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Jeder trägt Verantwortung

murken jpgChrista Murken ist promovierte Kunst- und Kulturhistorikerin. In ihrem anschaulich bebilderten Buch „Animal Turn. Auf der Suche nach einem neuen Umgang mit Tieren“ informiert sie in übersichtlichen Kapiteln über die unterschiedlichen Aspekte unseres heutigen Umgangs mit Tieren und skizziert Lösungsmöglichkeiten für die Zukunft. Im Interview stellt sie die Grundgedanken und Ziele ihres Werks vor. 

Tierrechte: Gab es einen konkreten Anlass oder ein Schlüsselerlebnis für das Schreiben Ihres Buches „Animal Turn“?

Dr. Christa Murken: Es bedarf heute keines Schlüsselerlebnisses mehr, um sich dem Tierschutz mit einem besonderen Engagement zuzuwenden. Die Medien konfrontieren uns zunehmend mit den qualvollen Haltungsformen der Nutztiere im Rahmen der industriellen Massentierhaltung. Längst richtet sich die Aufmerksamkeit auch auf das dramatisch fortschreitende Artensterben, auf die Freizeitjagd, auf die Pelztierzucht oder die Zurschaustellung von Primaten in Zoos. Keiner kann heute mehr behaupten, dass er von diesen Zuständen nichts weiß. Ist man einmal sensibilisiert, so gibt es kaum mehr eine Umkehr. Wenn man bereits Bücher geschrieben hat, dann ist es naheliegend, hier ein Instrument zu nutzen, um auf die unhaltbaren Zustände der Tierhaltung und Tiernutzung hinzuweisen. Das Medium Buch kann sicherlich nicht alle erreichen. Doch ich erhoffe mir davon, dass es zumindest in bestimmten Kreisen der Debatte um einen erweiterten Tierrechtsbegriff zuzuarbeiten vermag. Schlüsselerlebnisse gab es aber dennoch: Eines von ihnen war das im Buch abgebildete dpa-Foto aus dem Jahre 2011 von einem am Spieß rotierenden Ferkel im Hildesheimer Dom.

Tierrechte: Was möchten Sie mit Ihrem Buch erreichen?

Dr. Christa Murken: Das Anliegen dieses Buches ist es in erster Linie, auf die organisierte Tierquälerei unserer Zeit hinzuweisen. Nicht wenige Praktiken müssten als Straftaten bezeichnet werden, hätten die Gesetzestexte zum Schutz der Tiere nicht vorsorglich einen großen Ermessensspielraum vorgesehen. Vor allem aber muss der im §1 festgeschriebene Grundsatz „Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schaden zufügen“ als ein Freibrief zum Missbrauch und zum Töten von Tieren betrachtet werden. Nach wie vor sind die den Tieren zugefügte Qualen und Tötungsvorgänge sowohl qualitativ als auch quantitativ unglaublich hoch. Und das in einer Zeit, in der wir Tiere für unser Überleben in keiner Weise mehr brauchen, weder für unsere Nahrung, noch für unsere Kleidung, noch als Rohstofflieferanten. Über diesen Umstand ist bisher nur wenig nachgedacht worden.

Von einer großen Tragweite muss schließlich unser heutiges Wissen sein, dass alle Wirbeltiere, unter ihnen ganz besonders die Säugetiere, nicht nur über ein hohes Schmerz- und Empfindungsvermögen, sondern teilweise auch über beachtliche kognitive Fähigkeiten und über Formen des Bewusstseins verfügen. Die Forschungsergebnisse von Tiermedizinern, Neurobiologen und Verhaltensforschern auf diesem Gebiet, die in Zukunft wahrscheinlich noch viel mehr erwarten lassen, müssen für uns Menschen von einer großen moralischen Bedeutung sein. Hier spielen die Positionen der Tierethik – von der Mitleidsethik bis zum Utilitarismus – eine besondere Rolle, die dem Leser in diesem Buch nahegebracht werden sollen. Doch nicht nur das Denken der Philosophen, auch die Gedankengebäude der Weltreligionen, haben einen großen Einfluss auf unseren Umgang mit Tieren genommen. All diese Forschungsfelder machten es notwendig, die Geschichte, die Gegenwart und die Zukunft der Mensch-Tier-Beziehung in einen interdisziplinären Zusammenhang zu bringen.

