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Zoo: Tierslum oder Garten Eden? Freizeitpark oder Arche Noah? So viele Fragen - so viele Antworten

(aus: tierrechte 3.00, Nr. 13, September 2000)

Der folgende Artikel mutet Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, einiges zu. Er ist nicht nur um vieles länger, als ein halbwegs lesbarer Artikel sein dürfte. Er ist auch eine Art Zwitter, etwas zwischen einem Interview und einer Pro- und Contra-Zoo-Diskussion.
Wir denken aber, er kann nützlich sein, wenn Sie sich Ihre eigene Meinung zum Thema Zoo bilden wollen. Wir haben einem Zoodirektor eine Reihe kritischer Fragen gestellt, die aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse aufgreifen. Seine Antworten geben wir hier ungekürzt wieder, ohne nochmals Zusatzinformationen und Gegenargumente nachzuschieben - mit einer kleinen Ausnahme (siehe Fußnote). Wir vertrauen dabei Ihrem Scharfsinn und Ihrem Gespür, zwischen und hinter den Zeilen zu lesen und sich ein eigenständiges Urteil zu bilden.

Unser Gesprächspartner ist Prof. Dr. Dieter Jauch, Direktor des zoologisch-botanischen Gartens Wilhelma in Stuttgart und gleichzeitig der amtierende Präsident des Verbandes Deutscher Zoodirektoren, dem 45 Zoos in Deutschland angehören.

tierrechte:
Eine im Auftrag der Europäischen Kommission im Jahr 1987 durchgeführte Studie über die Lebensbedingungen von Tieren in europäischen Zoos kam zu dem Ergebnis, dass eine beträchtliche Zahl von Zoos bestenfalls als »Tierslums« bezeichnet werden kann. Kriterien für dieses Urteil waren u. a. kahle, enge Gehege, in denen die Tiere keine Rückzugsmöglichkeit haben; Gehege, die eine Verletzungsgefahr für die Tiere darstellen; unangemessene Ernährung; einzeln gehaltene Tiere von in Gesellschaft lebenden Arten.
Gehen wir aber von dem optimalen Fall aus, dass in Zukunft strenge gesetzliche Anforderungen solche drastischen Missstände verhindern, dass die Finanzierung gesichert ist und die Zoos alle Möglichkeiten einer art- und verhaltensgerechteren Unterbringung ausschöpfen. Ist es Ihrer Ansicht nach grundsätzlich möglich, nicht domestizierte Tiere im Zoo so zu halten, dass sich ihr Leben in seiner Qualität nicht von dem der Artgenossen im natürlichen Lebensraum unterscheidet? Mit Qualität ist gemeint, dass die Tiere ihre natürlichen Bedürfnisse befriedigen - dazu gehört auch, dass sie ihre eigenen sozialen Ordnungen herstellen und ihren Geschlechtspartner aussuchen können - und ihr gesamtes Verhaltensspektrum ausleben können.

