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Ohne Tiere lässt sich die menschliche Geschichte nicht erklären

roscher mieke 06 webMieke Roscher ist Professorin an der Universität Kassel und Inhaberin des ersten Lehrstuhls für Human-Animal-Studies (1) im Fachbereich Gesellschaftswissenschaften. 2008 promovierte sie zur Geschichte der britischen Tierrechtsbewegung. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen die Tiergeschichte und die Human-Animal-Studies sowie die Geschichte Sozialer Bewegungen. Sie ist assoziierte Wissenschaftlerin am New Zealand Centre for Human Animal Studies. Im Interview berichtet sie über den Forschungsboom in diesem Bereich, über begeisterte Studierende und wie Tiere die Geschichte beeinflusst haben.

Tierrechte: Obwohl die Human-Animal Studies akademisch gesehen eine junge Disziplin sind, haben sich bereits einige dominante Forschungsschwerpunkte herausgebildet. Mit welchen Schwerpunkten beschäftigen Sie sich innerhalb Ihres Forschungsgebietes der Tiergeschichte?

Prof. Mieke Roscher: Die historisch orientierten Untersuchungen im Bereich der Human-Animal Studies erhoffen sich über die Untersuchung von Tier-Mensch-Verhältnissen neue Zugriffe auf die menschliche Geschichte zu gewinnen. Das Tier selbst im Mittelpunkt der Untersuchung. Zum einen sind das historiografische* und geschichtstheoretische Fragen, mit denen ich mich beschäftige. Zum anderen befasse ich mich mit der empirischen Umsetzung, die aus diesen Arbeiten folgen. Bei den historiografischen Fragen geht es um geeignete historische Quellen und darum, welche Methoden wir brauchen, um diese Quellen lesen. Weiterhin interessiert uns die Frage der Einordnung von Tieren in die menschlichen Epocheneinteilungen. Wir fragen nach besonderen „Tierzeiten“ quer zu diesen menschlichen Epocheneinteilungen und Zäsuren.

Tierrechte: Können Sie uns das an einem Beispiel erklären?

Prof. Mieke Roscher: Ja, nehmen wir zum Beispiel das 20. Jahrhundert in der deutschen Geschichte. Hier haben wir drei große Zäsuren: Der erste und der zweite Weltkrieg und die Blockkonfrontation, also der Kalte Krieg, und die Auflösung der Blockkonfrontation. Die Frage lautet: Waren für die Tiere diese Einschneidungen genauso wichtig wie für die Menschen? Im ersten Weltkrieg war das ganz sicher der Fall, denn in diesem Krieg waren sehr viele Tiere involviert, natürlich unfreiwillig. Sie haben unter diesem Krieg genauso gelitten und diesen genauso als Katastrophe erfahren wie Menschen auch. Im Giftgaskrieg sind Millionen und aber Millionen von Tieren umgekommen. Im zweiten Weltkrieg sind noch mehr Tiere umgekommen, allein mehr als 1,5 Millionen Pferde an der Ostfront, aber es hat dort keine neue Art des Einschnittes ergeben, denn die Kriegsmaschinerie „funktionierte“ für die meisten Tiere genauso wie im ersten Weltkrieg (Anm. d. Redaktion: Schätzungsweise 14 Millionen Tiere, vor allem Pferde, Maultiere, Tauben und Hunde, letztere sogar in Gasmasken, wurden im Ersten Weltkrieg zu den Waffen gerufen; im Zweiten Weltkrieg waren es fast 30 Millionen. Das Schicksal dieser tierischen Soldaten unterschied sich in nichts von dem der Menschen).
Wenn man sich nun die Auflösung der Blockkonfrontation anschaut, so hatte das keine Auswirkungen für die Tiere, das waren rein menschliche, politische Entscheidungen – vielleicht abgesehen von den Tieren, die in dem Mauerstreifen und entlang der deutsch-deutschen Grenze lebten. Die hatten dort Biotope, die mit der Auflösung der Grenze weggefallen sind.

Tierrechte: Haben Tiere die Geschichte beeinflusst und verändert?

