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Tierschutz ist ein gesamtgesellschaftlicher Bildungsauftrag

foto madeleine martin webDr. Madeleine Martin ist seit 1992 Landestierschutzbeauftragte im Hessischen Ministerium für Umwelt, Energie, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Die studierte Tierärztin, die über die „Entwicklung des Tierschutzes und seiner Organisationen im deutschsprachigen Raum“ promovierte, beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit grundsätzlichen Verbesserungen im Tierschutz, gesellschaftlichen Veränderungen und politischen Weichenstellungen. Als Landestierschutzbeauftragte in Hessen hat sie einen umfassenden Beratungsauftrag in Tierschutzfragen, zum Beispiel Bürgersprechstunden und Teilnahme an Tierschutzveranstaltungen, aber auch für Schul- und Kindergartenprojekte. Im Interview berichtet sie, was sich ändern muss, damit Tierschutz und Tierrechte an allen Kitas und Schulen unterrichtet werden. Besonders wichtig ist für Sie, dass der Tierschutz fest in Lehrplänen und in den Lehramtsprüfungen verankert wird.


Tierrechte: Frau Dr. Martin, der Tierschutz ist ein kulturelles Gut. Sind Sie mit uns der Auffassung, dass es sich bei der Vermittlung tierschutzrelevanter Themen im Schulunterricht um einen Bildungsauftrag handelt?

Dr. Madeleine Martin: Ja, natürlich, der Tierschutz ist ein gesamtgesellschaftlicher Bildungsauftrag. Es geht im Kern um die ethische Frage: Wie gehe ich mit Schwächeren oder mit Andersartigen um? Anders kann man es im Grunde nicht begründen. Wenn vom Bildungsauftrag im Hinblick auf die Naturwissenschaften gesprochen wird, dann aber meist nur um Mathematik, Physik, Biologie und Chemie und um das Auswendiglernen von Formeln. Dabei wird völlig außer Acht gelassen, dass sehr viel in den Naturwissenschaften auf Beobachtung beruht. Ruhig und differenziert beobachten können ist gerade für Naturwissenschaften durchaus wichtig. Das könnten die Schulen prinzipiell auch leisten – aber dieser Blickwinkel wird bisher überhaupt nicht auf die Fragestellung „Tierschutz“ gerichtet.

Tierrechte: Wenn aber Schule Lebenswelt „im Kleinen“ sein soll, gehört dazu auch die Reflexion des menschlichen Umgangs mit Tieren. Warum wird dem Thema Tierschutz/Tierrechte in Kitas und an Schulen nach wie vor so wenig Raum zugestanden?

Dr. Madeleine Martin: Im schulischen Bereich liegt das meines Erachtens unter anderem an den gedrängten Lehrplänen und an der Verkürzung der Schulzeit am Gymnasium. Dadurch, dass die Gymnasialempfehlung eine solche Wertigkeit bekommen hat, ist in den Grundschulen der Druck ab dem 3. Schuljahr weitaus höher als noch vor einigen Jahren. Und das führt dazu, dass die persönlichkeitsbildende Förderung und ethische Themen wie Tierschutz auf der Strecke bleiben, während das theoretische, reproduzierbare Wissen einen hohen Stellenwert hat. Letztlich geht es vor allem um die wirtschaftliche Verwertbarkeit von Wissen. Kinder und Jugendliche haben zunehmend Probleme in den sozialen Interaktionen. Sie können z.B. die non-verbale Kommunikation wie Gestik, Mimik und Körperhaltung oft nicht mehr entschlüsseln. Das Bildungssystem enthält solches nicht und es ist dafür keine Zeit.

Tierrechte: Der verdichtete Unterricht und die mangelnde Zeit sind Ihrer Meinung Hauptgründe, warum das Thema Tierschutz im Unterricht kaum behandelt wird?

Dr. Madeleine Martin: Ja, es wird eben nicht viel Wert auf kreative Fächer und ethische Fragen gelegt. Wo soll da noch Raum für Tierschutz sein? Dabei könnte man das Thema sinnvoll integrieren. In den naturwissenschaftlichen Fächern könnten die Schüler durch das Beobachten von „Nutztieren“ viele relevante Dinge lernen.

Tierrechte: Wie vermitteln Sie als Tierschutzbeauftragte im Rahmen der Schulprojekte die komplexe Problematik Tierschutz?