Jauch:
Die von Ihnen genannte Studie wurde meines Wissens von der englischen Organisation »Zoo Check« durchgeführt. Dass sie mit Zoos kritisch und nicht immer vorurteilsfrei umgeht, darf wohl unterstellt werden. Es sei aber nicht verhehlt, dass es zahlreiche Tierhaltungen gibt, die sich als »Zoo« bezeichnen, aber weit von dem entfernt sind, was wir unter »Zoo« verstehen.
Europa ist groß, und nicht überall wird Tierhaltung so gut überprüft wie hier bei uns in Deutschland, und auch bei uns gibt es viele Tierhaltungen, die erheblich besser sein müssten. Soweit ich für den von mir vertretenen Verband Deutscher Zoodirektoren spreche, darf ich aber wohl davon ausgehen, dass die Kollegen ihre Aufgabe verantwortungsbewusst angehen und für ihre Tiere optimale Haltungsbedingungen anstreben.
Und unter geeigneten Umständen ist es sehr wohl möglich, nicht domestizierte Tiere im Zoo so zu halten, dass sie nicht unter schlechteren Bedingungen leben als im Freiland. Wenn Sie darunter »Qualität« verstehen, pflichte ich Ihnen bei. Natürlich unterscheidet sich das Leben in der Wildbahn von dem im Zoo. So fällt etwa Nahrungs- und Wassermangel weg, ebenso der Druck von Fressfeinden. Damit verschiebt sich auch das Verhaltensrepertoire. Bestimmte Verhaltensweisen sind nicht mehr so wichtig, andere kommen dazu. Ein gut gepflegtes Zootier verarmt in seinen Verhaltensmerkmalen nicht. So sind z. B. bei Mantelpavianen im Freiland 61 verschiedene Verhaltensmerkmale bekannt, im Zoo 63.
Die Berücksichtigung der natürlichen Sozialordnung von Tieren im Zoo ist Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Haltung und u. U. viel wichtiger als etwa die absolute Größe eines Geheges. Gorillas z. B. müssen im Haremsverband leben können, und auch das Wechseln des Verbands in einem bestimmten Alter ist wichtig.
Darauf achtet heute bei vielen Zootierarten ein Artkoordinator, der die Tiere in allen am EEP (Europäisches Erhaltungszuchtprogramm) beteiligten Zoos kennt. Dort wo für die Partnerfindung auch »Sympathie« zwischen den Tieren nötig ist, kann durchaus ein Austausch nötig sein. Das kennt etwa jeder Papageienhalter. Natürlich wird ein Tier im Zoo nicht sein gesamtes Verhaltensspektrum ausleben, sondern die Anteile, die es braucht. Das ist übrigens auch in der Wildbahn so. Das Verhaltensspektrum eines Individuums ist auch dort in der Regel gegenüber dem der Art eingeschränkt.

tierrechte:
Zoobesucher kennen die typischen gefangenschaftsbedingten Leerlaufbewegungen bei Zootieren. Ein Schlagwort moderner Zootierhaltung lautet deshalb »behavioural enrichment«. Dazu gehören Beschäftigungsprogramme, die der Reizarmut und Monotonie eines Zootierlebens entgegenwirken sollen. So jagen Geparden Fleischbrocken hinterher oder Affen fingern in Bambusstöcken nach Leckerbissen. Sind diese Maßnahmen in der Lage, die Anforderungen, die die Natur an ein Wildtier stellt, qualitativ und quantitativ zu imitieren? Oder kaschieren diese Maßnahmen nicht bloß die Gefangenschaftsbedingungen und machen den Zoo damit zu einem »Erlebnispark« für die Menschen, während sie für die Tiere höchstens kosmetische Verbesserungen darstellen?

Jauch:
»Behavioural enrichment« im Zoo ist wichtig für das Wohlbefinden der Tiere. Diese Maßnahmen »kaschieren« nicht die Gefangenschaftsbedingungen, sondern verbessern sie. Gerade das »Stochern« der Affen oder allgemein die Suche nach versteckter Nahrung, Futterdressuren für Robben usw. sorgen dafür, dass Langeweile im Zoo nicht aufkommt. Wenn derartige Maßnahmen dann auch den Besuchern zugute kommen, kann uns das nur recht sein.
Die Jagd der Geparden oder der Wildhunde an einem Lift zeigt uns übrigens auch, dass »Hetzjagd« für die schlauen Tiere nicht alles ist. Sie lernen sehr schnell die günstigste Stelle kennen, an der das Futter auch ohne allzu große Anstrengung zu ergattern ist und bleiben dann dort. Es ist die Kunst des Tiergärtners, möglichst wechselnde Reize anzubieten, nicht durch »Kinkerlitzchen« einen Erlebnispark zu schaffen.
Ein Zoo ist immer ein »Erlebnispark«! Für mich zumindest gehört es zu den großartigen Erlebnissen, im Zoo ein gesundes Tier in voller Größe beobachten zu dürfen.

tierrechte:
Angenommen eine Gefangenschaftshaltung in gleicher Qualität wie im natürlichen Lebensraum ist nicht möglich. Ist es dann zu rechtfertigen, Tiere in Zoos zu halten?

