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Kriegsforschung an Tieren

Seit es Menschen gibt, gibt es auch Kriege. Seit es Menschen gibt, werden Kriegsgeräte aller Art vor ihrem Einsatz beim Menschen an Tieren getestet. Von der Atombombe bis zum Schnellfeuergewehr, vom Pesterreger bis zum Nervengas - alles wird an wehrlosen Tieren erprobt. Die Versuche im Bereich der Rüstungsforschung unterliegen strengster Geheimhaltung, weswegen die spärlichen Informationen, die an die Öffentlichkeit dringen, nur die Spitze des Eisberges darstellen. Beispiele aus der Vergangenheit:

Die US-Armee missbrauchte Affen, indem sie mit Neutronen bestrahlt und Elektroschocks ausgesetzt wurden. Die radioaktiv verseuchten Primaten mussten in Tretmühlen laufen, bis sie vor Erschöpfung starben (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.2.84).
Im Auftrag des US-Verteidigungsministeriums wurden Affen in verschiedener Entfernung zur Detonation einer Neutronenbombe in Käfige gesteckt. Affen, die von der Explosionsstelle 700 Meter entfernt waren, starben innerhalb von 48 Stunden nach einem grässlichen Todeskampf. Tiere, die sich in einem Umkreis von 900 Metern befanden, waren minutenlang zu keiner Bewegung fähig und starben innerhalb weniger Tage (International Herald Tribune, 7.11.78).
Norwegische Militärs benutzten Schweine als lebende Zielscheiben. Soldaten feuerten mit Gewehren und Pistolen auf Hinterläufe und Bäuche der aufgehängten Tiere (Bild am Sonntag, 18.3.84).
In Schweden schossen Soldaten zur Erprobung eines »humanen« Maschinengewehres auf narkotisierte Schweine und fügten ihnen schwere Bauchverletzungen zu. Nach dem Erwachen aus der Narkose beobachtete man ihr Leiden und Sterben (Stern, 35/78).
Die Sowjets testeten Milzbrandbomben an Affen. Abhängig vom Wind, der die tödliche Fracht verbreitete, starben die Tiere mal rasend schnell, meist aber quälend langsam. Man wollte feststellen, wie intensiv innere Organe von den Erregern befallen würden, wie schnell die Tiere verendeten (Spiegel 41/00).
Bei der Bundeswehr schoss man auf Hunde und in Schusswesten eingezwängte Minischweine. Viele der Tiere litten aufgrund der Schusswunden noch tagelang, bevor sie ihren Verletzungen erlagen oder man sie tötete (Spiegel 13/84).
Ebenfalls bei der Bundeswehr wurden Meerschweinchen und Schweine Geschützdonner ausgesetzt. Der Lärm zerfetzte den Tieren Trommelfelle und Gewebe im Lungenbereich (Spiegel 13/84).
In der ehemaligen DDR wurden Schweine und Ratten einer intensiven Strahlung von radioaktivem Kobalt 60 ausgesetzt. Die DDR-Regierung wollte erfahren, wie schnell nach einem Atomkrieg Schweine und Kühe geschlachtet werden müssen, um sie noch verzehren zu können (Tageszeitung, 24.9.91).
In Israel wurden Hunden Sprengladungen umgeschnallt, mit denen sie ins Feindesland laufen mussten. Durch Fernbedienung wurde die Ladung zur Explosion gebracht, wenn die Tiere nicht vorher vom Gegner abgeschossen wurden (Stern 1/90).
In der ehemaligen Sowjetunion trimmte man mit Bomben oder Geschossen bestückte Delfine, Seehunde und Belugawale darauf, feindliche Taucher zu töten (zivil 3/00).