Dr. Madeleine Martin: Wir führten bereits 1995 das erste Lehrmittel für Tierschutz überhaupt ein und haben umfassende Materialien wie die Tierschutzfibel erstellt. Mittlerweile stellen auch viele Tierschutzorganisationen gute Lehrmaterialien zur Verfügung.

Tierrechte: Wenn die Vermittlung der Thematik aber sozusagen von außen und nicht über „offizielle“ Lehrmaterialien kommt, ist es letztlich abhängig von der Freiwilligkeit der Lehrer, das Thema im Unterricht aufzugreifen?

Dr. Madeleine Martin: Ja, deshalb wird das Thema bislang auch nur von einem kleinen Teil persönlich interessierter und engagierter Lehrer unterrichtet. Die Forderung an das Kultusministerium, Tierschutz in den Lehrplänen aufzunehmen, wurde bei uns in Hessen schon vor Jahren folgendermaßen beantwortet: „Thematisch kommen die Tiere und ihre Umwelt in den Lehrplänen vor. Die Lehrer müssen das umsetzen“. Für das Kultusministerium in Hessen steht der Tierschutz drin, weil die die Begriffe Tiere und ihre Umwelt vorkommen. Die Realität der Lehrvermittlung sieht aber völlig anders aus.

Tierrechte: Woran liegt das? Das Verhältnis Tier und Mensch wird derzeit in den Medien und Gesellschaft lebhaft diskutiert. Ist das in den Schulen nicht angekommen?

Dr. Madeleine Martin: Das liegt unter anderem auch an der Lehrerfortbildung. Wir haben Fortbildungen für den Tierschutz angeboten. Die Nachfrage war minimal! Das liegt wohl auch daran, dass das Thema in der Lehrerausbildung keine Rolle spielt und nicht geprüft wird. Tierschutz kommt meines Erachtens nur dann in die Lehrpläne, wenn diese Thematik auch verbindlich in den Lehramtsprüfungen vorgeschrieben ist. Ein weiterer Punkt ist der, dass noch vor 30 bis 40 Jahren sozialkritische Themen, gerade die Umweltfrage, intensiv in den Schulen diskutiert wurden, das erscheint mir heute eher weniger, aus obigen Gründen.

Tierrechte: Wie aber könnten Tierschutz und Tierrechte verbindlich in die Lehrpläne der Länder aufgenommen werden?

Dr. Madeleine Martin: Wenn Tierschutz im Lehrplan stünde und auch geprüft würde, dann würde es auch unterrichtet werden. Sicher gibt es die eine oder andere Reformschule, die dieses Thema aufgreift. Die Frage ist aber grundsätzlich: Was erachten wir als so wichtig, dass wir es zu unserer Allgemeinbildung zählen und unterrichten. Das Thema in die Lehrpläne verbindlich aufzunehmen funktioniert nur, indem man die Kultusminister überzeugt. Wenn man einen grünen oder einen linken Kultusminister hätte, dann wären die Chancen vielleicht besser. Im Grunde bräuchten wir grundlegende Änderungen im gesamten Bildungssystem, um dahin zu kommen.

Tierrechte: Welche Maßnahmen halten Sie persönlich für zielführend, um Tierschutzwissen in den Schulen zu vermitteln? Was genau müsste sich ändern?

Dr. Madeleine Martin: Wenn man achtsame, engagierte Lehrer hat, die sich für Tierrechte und Tierschutz interessieren, dann wird das auch gelehrt. Es existieren inzwischen genug gute Lehrmaterialien. Außerdem gibt es sehr gut ausgebildete Tierschutzlehrer und Tierheimmitarbeiter, die an die Schulen gehen. Das sind alles wunderbare Angebote – sie reichen aber bei Weitem nicht aus. Andererseits wären die gesellschaftlichen Debatten, die heute in Bezug auf die Massentierhaltung geführt werden, vor 20 Jahren gar nicht möglich gewesen – das macht Hoffnung, und gibt engagierten Menschen die Kraft weiterzumachen.

Tierrechte: Wie vermitteln Sie im Rahmen Ihres Kindergarten-Projektes den Kleinsten die komplexe Problematik Tierschutz?