Jauch:
Wenn wir im Zoo ein Tier nicht gut halten können, dürfen wir das auch nicht.

tierrechte:
Die Zoologischen Gärten erheben den Anspruch, vier Aufgaben zu erfüllen: Bildung und Erziehung, Erholung, Forschung und Arterhaltung. Wo liegen für Sie die Schwerpunkte heute und im Zoo der Zukunft?

Jauch:
Zoos erheben nicht nur den Anspruch, die von Ihnen genannten Aufgaben zu erfüllen, sie erfüllen sie auch. Natürlich sieht jeder die Gewichtung anders. Auch können hier Wunsch und Wirklichkeit divergieren. Für mich liegt die Reihenfolge in sinnvoller Freizeitgestaltung (die Erholung in einer schönen Umgebung mit Tieren ist nichts Schlechtes, auch nicht für die Tiere), Bildung und Erziehung (worunter hier auch die Entwicklung einer gesunden Gefühlsbeziehung zum Tier verstanden werden soll), Arterhaltung (nicht nur durch Zucht, sondern auch durch Erziehung), Forschung. Vermutlich dürfte das auch in Zukunft so bleiben.

tierrechte:
Der Zoo will dem Publikum auch Erholung und Unterhaltung bieten. In Zeiten leerer öffentlicher Kassen ist er außerdem ständig auf der Suche nach zusätzlichen Einnahmequellen. Einige Zoos - so der Tierpark Hellabrunn in München - gehen dazu über, einer gut betuchten städtischen Schickeria z. B. Partys im Raubtierhaus anzubieten. Verkommt damit die Institution Zoo nicht zum Amüsier- und Geldbeschaffungs-Betrieb, wenn sie ihre Tiere als dekorative exotische Kulisse vermarktet?

Jauch:
Ich weiß nicht, was eine gut betuchte städtische Schickeria ist. Aber, wenn wir auf diese Weise Entscheidungsträger der Wirtschaft mit den Problemen der Natur konfrontieren können und vielleicht sogar zum Nachdenken bringen, ist das für die Tiere gut. Vorausgesetzt, wir schaden den Tieren nicht damit, ist daher gegen solche Aktionen nichts einzuwenden. Es soll ja auch vorkommen, dass solche Einnahmen direkt in den Artenschutz fließen.

tierrechte:
Verschiedene Studien zeigen, dass die Zoos in ihren Bemühungen, Bildung und Erziehung zu vermitteln, nicht sonderlich erfolgreich sind. Regelmäßige Zoogänger wissen nur wenig mehr über Tiere als die, die behaupten, überhaupt kein Interesse an Tieren zu haben. Die üblichen Vorurteile halten sich genauso hartnäckig: Laut einer Studie mögen 2/3 der Besucher keine Klapperschlangen, über die Hälfte keine Geier. Der typische Zoobesucher bleibt nur kurz stehen, um Tierbabys zu beobachten oder Tiere, die betteln, fressen oder Laute von sich geben. Die üblichsten Ausdrücke für die Beschreibung von Tieren sind »süß«, »witzig«, »faul«, »schmutzig« oder »seltsam«.
Machen die Zoos etwas falsch oder ist das Ausstellen von Tieren grundsätzlich der falsche Weg, um ein besseres Verständnis und eine andere Einstellung zum Mitgeschöpf Tier zu erreichen? Es ist sicher absurd, Sie als Zoodirektor zu fragen, ob man nicht mehr erreichen könnte, wenn man die leeren Käfige zeigen und erklären würde, warum sie leer sind bzw. leer sein müssen? Würde man darin auch noch Multimedia-Darbietungen der entsprechenden Tiere zeigen, wäre die Besucher dann nicht schnell überzeugt, dass Tiere nicht in einen Käfig gehören?