Ein ganz zentraler Stellenwert kommt dem deutschen Tierschutzgesetz zu. Dieses hat zwar im internationalen Vergleich einen hohen Standard, doch es stellt keine tragende rechtliche Grundlage dafür dar, die Grundrechte des Menschen zugunsten der Tiere zu beschneiden. Denn zu diesen Grundrechten gehört auch die verfassungsrechtlich geschützte Eigentums- und Berufsfreiheit des Menschen, welche die meisten Paragrafen zum Schutz der Tiere wieder zunichtemacht. Dem Staat gelingt es nicht wirklich, Tiere durch die vollziehende Gewalt zu schützen. Dazu kommt eine fehlgesteuerte Agrarpolitik, welche Natur- und Umweltzerstörungen mit sich bringt, weshalb viele frei lebende Tiere zunehmend um ihr Überleben kämpfen müssen. Das alles sollte für uns Bürger ein Grund sein, sich einzumischen und von unserer eigenen Vernunft Gebrauch zu machen.

Mein Buch versucht daher über die anklagenden Momente hinaus Möglichkeiten aufzuweisen, was jeder Einzelne dazu beitragen kann, um Tieren mehr Schutz und Gerechtigkeit zukommen zu lassen. Diese reichen vom Konsumverzicht und dem Pflanzen von Bäumen und Hecken im eigenen Garten bis zur Bedeutung einer ökologischen Bauweise und einer weitschauenden Landschaftsplanung. Gerade wenn es um die biologische Vielfalt und um Naturkreisläufe geht, auf welche Tiere ganz elementar angewiesen sind, wird ersichtlich, dass tierethische Debatten immer auch umweltethische und naturethische Positionen beinhalten.
Es war mir wichtig aufzuzeigen, dass Protest alleine nicht reicht, dass vielmehr bestimmte Wege beschritten werden müssen, um dem Elend der Tiere tatkräftig entgegenzuwirken. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass das Individuum alleine nichts dazu beitragen kann, wenn es gilt, Verhältnisse zu ändern. Denn viele Einzelne können immerhin zu einer großen gesellschaftlichen Kraft werden.

Tierrechte: An welche Zielgruppe richtet sich Ihr Buch?

Dr. Christa Murken: Einen über 50-Jährigen, der sich „nicht mehr die Salami vom Brot nehmen lassen will“, kann man kaum mehr in seinen Konsumgewohnheiten beeinflussen. Diese Bevölkerungsgruppe ist nur schwer davon zu überzeugen, dass ihr Verhalten sowohl moralisch anfechtbar ist als auch ökologische Konsequenzen nach sich zieht. Da es in der Entwicklungsbiologie des Menschen begründet ist, dass er sich umso mehr formen lässt, je jünger er ist, richtet sich dieses Buch in erster Linie an die jüngere Generation. In ihrer Hand liegt schließlich die Zukunft. Viele der heute unter Vierzigjährigen zeigen durch ein verändertes Konsumverhalten und die Verschiebung von Werten, dass sie bereits in der Postwachstumsgesellschaft angekommen sind.
Zur Zielgruppe dieses Buches gehören aber auch Eltern, Erzieher, Lehrer, Krankenhausmediziner und Kantinenbetreiber. Sie alle tragen besonders da eine große Verantwortung, wo es um die Ernährung vieler geht. Freiwillige Vereinbarungen, vor allem, wenn es gilt, die bisherige Qualmast in eine Fair-Mast umzuwandeln, sind aber letztlich nicht tragfähig genug, um eine grundsätzliche Wende einzuleiten. Hier müssen Gesetze verabschiedet werden. Deshalb richtet sich dieses Buch auch an politische Entscheidungsträger.

Tierrechte: Was waren die entscheidenden Fragen bei der Konzeption?