 Nahtloser Übergang zu Menschenversuchen

Diese Beispiele aus den Zeiten des Kalten Krieges spiegeln die ganze Grausamkeit und Skrupellosigkeit der Militärs wider. Nicht nur, dass arglose Tiere schlimmsten Qualen ausgesetzt werden, immer wollen die Uniformierten die Ergebnisse ihrer Tierversuche auch an Menschen überprüfen, denn gerade in der Wehrforschung dienen Tiere nur als Stellvertreter des Menschen. So lässt sich - ähnlich wie in der Medizin und Pharmaforschung - auch im Rüstungsbereich ein nahtloser Übergang von Tier- zu Menschenversuchen beobachten:

Sowjetische Soldaten wurden in ein radioaktiv verseuchtes Gebiet geschickt, um die Folgen einer atomaren Explosion zu beobachten. Bei 70 Prozent der wohl unfreiwilligen und ahnungslosen Versuchsteilnehmer stellte man schwere Gesundheitsschäden fest (Associated Press, 27.12.77).
Die US-Streitkräfte schickten immer wieder Soldaten in das verseuchte Testgelände nach der Zündung eines atomaren Sprengsatzes. Nach Schätzungen des amerikanischen Verteidigungsministeriums nahmen von 1948 bis 1962 rund 300.000 Soldaten an nuklearen Experimenten teil. Mindestens 40.000 von ihnen erkrankten später an Krebs (Spiegel 31/78).
Die Japaner experimentierten mit Strafgefangenen, die sie mit Beulenpest, Cholera, Typhus, Milzbrand, Tuberkulose, Pocken, Syphilis und Lepra infizierten (Spiegel, 48/81).
Im Auftrag des amerikanischen Verteidigungsministeriums wurde 18 unheilbar Kranken Plutonium in die Adern gespritzt, um zu sehen, wie sich der Giftstoff im menschlichen Körper verhält, und 89 Krebskranke wurden radioaktiven Strahlen ausgesetzt (Stern, 25/82).


 Die Rüstungsforschung geht weiter

Und heute? Ist der Kalte Krieg nicht längst passé? Müssten nicht auch Tierversuche für die Rüstungsforschung der Vergangenheit angehören?
Leider ist das nicht der Fall. In Israel wurden beispielsweise im Jahr 2000 Schweine in einen Wohnwagen getrieben und mit Raketen beschossen. Die Detonation zerfetzte die Tiere innerlich. Viele überlebten schwerverletzt und wurden schreiend und blutend zur Untersuchung in ein Institut gebracht (Ha'aretz 17.3.00). Trotz des Falls der Sowjetunion wird auf der ganzen Welt weitergeforscht wie bisher. In vielen Ländern wie Indien, China, Israel spielte der Kalte Krieg für die Rüstungsforschung sowieso nur eine untergeordnete Rolle. Und die USA haben sich nicht erst seit dem 11. September 2001 einen neuen Feind auserkoren: Islamischer Terrorismus heißt jetzt die Bedrohung, die einen Verteidigungshaushalt in Milliardenhöhe rechtfertigt. Hinter vorgehaltener Hand geben Regierungsberater zu, dass diese Bedrohung vom Pentagon künstlich überspitzt wird, um den geschrumpften Etat wieder aufplustern zu können. So wurde beispielsweise bekannt, dass die Milzbrandbriefe im Herbst 2001 gar nicht von Terroristen stammten, sondern von einem ehemaligen Mitarbeiter eines Labors der US-Regierung. Der mutmaßliche Täter wollte mit der Aktion, bei der mehrere Menschen starben, eine verstärkte finanzielle Förderung der Milzbrandforschung erreichen.
Doch geht es bei der amerikanischen Kriegsforschung in Wahrheit keineswegs nur um die Bekämpfung des Terrorismus. Immer neue perfide Angriffswaffen tüfteln die Militärs aus. In Brooks, Texas, wurden Affen, Schweine und Ziegen mit bis zu 167 Dezibel beschallt. Genauso gut hätte man sie neben eine startende Weltraumrakete stellen können. Panik und Hörschäden bei den unglückseligen Tieren waren die Folge dieser »nicht tödlichen Waffen« (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7.10.01).
Auch in Russland und anderen Staaten der ehemaligen Sowjetunion wird höchstwahrscheinlich immer noch an Vernichtungsinstrumenten aller Art, besonders auch Biowaffen geforscht. Der Grund ist jedoch ein anderer als in den USA. Mit der Auflösung des Warschauer Paktes und der damit verbundenen Abrüstung standen plötzlich Hunderte hochqualifizierte und -spezialisierte Mikrobiologen, Chemiker und andere Wissenschaftler buchstäblich auf der Straße. Einst geachtet und gut bezahlt konnten sie plötzlich ihre Familien nicht mehr ernähren. Experten sind sich sicher, dass diese Waffenforscher in geheimen Labors eine neue Aufgabe bekommen haben bzw. an der Fortführung der alten arbeiten (Spiegel 41/00). Andere mögen zur Fortführung ihrer Tod bringenden Forschung in andere Länder, wie z.B. den Irak, abgewandert sein, um dort ihr Auskommen zu sichern.
Militärforschung aller Art ist immer auch gleichbedeutend mit grausamsten Tierversuchen. Und es gibt wohl kaum ein Land, in dem nicht Waffen von der Kalaschnikow bis zur ferngesteuerten Hightech-Rakete an Tieren ausprobiert werden.


