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Die Gesellschaft befindet sich in einem Umbruch

altBirgit Pfau-Effinger, Dr. rer. pol. ist Professorin für Soziologie an der Universität Hamburg und an der University of Southern Denmark. Seit 2011 ist sie wissenschaftliche Koordinatorin der ersten sozialwissenschaftlichem Forschungsgruppe zum Mensch-Tier-Verhältnis in Deutschland (Group for Society and Animal Studies – GSA) an der Universität Hamburg. Im Interview berichtet sie über die Forschungsinhalte der Arbeitsgruppe, über die überwältigende Resonanz unter den Studierenden und wie sich das Verhältnis der Gesellschaft zu den Tieren verändert.

tierrechte: Mit den Human-Animal Studies hat das Mensch-Tier-Verhältnis auch in Deutschland eine eigene, anerkannte Forschungsrichtung. Wie kam es zur Gründung der „Group for Society and Animal Studies“?

Prof. Pfau-Effinger: Das Thema „Mensch-Tier-Verhältnis“ hat mich immer schon sehr interessiert. Mitte der 2000er Jahre stellte ich fest, dass es in der Soziologie kaum Forschungen zum Mensch-Tier-Verhältnis gab. Auf der anderen Seite konnte ich erkennen, dass das Thema unter den Studierenden und auch in der Bevölkerung auf großes Interesse stößt. Ende 2000 bot ich ein Forschungsseminar an. Es war ursprünglich für 15 Studierende konzipiert. Es kamen dann aber 50 Studenten, und es wären gerne noch mehr gekommen. Mein Ziel war, mit den besten Forschungsberichten ein Buch zu erstellen. Auf dieser Grundlage haben wir in Kleingruppen intensiv geforscht. 2011 beschlossen wir, eine soziologische Forschungsgruppe zu gründen und nannten sie „Group for Society and Animal Studies“.

tierrechte: Wie war die Resonanz auf die neue Forschungsgruppe?

Prof. Pfau-Effinger: Es war unglaublich, was wir für eine Wirkung hatten, als wir eine internationale Webseite gestalteten. Wir wurden regelrecht von Anfragen überschwemmt, von Medien wie Spiegel, FAZ, Stern. Aber es kamen auch weltweit Anfragen von Studenten, Forschern und Interessierten. Gemessen an der Größe und den Zielsetzungen der Arbeitsgruppe war das Echo geradezu überwältigend. Das zeigt meines Erachtens, wie wichtig das Thema inzwischen ist.

tierrechte: Zu welchen Themen forscht die Arbeitsgruppe?

Prof. Pfau-Effinger: Wir haben die wissenschaftliche Forschung ausgeweitet und hatten mit dem Sozialpsychologen Matthew Ruby einen Gastwissenschaftler aus den USA in unserem Team. Er forschte zum internationalen Vergleich der Gründe, warum Menschen kein Fleisch essen und hat dazu in hochrangingen internationalen Zeitschriften publiziert. Eine weitere Forschungsrichtung unseres Mitglieds Marcel Sebastian beschäftigt sich mit der Arbeitssituation und den Umgangsweisen von Arbeitern im Schlachthof. Julia Gutjahr forscht zum Umgang von TierärztInnen und über die Ambivalenz zwischen Tierliebe und Wirtschaftlichkeit, die dieses Berufsfeld mit sich bringt. Ich selbst plane mit einem Kollegen aus der Politikwissenschaft ein Forschungsprojekt, das an die neue Diskussion zu Tierrechten anschließt. Wir wollen international vergleichend untersuchen, inwieweit, warum und wie Staaten politische, zivile und soziale Tierrechte bisher etabliert haben.

tierrechte: Wie groß ist das Interesse der Studierenden an Ihren Forschungsarbeiten und Ihrem Seminarangebot?

Prof. Pfau-Effinger: Ich habe zwar keine wissenschaftlichen Erkenntnisse darüber. Die vielen Anfragen von Studierenden, die ich bis heute zu dieser Thematik erhalte, und die Interessenbekundungen darüber zu forschen und zu promovieren, zeigen aber ein überaus großes Interesse. Ein Beispiel: An einem heißen Tag im Juli haben wir zu einem Workshop eingeladen, um die Forschungsergebnisse vorzustellen. Wir hatten die Veranstaltung nicht beworben, aber der Ansturm war überwältigend. Dieses Rieseninteresse erlebe ich zu keinem anderen Thema. Ich denke, wenn man den Themenbereich an den Universitäten etablieren würde, würde er noch stärker aufgegriffen.

tierrechte: Hat die Erforschung des Mensch-Tier-Verhältnisses auch etwas mit der zunehmenden Bedeutung von Tierrechten in der gesellschaftlichen Diskussion zu tun?

