 Frankfurter Rundschau: Herr Dr. Simons, Tierversuche boomen - obwohl seit vielen Jahren alternative Methoden entwickelt werden, um mit weniger Tierversuchen auszukommen. Woran liegt das?
Kurt Simons: Diese alternativen Methoden sind leider noch nicht durchgängig bekannt. Ein Teil ist auch Bequemlichkeit, man müsste sich ja die Informationen dazu besorgen.
Spielt auch die Haltung »das haben wir schon immer so gemacht« eine Rolle?
Ganz sicher. Der junge Student wächst ja quasi mit dem Tierversuch auf, einige sogar schon in der Schule im Biologieunterricht. Der Tierversuch ist einfach zu handhaben, die alternativen Methoden muss man sich erst erarbeiten. Im Grunde sind viele einfach zu faul. Die schreiben einen Antrag auf Forschungsförderung für Versuche mit 100 Ratten. Und dafür gibt's dann Geld. Wir haben einfach zu wenig Anreize, auch mal in die andere Richtung zu schauen. Da wäre beispielsweise auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft gefordert, die bei der Vergabe von Forschungsgeld mehr auf den Tierschutzaspekt schauen müsste.
Senkt es die Hemmschwelle gegenüber dem Tier, wenn schon in der Schule Frösche seziert werden?
Die Lehrer glauben wahrscheinlich, es wäre für einen Schüler spannend, wenn die Nerven frei präpariert werden und sich dann bei leichten Stromstößen die Muskeln bewegen. Bei genauerem Hinsehen desensibilisiert es die Jugendlichen und mindert den Respekt vor Lebewesen. Es sind interessanterweise die Biologen, die vor allen anderen an den Tierversuchen als Bestandteil der akademischen Ausbildung festhalten. Die Tier- und Humanmediziner sind da bereits weiter. An rund der Hälfte der Universitäten wird in der Humanmedizin schon ein Studium ohne Tierverbrauch angeboten. Dem sollten die anderen folgen.
Die EU lässt gerade Chemikalien auf ihre hormonelle Wirkung untersuchen. Auch dafür sind wieder viele Tierversuche nötig. Was wünschen Sie sich von deutschen Politikern?
Es muss Druck gemacht werden, damit endlich mehr alternative Testmethoden etabliert und benutzt werden. Die deutsche EU-Ratspräsidentschaft im kommenden Jahr bietet da eine gute Gelegenheit. Die bereits entwickelten Alternativverfahren müssen auch international etabliert werden. Vorbildlich ist das Land Baden-Württemberg, das die Einrichtung der Stiftungsprofessur für »In-vitro-Methoden zum Tierversuchsersatz« - also Forschung im Reagenzglas - an der Universität Konstanz unterstützt.
Die Genforschung wird immer als Zukunftswissenschaft bezeichnet. Aber ausgerechnet in diesem Bereich werden besonders viele Tiere verbraucht. Wie erklären Sie sich das?
Zum einen werden mit den Tieren die gentechnischen Verfahren entwickelt, dann wird das mit den althergebrachten Verfahren verglichen, und schließlich wird die Verträglichkeit getestet. Früher mal hieß es, durch die Gentechnik würden viele Tierversuche überflüssig. Das Gegenteil ist eingetreten.
Rund 2,4 Millionen Versuchstiere von der Maus bis zum Affen sind im vergangenen Jahr allein in Deutschland verbraucht worden. Gibt es Bereiche, die für Sie besonders problematisch sind?
Unser Ziel ist es natürlich, möglichst alle Tierversuche durch tierfreie Methoden abzulösen. Besonders problematisch aber sind Versuche mit Tieren, die eine große Nähe zum Menschen aufweisen. Hier sind das Leid und die Qual so offensichtlich, dass sogar viele Befürworter von Tierversuchen die Versuche ablehnen. Deshalb sollte die Forschung mit Affen umgehend beendet werden. In den Niederlanden ist gerade eine Auffangstation für solche Tiere gegründet worden. Vor allem Menschenaffen, aber auch viele andere Affenarten haben im Sozialverhalten und Empfinden eine große Nähe zum Menschen.
Tierversuche sind das eine Problem, die Massentierhaltung ist ein anderes. Rheinland-Pfalz will jetzt mit einer Klage vor dem Bundesverfassungsgericht die Käfighaltung von Legehennen stoppen.
Das Kabinett in Mainz hat auf Initiative von Ministerin Margit Conrad und Ministerpräsident Kurt Beck am Dienstag beschlossen, eine Normenkontrollklage gegen die Haltungsverordnung von Bundesminister Horst Seehofer einzuleiten. Der Landesregierung in Mainz liegen Stellungnahmen vor, die die verabschiedete Verordnung als verfassungswidrig einschätzen und der Klage hohe Erfolgsaussichten einräumen. Deswegen war unser Verband mit entsprechenden Bitten an die Landesregierung in Rheinland-Pfalz herangetreten, nachdem insbesondere von Ministerpräsident Beck Unterstützung in Aussicht gestellt worden war.
Artgerecht gehaltene Tiere sind ja auch für den Konsumenten von Vorteil. Er erhält schmackhafteres gesünderes Fleisch, bessere Milch oder Eier. Woher kommt dieser Widerstand?
Billig, billig ist das Motto. Von Bertolt Brecht stammt der passende Satz: Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Das sind regelrechte Agrarfabriken, in denen Fleisch produziert wird. Wer billig essen will, der muss vor den ekelhaften Produktionsbedingungen die Augen verschließen. Sonst würde ihm nicht nur vom überlagerten Gammelfleisch schlecht. Das ist eine wüste Entwicklung, wir bewegen uns leider insgesamt zum Schlechten. Ein Verzicht auf derartige Produkte wäre nicht nur im Interesse der Tiere, sondern auch mit Blick auf unsere Gesundheit von Vorteil.
| Kurt Simons, Vorsitzender des Bundesverbands »Menschen für Tierrechte«, plädiert für Alternativen zum Tierversuch - etwa für Forschungsmethoden im Reagenzglas.
Immer mehr Versuchstiere werden in Deutschland für wissenschaftliche Zwecke verwendet. Voriges Jahr waren es 2,4 Millionen - 6,5 Prozent mehr als im Vorjahr.
Fast zwei Millionen Mäuse und Ratten endeten im Labor, etwa 102 000 Fische, 105 000 Kaninchen, 4900 Hunde, 1000 Katzen und 2100 Affen. fr/dpa. |
Interview: Karl-Heinz Karisch
erschienen in der Frankfurter Rundschau am 24.11.2006
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