Dr. Christa Murken: Es gibt ja inzwischen zahlreiche Bücher zum Thema „Tierethik“, zur Soziologie der Mensch-Tier-Beziehung, aber auch zu Einzelthemen wie Mast und Schlachtung, Jagd, Tierversuche und vielen andere mehr. Mein Buch hat zum Ziel, die vielfältigen Beziehungen, die es zwischen Menschen und Tieren gibt, in einen Zusammenhang zu bringen, welcher die kulturhistorischen, politischen, wissenschaftlichen und juristischen Hintergründe mit einbezieht.
Gerade wegen der sehr komplexen Thematik schien es mir darüber hinaus wichtig, das Buch durch Anmerkungen und durch ein umfangreiches Sachregister zu einem weiterführenden Nachschlagewerk zu machen. Ein besonderes Anliegen war es mir, den Text durch Bilder aufzulockern, und zwar durch Gemälde und Fotografien, die eher berühren und nachdenklich stimmen, als schockieren.

Tierrechte: Hat sich beim Schreiben Ihre Einstellung zum Mensch-Tier-Verhältnis verändert?

Dr. Christa Murken: Hier verhält es sich wie mit allen anderen Bereichen auch: Je mehr man über etwas weiß, je größer der Erkenntnisgewinn ist, desto faszinierter ist man. Ich habe nicht unbedingt zu denjenigen gehört, die Tiere über alle Maßen lieben. Doch Tiere waren für mich immer liebenswerte und interessante, zugleich auch anrührende Geschöpfe, die dem Menschen schutzbefohlen sind. Sie zu essen habe ich früh abgelehnt. Vor allem aber hielt ich es für meine Kinder wichtig, im Umgang mit Tieren Verantwortung zu entwickeln.
Seit ich über das Schreiben dieses Buches in die geheimnisvolle reiche Welt der Tiere eingestiegen bin, hat sich über den bisherigen Respekt hinaus eine große Bewunderung dafür eingestellt, dass jedes Tier ein hochkomplexes Lebewesen darstellt. Besonders fasziniert hat mich die evolutionsbiologische Nähe von hochentwickelten Tieren zum Menschen. Bei aller evolutionären Nähe bin ich aber der Meinung, dass man Tiere nicht vermenschlichen sollte. Sie führen innerhalb ihrer Gattung ein ganz eigenes Sein, das parallel zu dem von uns Menschen existiert.
Ich würde mir wünschen, dass es dem Leser dieses Buches wie mir selbst geht, dass nämlich mit dem zunehmenden Wissen über Tiere auch die Verantwortung für sie wächst.

Tierrechte: Sie schreiben auch Kinderbücher. Welche Bedeutung haben für Sie die Themen Tierschutz und Tierrechte in der frühkindlichen Bildung?

Dr. Christa Murken: Die Bedeutsamkeit eines achtsamen Umgangs mit Tieren, nimmt einen nicht zu unterschätzenden Stellenwert in der frühkindlichen Bildung ein. Und da sie gar nicht früh genug beginnen kann, gehört sie zur Erziehung im Kindergarten und in die Lehrpläne von Schulen. Über die Wissensvermittlung hinaus ist aber auch das Vorbild der Eltern eminent wichtig, weil Kinder auf Nachahmung angelegt sind. Von einer nicht minderen Bedeutung ist es aber, die Kindheit selbst frei von Gewalt, Erniedrigung und Unterdrückung zu halten. Denn nicht selten werden die hier gewonnenen Erfahrungen später weitergetragen und frühe traumatische Erfahrungen an Schwächeren ausgelebt.

Tierrechte: Wie schätzen Sie die Bedeutung von Tierschutz- und Tierrechtsorganisationen für die Entwicklung der Mensch-Tier-Beziehung ein?