Prof. Pfau-Effinger: Ja, das glaube ich auf jeden Fall. Es ist außerdem interessant, verschiedene beispielhafte Entwicklungen zu betrachten, so etwa die Gender-Forschung (Anmerkung der Redaktion: Geschlechterforschung, die sich mit dem Verhältnis von Geschlecht, Kultur und Gesellschaft beschäftigt). Das begann mit einer feministischen sozialen Bewegung. Das Thema  wurde in den Universitäten als wissenschaftliches Thema aufgegriffen, aber zunächst marginalisiert. Inzwischen ist es eines der Hauptthemen in der internationalen Soziologie. Ähnlich verlief es in den USA mit dem Thema Gleichstellung von Menschen mit Handicap. Auch dort wurde es zunächst von einer sozialen Bewegung eingebracht, und so ist es auch mit dem Thema „Mensch-Tier-Verhältnis“.

tierrechte: Halten Sie die ethische Debatte über unseren Umgang mit den Tieren nur für einen vorübergehenden Trend oder ist dies der Beginn einer grundlegenden Veränderung im Mensch-Tier-Verhältnis?

Prof. Pfau-Effinger: Ich denke, dass sich die Gesellschaft tatsächlich in einem Umbruch befindet. Das Verhältnis der Gesellschaft zu den Tieren verändert sich. Historisch betrachtet, zeichnete sich die Industriegesellschaft durch eine starke Trennung zwischen der Gesellschaft und den Tieren aus. Das massenweise Töten von Tieren und die Nutzung von Tieren als Nahrung oder industrieller Rohstoff wurden legitimiert, daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Allerdings wurde das damals nicht thematisiert, heute schon.

tierrechte: Wann begann dieser Wandel?

Prof. Pfau-Effinger: Im Übergang zur sogenannten postindustriellen Gesellschaft (ab zirka den 1960er Jahren) wurde das Verhältnis zu Tieren zunehmend ambivalent betrachtet. Die Gewalt gegen Tiere passt in der aufgeklärten, postindustriellen Gesellschaft nicht mehr zu ihrem eigenem Selbstverständnis. Das findet seinen Ausdruck zum Beispiel darin, dass die Gewalt gegen Tiere in den Schlachthöfen heute nur noch versteckt stattfindet. Früher waren Schlachthöfe in den Zentren der Städte. Das sind heute alles Kulturzentren. Die wirklichen Schlachthöfe liegen weit weg auf dem Land, man hat keinen Zugang. Das zeigt, dass das Ertragen dessen, was mit Tieren gemacht wird, heute nicht mehr so selbstverständlich ist.

tierrechte: Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?

Prof. Pfau-Effinger: Dahinter steht ein Wandel des Charakters zwischenmenschlicher Beziehungen, diese sind zunehmend enthierarchisiert. Kulturelle Werte wie Empathie und Mitgefühl mit schwachen, sozialen Gruppen haben zugenommen, aber auch Werte wie das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Erst seit kurzem wird zum Beispiel die Gewalt gegen Kinder in Heimen aufgearbeitet und skandalisiert. In diesen Zusammenhängen können wir von einer neuen sozialen Sensibilität sprechen – und diese erstreckt sich auch auf das Verhältnis der Gesellschaft zu den Tieren. Dazu kommt, dass die Wissenschaft nun andere Fragen stellt, wenn sie über Tiere forscht, sie stellt Fragen zur Intelligenz, zur Empathie und zur Emotionalität.

tierrechte: Findet dies auch Ausdruck in dem derzeitigen Boom der veganen Ernährung?

Prof. Pfau-Effinger: Der Anteil der Vegetarier steigt immer weiter an. Das sind oft jüngere, gut ausgebildete Menschen, die sich aus ethischen Gründen anders ernähren. Diesen Trend finden wir nicht nur in Deutschland sondern auch sehr stark in den USA. Das ist sozusagen ein Kulturkampf zwischen vegetarisch oder vegan essenden, gut gebildeten jungen Menschen – vor allem Frauen – gegenüber älteren, weniger gut gebildeten männlichen Fleischessern. Das sieht man besonders gut in den Leserkommentaren wie auf „Spiegel-online“ – da finden sich teilweise aggressive Bemerkungen von Fleischessern gegenüber Vegetariern. Tatsächlich wird es einen langfristigen Umbruch geben, aber es wird wahrscheinlich noch eine lange Zeit so bleiben, dass die verschiedenen Richtungen mit all den Konflikten und Aushandlungsprozessen gegeneinander stehen.

tierrechte: Die Art, wie mit Tieren umgegangen wird, wird heute kritischer hinterfragt, was sich u.a. daran zeigt, dass die quälerische Intensivtierhaltung mittlerweile ein Akzeptanzproblem hat. Wie beurteilen Sie den Einfluss von Tierrechtsbewegungen auf die gesellschaftliche Debatte und die politischen Entscheidungsträger?