Dr. Madeleine Martin: Kinder können am Beispiel des Tierschutzes sehr vieles lernen. Mittlerweile haben wir auch in den Kindergärten die Tendenz, dass alles mit Blick in Richtung Leistung und Wirtschaft lernoptimiert werden muss. Das Tierschutzprojekt für den Kindergarten ist interaktiv. Die Bereiche Essen, Trinken, Wohnen, Freunde und Sprache der Tiere werden darin spielerisch vermittelt. Die Kinder sollen zum Beispiel klettern wie Katzen oder hüpfen wie die Kaninchen. Und dann sollen sie in einem Käfig hüpfen. Ganz schnell stellen sie dabei fest, dass sie sich in dem Käfig eben nicht mehr richtig bewegen können. Eine andere Herangehensweise ist es, die Kinder zu fragen, ob sie uns ohne Worte zeigen können, dass sie traurig sind – es geht also auch um das Einüben der non-verbalen Kommunikation.

Tierrechte: Können Sie noch ein paar konkrete Beispiele nennen, wie Sie das vermitteln?

Dr. Madeleine Martin: Wir haben ein beispielsweise riesiges Plakat dabei, wo die Kinder an einem Hund die groben Kommunikationszeichen erkennen sollen. Wo stehen z. B. die Ohren, wenn er traurig, wütend oder in Spiellaune ist. Und dann erklären wir ihnen, dass dies die Sprache eines Hundes ist. Ich spreche die Kinder auch immer noch in Englisch und Französisch an und erkläre ihnen: „So, wie ihr diese Sprachen lernt, müsst ihr die Sprache der Tiere lernen Sonst werdet ihr nie verstehen, was euer Haustier will“. Ähnlich vermitteln wir den Kindern auch die Haltung von sogenannten Nutztieren, zum Beispiel mit dem Schweineprojekt. In Mastbetrieben erhalten Schweine kein strukturiertes Futter, sondern Brei. Diesen rühren wir für die Kinder an und fordern sie auf, ihn zu probieren. Das sind für die Kinder sehr eindrückliche, sinnliche Erfahrungen und lassen sie nachfühlen, wie sich ein intelligentes Tier wie ein Schwein fühlen muss.

Tierrechte: Wie stark ist die Resonanz auf dieses Angebot (der Kindergärten, der Erzieher und der Eltern)?

Dr. Madeleine Martin: Wir haben zwar begeisterte Resonanz auf unsere Angebote, doch dies ist noch viel zu wenig, denn wir können nur regional Angebote machen. Für die Kindergärten ist dies sehr interessant, denn wir haben ein ganzes Paket für dieses Kindergartenprojekt wie verschiedene Materialien, Veranstaltungen, außerdem gehen wir in die Kindergärten – alles kostenfrei.

Tierrechte: Ihre Tierschutzfibel findet regen Zuspruch, Sie haben auch eine Basisfibel in mehreren Sprachen aufgelegt.

Dr. Madeleine Martin: Wir haben, je nach Region, in den Kindergärten einen sehr hohen Anteil an Kindern und Eltern, die kaum ein Wort Deutsch sprechen. Deswegen haben wir unsere Heimtierbibel in sieben Sprachen übersetzt. Wir haben auch eine Basisfibel erstellt, in der wir uns auf die unterschiedlichen Religionen beziehen. Diese Fibeln sind äußerst beliebt und werden häufig bestellt. Um auch sie in unterschiedliche Sprache zu übersetzen, bräuchten wir allerdings einen Mäzen, der dies finanziell unterstützt.

Tierrechte: Erachten Sie Vorschläge wie die Einrichtung einer Enquete-Kommission vom Bund, die Einrichtung von Bürgerforen und generell die Beteiligung von Bürgern als sinnvolle Maßnahmen, dem Tierschutz zu mehr gesellschaftlicher Akzeptanz zu verhelfen?

Dr. Madeleine Martin: Ja, denn es ist eine Grundfrage, wie wir unseren Staat gestalten wollen. Von daher ist es sinnvoll, Diskussionen zu diesem  Thema basisdemokratisch in Gang zu bringen.

Die Fragen stellte Steffanie Richter

Info
Dr. Madeleine Martin hat zahlreiche Schriften zum Tierschutz verfasst, unter anderem eine Basisfibel zum Thema Tierschutz, die Kindern vermitteln soll, warum es wichtig ist, Tiere zu schützen und warum man jedem Tier mit Respekt und Wertschätzung begegnen muss. Die Tierschutzfibel informiert in kindgerechter, reich bebilderter Form und anhand von Beispielen gängiger Tierarten über das Thema. Sie können die Tierschutzfibel bestellen bzw. herunterladen unter: www.tierschutz.hessen.de.

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