Jauch:
Ich weiß nicht, von welcher Studie Sie sprechen, und ich habe auch in Kontakten mit Besuchern ein anderes Bild gewonnen. Ich glaube, Sie sind da nicht ganz frei von Vorurteilen. Allein in die dem VDZ angeschlossenen Zoos kommen jährlich 30 Millionen Menschen, selbst wenn nur wenig hängen bleibt, ist das eine ganze Menge. Und Sie vergessen auch die wichtige Arbeit der Zooschulen, die jährlich Hunderttausende von Schülern betreuen. Im übrigen bleibt der typische Zoobesucher natürlich nicht überall gleichlang stehen und dies ändert sich von Zoobesuch zu Zoobesuch.
Die Zoos machen möglicherweise auch gelegentlich etwas falsch. Nur wer gar nichts tut, macht keine Fehler - oder? Ich weiß insofern nicht, was Ihre Frage soll. Und die Frage nach den »leeren Käfigen« ist wirklich absurd. Warum sollen Gehege denn leer sein ohne Grund, und wer käme dann noch, um das zu erfahren? Multimedia-Darbietungen sind eine wunderschöne Ergänzung zum Erlebnis des lebenden Tiers, aber kein Ersatz. Außerdem zeigen sie nur Teile der Welt eines Tiers und zudem geben sie ein falsches Bild. Im Film wird ständig gejagt, getötet, gefressen, kopuliert, geboren und aufgezogen. Glauben Sie, ein Fernsehzuschauer schaut 45 Minuten lang einem schlafenden Tier zu? Da sehe ich mir lieber Tiere im Zoo an.

tierrechte:
Je rascher die Ausrottung der Tierarten durch Zerstörung der Lebensräume, durch Jagd, Handel und Umweltverschmutzung weltweit voranschreitet, umso populärer wird der vermeintliche Beitrag der Zoos zum Artenschutz durch Nachzuchtprogramme mit dem Ziel einer späteren Auswilderung.
Im Zoo kann jedoch nur eine verschwindend geringe Zahl an bedrohten Tierarten durch Zuchtprogramme erhalten werden. Vor einer Wiederansiedlung müssten auch genau die Ursachen, die zum Verschwinden der Art geführt haben, behoben werden. Schließlich werden die Probleme bei den Nachzuchten selbst immer deutlicher. Da die Zuchtpopulationen zu klein sind, fehlt die notwendige genetische Vielfalt. Dazu kommen Domestikationserscheinungen (z. B. Verlust des Wanderverhaltens), die schon nach wenigen Generationen ein Überleben in Freiheit scheitern lassen können. Schließen sich also Zucht und wilder Naturzustand nicht aus?

Jauch:
Es handelt sich um keinen vermeintlichen Beitrag, sondern um einen wirklichen. Und wenn wir auch nur relativ wenige Tierarten in Zuchtprogrammen für eine gewisse Zeit erhalten können, darf der Nutzen nicht unterschätzt werden. Dadurch, dass man vor einer Wiederauswilderung den Lebensraum einer Art »saniert«, hilft man auch Tausenden von anderen Arten, an die man u. U. gar nicht denkt, allen denen nämlich, die in gleichen Lebensräumen zuhause sind.
Zoos bauen im übrigen durch weltweite Zusammenarbeit Zuchtpopulationen auf, die ausreichend groß sind, um die genetische Vielfalt lange Zeit zu erhalten. Dafür gibt es eben die Erhaltungszuchtprogramme mit einem Koordinator. Was mich immer wieder entsetzt, sind die Vorstellungen darüber, in welchen Zeiträumen Domestikation abläuft. Ererbte Verhaltensweisen gehen nicht in wenigen Jahren und Generationen verloren (Zugverhalten der Störche z. B.). Man muss bei der Zucht aber aufpassen, dass die richtigen Tiere untereinander verpaart werden. Es gibt im übrigen genügend Beispiele, welche den Erfolg solcher Programme beweisen (Steinbock, Wisent, Löwenaffen, Oryx, u. a. mehr).

tierrechte:
William Conway, der kürzlich in Ruhestand getretene Direktor der Zoologischen Gärten von New York, bemerkt selbstkritisch: »Unsere Werbekampagnen gelten eher einem neuen Gorillagehege als dem Fortbestand der Gorillas überhaupt.« Er bemängelt, dass Zoos sich selten an Schutzmaßnahmen für frei lebende Tiere bzw. den Erhalt oder die Wiederherstellung ihrer Lebensräume beteiligen. So entsteht In München gerade ein 22 Millionen Mark teures »Urwaldhaus« für Menschenaffen, während in Afrika und auf Borneo die Mittel fehlen, um das Überleben der Menschenaffen dort zu sichern. Bleiben Zoos lebende Museen oder können und sollten sie sich zu Naturschutzorganisationen wandeln, wie Conway es fordert?

