquälerei im Pferdesport – eine Analyse der Strafrechtsnormen des Tierschutzgesetzes“ verschiedene Methoden, die im Training von Springpferden zur vermeintlichen Leistungsverbesserung eingesetzt werden oder wurden. Dazu gehören der Nervenschnitt (Neurektomie) an den Beinen von Springpferden, das Einsetzen von spitzen Gegenständen in Bandagen der Beine, der Einsatz von elektrischen Hilfsmitteln oder das aktive, passive und chemische „Barren“. Dies umfasst das Schlagen mit Holz- oder Eisenstangen auf die Beine des Pferdes, das Befestigen von für das Pferd schwer erkennbarer Stangen am Hindernis, das Spannen von Drähten und das Einreiben der Pferdebeine mit einer schmerzverstärkenden Substanz. Um dem Schmerz auszuweichen, versuchen die Tiere so hoch wie möglich zu springen und den Kontakt mit den Hindernissen zu vermeiden.
Der deutsche ehemalige Springreiter und Europas größter Pferdezüchter Paul Schockemöhle geriet wegen des Barrens seiner Pferde öffentlich in die Kritik, ebenso wie der deutsche Springreiter Christian Ahlmann, der an seinem Pferd bei den olympischen Spielen in Hongkong 2008 die sensibilisierende Salbe Capsaicin verwendete.
Der Spiegel berichtete 2008 in Bezugnahme auf das Fachmagazin „Reiter Revue“ über tierschutzwidrige Praktiken im Pferdesport: „Wie der Alltag in deutschen Ställen in Wahrheit wohl aussieht, konnten die ahnungslosen Funktionäre jetzt im Fachmagazin „Reiter Revue“ lesen. Dort packen zwei erfahrene Pfleger über illegale Methoden in hiesigen Reitställen aus. Beliebt sei es etwa, Pferden Elektrogamaschen anzulegen. Den Tieren könnten per Fernbedienung Stromschläge verpasst werden. Andere Reiter würden Elektrosporen einsetzen, und auch das altbekannte Barren sei nicht aus der Mode.“ [3]

Hohe Verletzungsrisiken
Die Verletzungsgefahr beim Springreiten ist sowohl für den Reiter als auch für das Pferd enorm. Die Belastung auf Bänder, Sehnen, Knochen und Gelenke des Pferdes sind bei der Landung auf den Vorderhufen nach dem Sprung extrem hoch. Verletzungen und Folgeschäden sind daher häufig. Hinzu kommt die Gefahr durch Stürze. Brechen sich die Tiere zum Beispiel ein Bein oder tragen schwere Verletzungen davon, werden sie in der Regel direkt auf dem Platz eingeschläfert. Auch das plötzliche Zusammenbrechen mit Todesfolge während des Springreitens durch einen Riss der Hauptschlagader (Aorta) tritt bei Pferden im Leistungssport häufiger auf.

Rennsport: Mit Peitschenschlägen zum Ziel
Der Umsatz imRennsport in Deutschland liegt bei jährlich 33 Mio. Euro. Bereits im Alter von zwei Jahren müssen die Pferde im Rennsport erste Rennen laufen. Ihr Skelett ist noch völlig unausgereift und kann den hohen Belastungen auf der Rennbahn nicht standhalten.
Im Galopprennsport werden meist englische Vollblüter eingesetzt, die speziell für diesen Sport und nur auf Schnelligkeit gezüchtet werden.
Durch Peitschenschläge werden die Pferde bis über ihre Leistungsgrenze hinaus angetrieben. Die äußerste Hautschicht von Pferden ist dünner und schmerzempfindlicher als die des Menschen. Eine Studie zum Peitschengebrauch von Jockeys belegte, dass 64 Prozent der Schläge mit dem ungepolsterten Teil der Peitsche trafen und mehr als 75 Prozent an besonders empfindlichen Stellen des Bauches oder der Flanken auftrafen. Verstöße gegen die Rennregeln durch „falschen“ Peitscheneinsatz können aber mangels geeigneter Technik kaum festgestellt oder geahndet werden.

Tödliche Folgen durch Doping und Überlastung
Auf Amerikas Rennbahnen sterben im Schnitt 24 Pferde jede Woche. Illegales Doping mit verschiedenen chemischen Substanzen wie z.B. Cobragift, Viagra oder Blutdopingmittel ist an der Tagesordnung. Am häufigsten werden jedoch Schmerzmittel zur Kaschierung von Verletzungen der Pferde eingesetzt. Dann überlasten sich die Tiere und es kommt häufig zu fatalen Verletzungen. PETA fand heraus, dass zwischen 2011 und 2013 mindestens 44 Pferde in Deutschland durch Pferderennen gestorben sind. Der ehemalige Rennbahntierarzt der Galopprennbahn München Riem, Maximilian Pick, sagt, er allein habe in seiner Arbeit auf der Rennbahn drei bis vier Pferde pro Jahr direkt auf der Bahn eingeschläfert [4]. Bei Stürzen oder einfach durch Überlastung erleiden die Tiere neben Knochenbrüchen, Lungenbluten oder Herzkreislaufversagen auch besonders häufig Sehnenschäden. Auch hier bedeuten Verletzungen für die Pferde meist nicht nur das Ende der Karriere, sondern auch den Tod.