Prof. Mieke Roscher: Dies ist ein weiteres Gebiet, mit dem ich mich beschäftige, und zwar die Frage, inwieweit Tiere historische Akteure sind, inwieweit sie die Geschichte also selbst beeinflusst haben. Wir unterscheiden hier zwischen Wirkmacht und Handlungsmacht. Wirkmacht – also dass Tiere einen Einfluss auf menschliches Handeln hatten – wird inzwischen von keinem Historiker und keiner Historikerin mehr angezweifelt. Denn natürlich haben Tiere Menschen beeinflusst und damit auch die Geschichte verändert. Bei der Handlungsmacht sieht das anders aus, weil hier mit der sogenannten Intentionalität argumentiert wird – also dass man eine Handlung gewollt haben muss, um sie durchzuführen. Da sind wir gerade erst am Anfang. Ein Weg ist die Biografieforschung, d.h. indem man Tiere herausgreift und anhand ihrer Biografie zeigen kann, wie sie bestimmte Handlungen bewirkt haben. Als Beispiel kann man den Eisbären Knut anführen, hierfür eignet sich das Archiv im Berliner Zoo. Wir hatten es mit einem Tier zu tun, das extrem viel Wirkung hatte. Es stehen sehr viele Quellen zur Verfügung, um über ihn eine Biografie zu schreiben, da Zoos über eine recht flächendeckende Beschreibung ihrer Tiere, also Krankenakten usw. verfügen. Das heißt, wir haben über die Tiere sehr viel mehr Informationen als über manche Menschen.

Der zweite Teil meiner Forschungen beschäftigt sich mit empirischen Fragestellungen. Ein Projekt untersucht die Lebenswirklichkeit von Zootieren im geteilten Berlin. Und zwar konkret, wie sich diese ideologisch-politische Aufladung auf das Leben der Zootiere in der geteilten Stadt in zwei unterschiedlichen Zoos ausgewirkt hat und inwieweit Tiere zum Spielball politischer Interessen geworden sind. In einem weiteren Projekt beschäftige ich mich mit Tieren während der Zeit des Nationalsozialismus und der Frage, was diese ideologische Aufladung mit den Tieren gemacht hat. Im Nationalsozialismus ging es um Ausgrenzungsdiskurse antisemitischer Natur. Die Rassenideologie der Nazis ist ein zu eins auch auf die Tiere angewendet worden. Es gab die guten Tiere und die bösen Tiere. Zwar standen Hunde und Pferde in der Nazi-Ideologie extrem hoch – also als Kameraden und treue Freunde – wurden aber zu Millionen an die Fronten geschickt und sind dort umgekommen.

Tierrechte: Wie stark ist das Interesse der Studierenden an diesem Lehrangebot?

Prof. Mieke Roscher: Am Anfang sind die Studierenden eher zurückhaltend und oft wird das Thema als Wissenschaft auch nicht so richtig ernst genommen. Aber im Laufe des Seminars findet eine tiefgreifende Änderung statt. Die Studierenden merken, dass die historische Auseinandersetzung mit Tieren sehr viel erklärt. Es entsteht ein Perspektivenwechsel, der Geschichte neu interpretieren lässt. Die Studierenden sind begeistert.

Tierrechte: In einem Interview in der „taz“ aus dem Jahr 2007 sagten Sie, dass das Thema Tierrechte aus den Medien verschwunden ist. Heute, acht Jahre später, ist es allerdings wieder medial präsent. Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?

Prof. Mieke Roscher: Wir haben es bei sozialen Bewegungen wie die Tierschutz- bzw. Tierrechtsbewegung immer auch mit Schwankungen, also mit Zyklen zu tun. Bestimmte soziale Bewegungen sind zu bestimmten Zeiten besonders wirkmächtig und kommen dann auch stark in die Medien. Nehmen wir das Thema Tierversuche und die Vivisektion. Dieses war im Kaiserreich – also in den 1870er Jahren – in den damals noch sehr spärlichen Medien sehr stark präsent. Danach hatten wir sehr starke Phasen in der Weimarer Republik ebenso wie später in den 1960 Jahren, als auch die Kritik an bestimmten industriellen Maßnahmen aufkochte. In den 1980er Jahren wurde die Thematik noch einmal ganz stark präsent im Zusammenhang mit der Entwicklung der radikalen Tierrechtsbewegung. Auch aktuell haben wir wieder ein Hoch, aber ich denke, dass wir hier durchaus Unterschiede ausmachen können. Zum einen nehme ich persönlich die Bewegung als weniger politisch wahr als noch vor zehn Jahren, denn es dreht sich sehr stark um den Veganismus, um das vegane Wohlfühlen. Meines Erachtens kommt das Tier relativ wenig vor. Es geht derzeit stark um den Menschen, der sich um seiner Gesundheit wegen vegan ernährt, weil es vielleicht gerade trendy ist. Dass das so stark kommen würde, also auch in den Medien, hätte ich ehrlich gesagt nicht gedacht. Dennoch denke ich, dass es gerade weniger darum geht, dass die Tiere leiden, als eher darum, dass der Mensch sich wohlfühlt, in dem was er macht. Das ist schon eine Verschiebung im Diskurs. Tiere sind nicht der Mittelpunkt.