Jauch:
Wenn William Conway fordert, die Zoos sollten sich mehr um in-situ-Artenschutz kümmern, hat er damit sicher recht, und Zoos beteiligen sich auch vermehrt an entsprechenden Projekten. Das heißt aber nicht, dass wir nicht auch gleichzeitig neue Zoobauten brauchen, die den Bedürfnissen der Tiere und der Besucher Rechnung tragen. Wenn Sie etwa dem Tierpark München vorhalten, ein neues »Urwaldhaus« für Menschenaffen zu bauen und den Artenschutz vor Ort zu vernachlässigen, ist das bösartig. Vermutlich wissen Sie sehr wohl, dass Prof. Dr. Wiesner, der Zoologische Direktor in Hellabrunn, engagiert ist im Orang-Utan-Schutz. Er hat selbst die Umsiedlung vieler Orang-Utans aus zerstörten Wäldern betreut, die Fachleute auf Borneo in Narkosetechnik ausgebildet und fördert Orang-Utan-Schutz auf Borneo in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Fernsehen. Immerhin wurden ca. 700.000 DM Spendengelder gesammelt.

tierrechte:
Nachwuchs im Zoo bedeutet aus Platzmangel auch immer »überzählige« Tiere. Der Austausch von Jungtieren mit anderen Zoos ist nur begrenzt möglich, die Haltung zeitlebens in einem Nebengelass hinter den Zookulissen oder die Abgabe an zweifelhafte Tierhalter, -händler und Zirkusse soll vermieden werden. Die Unterbindung der Fortpflanzung durch Hormonpräparate, Kastration oder Trennung der Geschlechter hat offenbar physische und psychische Schäden zur Folge. Außerdem sind Jungtiere ja der Kassenmagnet eines jeden Zoos.
Als »ultima ratio« ist deshalb die Tötung vorgesehen, in Zukunft nicht nur für »Haustiere«, Damhirsche, Wildrinder oder Antilopen, die geschlachtet und an die Fleischfresser im Zoo verfüttert werden, sondern auch für Bären, Löwen oder Affen. Die »wissenschaftlich geleiteten Zoos in Bayern« (München, Nürnberg, Augsburg, Straubing) sind hierzu vor kurzem mit sogenannten »Leitlinien« an die Öffentlichkeit gegangen. Eine Ethikkommission, der vor allem Mitarbeiter des Zoos angehören, sollen über Leben und Tod entscheiden. Ist die Tötung von gesunden Tieren aus Platzgründen ethisch zu rechtfertigen und bedeutet sie nicht einen Verstoß gegen das Tierschutzgesetz, das einen »vernünftigen Grund« für das Töten eines Tieres fordert?