Dr. Christa Murken: Ohne die wertvolle Arbeit der organisierten Tierschutz- und Tierrechtsbewegung wäre der Schutz der Tiere bisher wohl kaum ein Staatsziel mit Verfassungsrang geworden. Heute setzen sich dem Tierschutz verpflichtete Juristen zum Ziel, bewusstseinsfähigen Tieren wie Menschenaffen Grundrechte zu verschaffen. Es ist auch der Überzeugungs- und Aufklärungsarbeit von Tierrechtsorganisationen – hier vor allem dem Verein „Menschen für Tierrechte – Bundesverband der Tierversuchsgegner“ – zuzuschreiben, dass Tierversuche ins Visier massiver Kritik geraten. Tierschutz- und Tierrechtsorganisationen haben es darüber hinaus erreicht, dass viele tierquälerische Praktiken in der Jagd inzwischen verboten worden sind und dass das Elend in der Massentierhaltung zumindest ein wenig eingedämmt werden konnte. Als ein besonders großer Erfolg muss es bewertet werden, dass bereits mehrere Bundesländer die Tierschutzverbandsklage zugelassen haben. Ganz wichtig scheint mir, dass Tierschutz- und Tierrechtsorganisationen die Tiere nicht nur mit Worten, sondern auch mit Fotos und Videos aus der Anonymität holen. Denn die Unsichtbarkeit all der leidenden Tiere ist letztlich die Hauptursache dafür, dass für sie so wenig Empathie aufgebracht werden kann.

Tierrechte: Die Mensch-Tier-Beziehung ist zunehmend Gegenstand der wissenschaftlichen Forschung und gesellschaftlicher Debatten, die vegane Ernährung boomt. Wie ist Ihr Empfinden - handelt es sich dabei lediglich um einen kurzfristigen Trend oder beginnen wir unseren Umgang mit Tieren grundsätzlich zu überdenken?

Dr. Christa Murken: Eine neue Einstellung zu Tieren ist unübersehbar. Dafür sprechen die zunehmenden Tierwohl-Initiativen und Protestaktionen, seien sie gegen die Massentierhaltung, gegen Affenversuche, gegen die Jagd oder gegen Delfinarien. Dieser Bewusstseinswandel wird begleitet von Schriften und Bücher zur Tierethik, zum Tierschutz und zum Vegetarismus. Wie einleitend gesagt, finden die Anliegen der Tierschützer auch immer mehr Unterstützung durch die Medien. Es sind vor allem die untragbaren Missstände in der Massentierhaltung, die sich einer wachsenden publizistischen Kritik aussetzen müssen. Es gibt aber auch andere Anzeichen aus der Bevölkerung selbst, die darauf hoffen lassen, dass das neue Interesse an Tieren nicht nur vorübergehender Natur ist. Zu diesen gehört in erster Linie, dass die Nachfrage nach Fleisch sinkt. Dies hat zur Folge, dass sich plötzlich nicht mehr der Vegetarier, sondern der Fleischesser in die Defensive gedrängt fühlt. Zugleich steigt die Zahl der Verfahren gegen Tierquälerei. Umfragen zufolge sprechen sich weit mehr Bürger als früher für mehr Tierschutz aus.
Ein interessantes Phänomen ist es schließlich, dass sich viele Städter ganz fürsorglich um Tiere kümmern, die in der freien Natur nicht mehr überleben können und daher im urbanen Umfeld des Menschen Schutz und Nahrung suchen. Aber auch einige Stadtplaner und Architekten arbeiten zusammen mit Ökologen bereits an Konzepten, um Tieren ein artgerechtes Umfeld inmitten einer dichten Besiedlung zu schaffen.
Dies alles sind Anzeichen dafür, dass der Tierrechtsgedanke zumindest in unserer westeuropäischen Gesellschaft eine immer größere Akzeptanz findet. Jetzt ist es an der Politik, für einen verbesserten Tierschutz zu sorgen und damit nicht zuletzt den Willen der Bürger zu respektieren. Das bedeutet in erster Line Reformen in der Agrarpolitik einzuleiten und längst fällige Gesetzesentwürfe zu erlassen, die den heutigen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen über die Schmerz- und Leidensfähigkeit der Tiere Rechnung tragen.

Die Fragen stellte Steffanie Richter

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