Tierrechte: Die Mensch-Tier-Beziehungen finden immer stärkeren Eingang in die universitäre Lehre. Es wird von einem „Animal Turn“ (2) gesprochen. Welche Chancen sehen Sie an den deutschen Universitäten insgesamt für die weitere Entwicklung der Human-Animal-Studies?

Prof. Mieke Roscher: Es sind in den letzten Jahren an vielen Universitäten in Deutschland regelrechte Leuchttürme entstanden, die meiner Meinung nach auch nicht so schnell wieder verschwinden werden. Es werden gerade mehrere große Anträge an die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gestellt, die sich aus verschiedenen akademischen Richtungen mit der Mensch-Tier-Beziehung befassen. Ich denke, dass wir in den nächsten Jahren noch durchaus mehr Lehre und eine stärkere universitäre Anbindung finden werden. In Kassel werden wie gerade vom Land Hessen gefördert. Das sind 20 Mitarbeiterstellen aus unterschiedlichen Disziplinen wie Geschichtswissenschaft, Kunstwissenschaft, Philosophie, Biologie, Agrarwissenschaft und weitere. Sehr viel wird auch in England, Schweden und vor allem in Australien und Neuseeland geforscht.

Tierrechte: Wie schätzen Sie das ein – handelt es sich dabei lediglich um eine intellektuelle Mode oder erleben wir gerade den Beginn eines grundsätzlichen Umdenkens über unseren Umgang mit Tieren?

Prof. Mieke Roscher: Das ist keine Mode! Die Tiere sind so omnipräsent, dass wir sie in unsere Untersuchungen einbeziehen müssen. Aber daraus, dass nun viel geforscht wird, folgt nicht zwangsläufig, dass sich auch der Umgang mit den Tieren ändert, das sind eher gesellschaftliche Auswirkungen. In der Forschung geht es vor allem darum, sich wissenschaftlich den Tieren zu nähern. Wir Historiker denken natürlich auch in längeren Zeiträumen. Die Emanzipation der Frau ging zum Beispiel auch nicht von heute auf morgen. Wir schauen uns den langfristigen Wandel an und deshalb bin ich vielleicht auch nicht so pessimistisch – denn manche Veränderungen dauern.

Tierrechte: Zu welchen Schlüssen kann eine historische Untersuchung der Mensch-Tier-Beziehung bezüglich der realen Situation der Tiere heute kommen? Sind die Schlüsse von akademischem Interesse oder die Basis für eine gesellschaftliche Entwicklung?

Prof. Mieke Roscher: Um das Hier und Heute zu verstehen, brauchen wir das Wissen um die Vergangenheit. Auch, um damit in zukünftigen Entwicklungen denken zu können. Und ohne Tiere lässt sich die menschliche Geschichte nicht erklären. Wir wollen die Gesellschaft aus der Vergangenheit her erklären. Bestimmte Phänomene kann man sehr gut und für jeden nachvollziehbar begreiflich machen, zum Beispiel die Haustierhaltung. Diese begann im 19. Jahrhundert als bürgerliches Phänomen in großem Stil und hat sich inzwischen zu einem Massenphänomen entwickelt. Auch andere Phänomene wie die Massentierhaltung kann man gut erklären. Diese hat in Deutschland mit der Umstellung auf die Kriegswirtschaft in der 1930er Jahren angefangen. In der NS-Zeit gab es mit den Ernährungsplänen 1934 zur Versorgung der Truppen an der Ostfront einen Umbruch in der Viehwirtschaft.

Tierrechte: Wie bewerten Sie Bedeutung und Einfluss von Tierschutz- und Tierrechtsorganisationen in diesem Prozess?

Prof. Mieke Roscher: Ich denke, dass der Einfluss gerade zu Beginn sehr stark war, dass also die Thematisierung dieser durchaus virulenten Fragen stark von Tierschutz- und Tierrechtsorganisationen beeinflusst war. Wenn man sich die ersten Bücher anschaut, so waren das vor allem die Philosophen und Geschichtswissenschaftler, die sich dem Thema gewidmet haben. Das kann man übrigens auch analog zur Frauenbewegung sehen. In der Zwischenzeit hat sich das abgekoppelt. Jetzt haben wir es mit zwei separaten Strängen zu tun mit teilweise ganz anderen Zielen. Die akademischen Ziele denken in langen Zeiträumen. Tierschutz und Tierrechte wollen die Veränderungen jetzt.