Stress, Gewalt und Angst
Für Rennpferde bedeutet der Alltag Stress, Gewalt und Angst. 80 bis 90 Prozent  leiden an Magengeschwüren [5]. Pick nennt den Lauf der Tiere auf der Rennbahn einen „Angst-Galopp“. Nur die extreme Angst der Tiere mache es möglich, dass sie sich beim Rennen völlig verausgaben und die hohen Geschwindigkeiten erreichen [6]. Teilweise können die panischen Pferde nur mit Hilfe mehrerer Personen und mit Kapuzen geblendet und unter Einsatz schmerzhafter Gebisse in die Startboxen gezwängt werden. Rennpferde stehen in der Regel 23 Stunden am Tag in der Box und werden eine Stunde am Tag trainiert. Weidegang und Kontakt zu Artgenossen gelten als Verletzungsrisiko. Die physischen und psychischen Schäden dieser Haltung können gravierend sein.

Gnadenlose Auslese
In der Vollblutzucht gibt es eine große Überproduktion. Von tausenden Pferden, die jedes Jahr gezüchtet werden, schafft es nur ein Bruchteil zu größeren Rennveranstaltungen. Im Vergleich zu anderen Pferde“sportarten“ gibt es im Galopprennsport überdurchschnittlich viele Tiere, die wegen Verletzungen oder mangelnder Leistung frühzeitig aussortiert werden. Meist landen sie beim Schlachter. Der Wertverfall von Rennpferden, die den Anforderungen ihrer Besitzer nicht gerecht werden, ist enorm. In den USA werden jährlich ca. 10.000 Vollblüter über die Grenzen nach Kanada und Mexiko verfrachtet und geschlachtet.

Leidensdruck bei Trabrennen
Neben dem Galopprennsport gibt es noch weitere Rennsportarten, beispielsweise das Trabrennen. Die Pferdewerden dabei geritten oder ziehen einen Wagen mit dem Fahrer. Für Pferde ist es völlig unnatürlich, im Trab diese hohen Geschwindigkeiten zu erreichen. Ein sogenannter Aufsatzzügel zwingt den Kopf in eine aufrechte Position, was ein Angaloppieren des Pferdeserschweren soll. Die Fehlbelastung führt zu einer Versteifung und Verkrümmung der Wirbelsäule, mit Verspannungen und Verschleiß als Folge [7]. Die Verletzungsgefahren sind ähnlich wie beim Galopprennen, mit dem Zusatzrisiko der angehängten Wagen. Stürzt ein Pferd, können die anderen meist nicht mehr ausweichen und stürzen ebenfalls schwer in die anderen Tiere hinein.

Kritik an neuen Leitlinien
Im August legte das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) einen neuen Entwurf für die „Leitlinien für den Tierschutz im Pferdesport“ vor. Es ist zwar begrüßenswert, dass die 25 Jahre alten Leitlinien überarbeitet wurden, dennoch ist Kritik angebracht. Die Deutsche Juristischen Gesellschaft für Tierschutzrecht e.V. (DJGT) kommt zu dem Ergebnis, dass die geplanten Änderungen der Leitlinien nicht ausreichend sind, um dem Auftrag aus Art. 20a GG Rechnung zu tragen. So ist die Rollkur nach Ansicht des BMEL nur unter bestimmten Umständen tierschutzwidrig. Keine Spur von einem klaren Verbot. Mehrere Gerichte urteilten, dass es in jedem Fall zu Leiden kommt, wenn der Kopf bis hinter die Senkrechte nach unten gebunden wird. Auch beim Doping schafft der Entwurf zu viele Schlupflöcher. Hinzu kommt, dass dem Gremium, das die Leitlinien erstellt hat, keine Tierschutzvertreter mehr angehören – das BMEL überarbeitete die Texte im Alleingang. Dabei wäre ein Mehr an Tierschutz dringend geboten.

Quellen:
[1] Ethische Missstände im kontemporären Pferdesport, Doris Schneeberger, Published via Lulu.com, 2013, S.62

[2] https://www.pro-equo-bw.com/berichte/pferdesport-und-tierschutz/

[3] DER SPIEGEL 45/2008: Chronisch in Behandlung.
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-61822112.html

[4] Deutschlandfunk Kultur: Wenn Pferde beim Rennsport verunglücken - Kein Requiem für Simply Jonathan. 

[5] Nieto, J. (2012):  Diagnosing and Treating Gastric Ulcers in Horses. In: CEH Horse Report, Center for Equine Health, University of California

[6] www.ndr.de

[7] Stodulka, R. (2006): Medizinische Reitlehre - Trainingsbedingte Probleme verstehen, vermeiden, beheben. Parey in MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG, Stuttgart. S.74

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