 Tierversuche bei der Bundeswehr

Und bei uns? Sind die Zahlen der bei der Bundeswehr verbrauchten Tiere nicht drastisch gesunken? Werden in Deutschland im militärischen Bereich überhaupt noch Tierversuche durchgeführt, nachdem laut Tierschutzgesetz Tierversuche zur Entwicklung von Waffen verboten sind? Leider lautet auch die Antwort auf diese Fragen »Nein, so ist es nicht«. Zwar ist die Anzahl der in Einrichtungen der Bundeswehr verbrauchten Tiere von 6.429 im Jahr 1984 auf 406 im Jahr 1999 gesunken, diese Angaben beziehen sich jedoch nur auf die Einrichtungen der Bundeswehr (Tierschutzbericht 2001, Bundesministerium für Verbraucherschutz, Landwirtschaft und Forsten). Tierversuche, die von der Bundeswehr an andere Einrichtungen, z.B. Universitäten, in Auftrag gegeben werden, tauchen in dieser Aufstellung nicht auf. Diese Tiere werden an anderer Stelle der offiziellen Statistiken gezählt, allerdings nicht gesondert, so dass sich die tatsächliche Zahl der für die Militärforschung in Deutschland getöteten Versuchstiere nicht ermitteln lässt.
Das im Tierschutzgesetz festgeschriebene Verbot der Entwicklung und Erprobung von Waffen und Munition lässt sich leicht umgehen. Schließlich dienten und dienen alle im militärischen Bereich durchgeführten Tierversuche ausschließlich - so heißt es - der Sicherheit der Soldaten und dem Schutz der Zivilbevölkerung. So wurden die Versuche an der Sanitätsakademie mit Antibiotika-resistenten Hasenpest-Bakterien natürlich nur zur Verteidigung der Bevölkerung durchgeführt (Spiegel 43/01). Und auch die Mäuse, die im Auftrag des Verteidigungsministeriums an der Universität Hohenheim mit Milzbrand infiziert wurden, starben nur zur Vorbeugung vor einem Angriff mit Biowaffen (Kreiszeitung Böblingen, 11.10.01).

Die gefährliche Nähe zur offensiven Nutzung vorgeblich defensiver Waffen liegt jedoch auf der Hand. Die Grenze zwischen Verteidigungs- und Angriffswaffen war schon immer fließend. Denn wenn Völker erst für eine bewaffnete Auseinandersetzung gerüstet sind, wächst die Gefahr, dass eigene Interessen gewaltsam durchgesetzt und Konflikte mit militärischen Mitteln ausgetragen werden. Nach friedlichen Lösungen wird dann vielleicht gar nicht erst gesucht. In Wahrheit richtet sich der Missbrauch von Tieren für militärische Zwecke gegen das elementare Interesse des Menschen, in Frieden zu leben. Doch was auch immer die Motive und Begründungen für militärische Experimente sind, für die Versuchstiere handelt es sich immer um Angriffswaffen.

Corina Gericke

Menschen für Tierrechte - Bundesverband der Tierversuchsgegner e.V.
Diese Seite generiert am 21. März 2010
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