Tierrechte: Sehen Sie Forschungsansätze für die Analyse gesellschaftlicher Mensch-Tier-Verhältnisse, die die Gesellschaftswissenschaften in Zusammenarbeit mit anerkannten Tierrechtsorganisationen weiterentwickeln könnten?

Prof. Mieke Roscher: Das finde ich schwierig und ich denke, dass das auch nicht sein muss. Ich erkläre, warum. Tierschutz und die Tierrechte zählen ja zu unseren Forschungsgebieten, wir erforschen, was Sie als Tierrechtsorganisation machen. Denn Sie sind ja ein maßgeblicher Player in diesem gesellschaftlichen Wandel, den wir akademisch untersuchen. Ich finde das aber überhaupt nicht schlimm, dass das separat läuft. Denn wenn man Tiere in den wissenschaftlichen Diskurs mit einbringt, erreicht man ganz andere Leute, ein Umdenken auf anderer Ebene.

Tierrechte: Kritiker behaupten, dass es sich bei dem sozialhistorischen Zugang zur Tiergeschichte wohl eher um einen kurzfristigen Trend handelt, schon deswegen, weil Tiere keine schriftlichen Aufzeichnungen hinterlassen. Wie beurteilen Sie eine solche Aussage?

Prof. Mieke Roscher: Das ist Unsinn. Angesichts des Forschungsbooms, den wir derzeit erleben, ist das sicherlich kein kurzfristiger Trend. Wir kommen gar nicht hinterher, all die Veröffentlichungen zu lesen, die publiziert werden. Ja, Tiere hinterlassen kaum Quellen und keine Schriften, aber das trifft im Übrigen auch auf 99 Prozent aller Menschen zu. Auch bei Menschen mussten Historiker und Historikerinnen schon immer zwischen den Zeilen lesen und die Quellen gegen den Strich bürsten – hier gibt es viele Beispiele aus der Frauen- Arbeiter- oder Kolonialgeschichte. Alle wie auch immer marginalisierten Gruppen haben kaum Quellen hinterlassen. Das heißt, wir müssen diese Quellen noch einmal neu und zwischen den Zeilen lesen. Aus Statistiken lassen sich zum Beispiel Informationen darüber ziehen, welche Tierarten gehalten wurden, welchen Wert sie hatten und so weiter.

Tierrechte: Mit Ihrem Buch „Ein Königreich für Tiere - Die Geschichte der britischen Tierrechtsbewegung“ haben Sie zum ersten Mal die Rolle der Tierrechtsbewegungen analysiert und auch wesentliche Unterschiede zu der deutschen Tierrechtsbewegung herausgearbeitet. Gibt es heute diese Unterschiede noch?

Prof. Mieke Roscher: Die Unterschiede sind nicht ganz weg, haben sich aber inzwischen weitgehend nivelliert. Die Tierschutz- und Tierrechtsbewegung ist heute eine globale Bewegung geworden. Wir haben sehr große, international agierende Tierrechtsbewegungen und vor allem durch die Macht des Internets sind die Unterschiede nahezu aufgehoben.
 
* Historiographie bezeichnet die Darstellung von geschichtlichen Ereignissen

 

Die Fragen stellte Steffanie Richter
Juli 2015


 
(1) Als Human-Animal Studies wird ein interdisziplinäres Forschungsfeld zum Mensch-Tier-Verhältnis bezeichnet, das sich in den letzten Jahren immer stärker etabliert und vor allem im englischsprachigen, wissenschaftlichen Diskurs Verbreitung gefunden hat. Forschungsarbeiten stammen überwiegend aus den Disziplinen Soziologie, Psychologie, Geschichtswissenschaft, Erziehungswissenschaft, Philosophie, Anthropologie, Kulturwissenschaft sowie Literatur- und Medienwissenschaft. Damit brechen die Human-Animal Studies mit dem bisher vorherrschenden Wissenschaftsverständnis in den Sozial-, Geistes- und Kulturwissenschaften, in dem das Verhältnis der Gesellschaft zu den Tieren weitgehend ausgeblendet wurde.


(2) Was bedeutet  „animal turn“ ?

Analog zum „linguistic turn“ in der Sprachwissenschaft und dem „iconic turn“ in der Kunstgeschichte spricht man in den Sozial- und Geisteswissenschaften seit einigen Jahren vom „animal turn“. Es handelt sich dabei um einen neuen Forschungsansatz, bei dem die Tiere, die Beziehungen zwischen Tier und Mensch und Rolle und Status von Tieren in der (menschlichen) Gesellschaft im Mittelpunkt stehen.

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