Prof. Pfau-Effinger: Der Einfluss ist groß und ich halte ihn für sehr wichtig, gerade weil viele Menschen die Ambivalenz gegenüber den Tieren stärker wahrnehmen. Selbst das Fleischessen wird heute stärker gerechtfertigt, das ist ein Ausdruck davon. Tierrechtsorganisationen können deutlich machen, was aus ethischer Sicht gut oder schlecht ist. Ich sehe, dass die Veränderung unserer Gesellschaft in den letzten 20 Jahren durch neoliberale Werte ein Stück weit dazu führt, dass das Engagement für Ethik und kulturelle Werte nicht besonders populär ist. Andererseits gibt es aber auch einen starken Orientierungsbedarf, so dass gerade soziale Bewegungen wie Tierrechtsorganisationen hier eine wichtige Rolle haben. Sie können über die Medien durch Kritik und Bewertungen von Gesetzen wirken und Alternativen aufzeigen. Wichtig ist der Wandel, der sich aus diesen ethischen Diskussionen ergibt.

tierrechte: Wohin könnte dieser Wandel führen?

Prof. Pfau-Effinger: Man muss sehen, dass bedeutende Wirtschaftsinteressen mit der gegenwärtigen Praxis gegenüber den Tieren eng verbunden sind. In der Wirtschaft geht es vor allem um Tiere als Nahrung und industriellen Rohstoff, die sind billiger als irgendwelche anderen Stoffe, die entwickelt werden müssten. Da muss man sich wundern, dass das bisher gesetzlich nicht anders reguliert ist. In den Naturwissenschaften spielen Tiere als Versuchstiere eine grundsätzliche Rolle, obwohl inzwischen hochrangig diskutiert wird, dass die Übertragung der Ergebnisse von Tierversuchen auf den Menschen oft nicht möglich ist. Diese wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Interessen sind ein ernstzunehmender Hinderungsfaktor. Die Wirtschaft hat aber in vielen Fällen gezeigt, dass sie zur Innovation fähig ist. Am Beispiel der Energiewende wird deutlich, dass die Wirtschaft auch relativ kurzfristig in der Lage ist, umzusteuern. Wenn die Menschen kein Fleisch mehr essen würden, würden neue, andere Nahrungsmittel entwickelt. Und statt Tiere als industrielle Rohstoffe zu verwenden, würde man eben neue Stoffe entwickeln.

tierrechte: Gibt es Forschungsansätze, die die Gesellschaftswissenschaften in Zusammenarbeit mit Tierrechtsorganisationen weiterentwickeln könnten?

Prof. Pfau-Effinger: Ja, zum Beispiel Forschungen über die Bedingungen zur Entstehung von Tierrechtsorganisationen selbst, über deren soziale Zusammensetzung und Ziele. Sehr interessant ist die Frage zur Teilhabe von Tierrechtsorganisationen an politischen Entscheidungen. Eine weitere wegweisende Forschungsfrage, die gemeinsam mit Tierrechtsorganisationen erarbeitet werden könnte, ist, inwieweit Staaten weltweit Tierrechte eingerichtet haben und welchen Beitrag verschiedene Tierrechtsorganisationen dazu geleistet haben. Vor allem die international vergleichende Forschung kann Ideen und politisch relevantes Wissen produzieren, zum Beispiel über tierschutzrelevante Regelungen, die in anderen Ländern gesetzlich umgesetzt werden. Wenn man weiß, wie und was andere Länder machen, erhält man Anregungen und Perspektiven, was im eigenen Land möglich wäre.

tierrechte: In den vergangenen Jahren wurden bestimmte Formen von Gewalt an Tieren medial skandalisiert, man denke z. B. an die Tötung der Giraffe im Zoo Kopenhagen 2014. Wie erklären Sie sich, dass so viele Menschen den Widerspruch zwischen der Vermenschlichung einerseits und der massenhaften Tötung von Tieren andererseits aushalten?

Prof. Pfau-Effinger: Die Menschen unterscheiden zwischen verschiedenen Kategorien von Tieren. Die Empathiebereitschaft ist auf bestimmte Kategorien begrenzt. Es spielt eine wesentliche Rolle, inwieweit das Tier versteckt oder sichtbar für uns ist und inwieweit es entpersonalisiert ist oder uns als Person mit Namen gegenüber tritt. Typisch ist der folgende Fall: Eine Ente geht mit ihren Küken auf der Straße spazieren, und ein Küken fällt in einen Abflusskanal. Die Feuerwehr rückt mit zwei Wagen an und rettet dem Küken das Leben. Aber im Restaurant verspeist man völlig ungerührt eine Ente mit Rotkohl. Hierfür gibt es unzählige Beispiele.

tierrechte: Wurde dieses Verhalten schon einmal wissenschaftlich untersucht?

Prof. Pfau-Effinger: Ja, die britischen Soziologen Kate Stewart und Matthew Cole untersuchen beispielsweise, wie unterschiedliche Tiere von Menschen als Typen konstruiert werden, also als Nutztier, Haustier bis hin zum Spielzeugtier. Sie ordnen die Typen in einer zweidimensionalen Skala ein und zwar in versteckt / sichtbar und personalisiert / entpersonalisiert. Sie sprechen in diesem Zusammenhang von einer „gesellschaftlichen Ordnung des Mitgefühls“. Das ist ein guter Erklärungsansatz für die Unterschiede, die in der Gesellschaft zwischen verschiedenen Typen von Tieren gemacht werden und dafür, wie die Bereitschaft zur Empathie verteilt ist.

tierrechte: Was könnte gegen diese Konstruktion von Tieren als Typen getan werden?

Prof. Pfau-Effinger: Eine große Bedeutung kommt der Sprache zu, vor allem, wenn es um die versteckten und entpersonalisierten Tiere in der Massentierhaltung und in Versuchslaboren geht. Hier sprechen wir in der Soziologie von einer Verdinglichung durch die Sprache, bei der Tiere nur als verwertbares Produkt und Rohstoff bezeichnet werden und sie nicht als lebende Wesen erscheinen. Eine allgemeine Tierliebe, die sich auf alle Tiere richtet – und damit auch auf Tiere, die man nicht sieht – setzt eine gewisse Abstraktionsfähigkeit voraus. Bildung fördert das. Und das ist sicherlich mit ein Grund dafür, warum gerade jüngere, gebildete Menschen die Abstraktionsfähigkeit und Empathie eher aufbringen.

tierrechte: Tierrechte und Veganismus gehören in den Schulunterricht – was halten Sie von der Forderung unseres Bundesverbands?

Prof. Pfau-Effinger: Das ist ein sehr guter Vorschlag. Tiere spielen für Kinder und auch noch für Jugendliche eine große Rolle. Gleichzeitig werden Kinder daraufhin sozialisiert, dass sie gerne Fleisch essen. Kindern wird nicht wirklich erklärt, dass aus den Tieren, die sie gerne haben und die ihnen in Märchen und Geschichten näher gebracht werden, das Fleisch wird, das sie auf dem Teller haben. Gerade aber viele Teenager entscheiden sich, vegetarisch oder vegan zu essen. Es ist ein starkes Thema, und es macht durchaus Sinn, es im Schulunterricht zu behandeln. Ich habe selbst im Rahmen der Kinderuniversität in Hamburg 2014 einen Vortrag zum Thema „Dürfen Tiere Rechte haben?“ gehalten. Der Zuspruch war überwältigend, es kamen über 1.200 Kinder im Alter zwischen 8 und 12 Jahren. Die Kinder waren von dem Thema so begeistert, dass sie vor Aufregung fast vom Stuhl gefallen sind. Ich hatte rhetorische Fragen eingebaut, wie „dürfen wir Tiere essen?“ und der ganze Saal brüllte die Antwort. Ich glaube, da ist die Hälfte als Vegetarier nach Hause gegangen (lacht).

tierrechte: Der wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik erstellt derzeit das Gutachten „Wege zu einer gesellschaftlich akzeptierten Nutztierhaltung“. Darin spielt auch die Frage der Größe tiergerechter Haltungen eine Rolle. Wie beurteilen Sie die Bedeutung eines solchen Gutachtens?

Prof. Pfau-Effinger: Es geht zurzeit meist um die Selbstverpflichtung der Wirtschaft. Das hat allerdings in anderen Fällen gezeigt, dass Selbstverpflichtung kaum eine Änderung herbeiführt. Selbstverpflichtung lässt offen, ob die anderen sich auch danach richten. Ein einzelnes Unternehmen könnte demnach wirtschaftliche Nachteile erleiden, wenn es die Selbstverpflichtung annimmt, die anderen es aber nicht tun. Bei einer Gesetzesregelung muss aber jeder entsprechend handeln und dann sind die Marktbedingungen wieder ausgewogen.

Die Fragen stellte Steffanie Richter

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