Jauch:
Das Problem Nachwuchs im Zoo ist in diesem Jahr, wie ich glaube, ausführlich diskutiert worden. Durch die schon mehrfach erwähnten Zuchtprogramme versuchen die Zoos, überzählige Tiere zu vermeiden. Viele Tiere dürfen deshalb heute schon gar nicht züchten. Nachwuchs ist aber nie hundertprozentig zu planen (wir können z. B. das Geschlecht der Nachkommen nicht vorhersagen). Es ist daher nicht auszuschließen, dass es im Zoo Platzmangel auch im Rahmen eines Programms geben kann.
Andererseits fordern Sie zurecht, möglichst alle wichtigen Verhaltensweisen im Zoo ausleben zu lassen und zu den wichtigsten gehört nun einmal das Fortpflanzungsverhalten. Sollte es aber selbst bei sorgfältiger Planung Tiere im Zoo geben, für die keine tierwürdige Pflege mehr möglich ist, halte ich es gemäß der Devise »Nicht ein langes, sondern ein gutes Leben ist anzustreben!« für vertretbar, unter gewissen Bedingungen solche Tiere einzuschläfern.
Dies sieht auch die Bundesregierung so, und der »schweizerische Tierschutz« vertritt dies auch. Dass sich über eine solche Notwendigkeit niemand freut, dürfen Sie mir glauben.
Was absurd ist, das ist der Vorwurf, Zoos wollten sich der Tiere, mit denen sie als Jungtiere »Kasse« gemacht hätten, später entledigen. Die deutschen Zoos sind zum überwiegenden Teil Institutionen der öffentlichen Hand, die nicht mit Gewinnstreben arbeiten. Und die Besucherzahl eines großen Zoos hängt nicht von einzelnen Jungtieren ab.
Wenn ich etwa unseren Zoo anschaue, so haben wir seit 1986 keine Tiger und Löwen gezüchtet, und dennoch hat unsere Besucherzahl in der gleichen Zeit um 200.000 zugenommen.

tierrechte:
Um das Artenspektrum der vorgeführten Tiere zu erweitern oder um blutsfremde Tiere für die Zuchtpopulation zu gewinnen, greifen auch deutsche Zoos nach wie vor auf so genannte Wildfänge zurück - trotz des Traumas für die betroffenen Individuen und ihrer Familien und der hohen Verluste bei Fang, Transport und Eingewöhnung. So ließen die Zoos von Dresden und Erfurt vor einem Jahr je zwei in Botswana gefangene Jungelefanten einfliegen. Was sagt der Direktor des Verbandes Deutscher Zoodirektoren dazu?

Jauch:
Wenn Zoos auf so genannte Wildfänge zurückgreifen (wobei z. B. 95 % der Säuger im Zoo auch zoogeboren sind), treffen sie vorher sehr wohl eine Interessenabwägung, bei der merkantile Gesichtspunkte keine Rolle spielen. Eine Auffrischung des Genoms muss ab und an sein. Die Verluste bei vernünftigem Fang, Transport und Eingewöhnung werden im Übrigen von interessierten Kreisen maßlos übertrieben.
Die Elefantenimporte des Jahres 1999 haben als Ursache eine zu starke Vermehrungsrate dieser Tiere im südlichen Afrika, die deren eigenen Lebensraum zu zerstören droht. Es gab die Wahl Zoo oder Tod, denn die überzähligen Elefanten wären sonst einer Culling-Aktion zum Opfer gefallen! Ich glaube, den Tieren ist die jetzige Lösung lieber. *
Es ist zu befürchten, dass die Regierungen der Länder des südlichen Afrikas aus Furcht vor übertriebenen Aktivitäten gewisser »Tierschützer«, Lösungen anpeilen, die für die Elefantenpopulation dort verhängnisvoll sein kann.

tierrechte:
Die Behörden können Tiere in Zirkussen und anderen schlechten Haltungsbedingungen oft nicht beschlagnahmen, da es keine Auffangstationen für Elefanten, Bären, Raubtiere, Affen und andere exotische Tiere gibt. Könnten die Zoos nicht mit viel Sympathie in der Öffentlichkeit rechnen, wenn sie hier Möglichkeiten der Unterbringung anbieten würden?

Jauch:
Wenn Zoos Platz haben, übernehmen sie gerne solche Tiere. Sie sind aber keine Auffangstationen und zunächst den Tieren verpflichtet, die schon in ihnen leben. Die dürfen nicht gefährdet werden. Der VDZ hat schon viele Tiere aus fragwürdigen Haltungen vermittelt. Wir können aber nicht in jedem Fall helfen.

tierrechte:
In Österreich haben sich die Zoos gegen die Haltung von Wildtieren in Zirkussen ausgesprochen. Sollten Ihrer Ansicht nach Wildtiere noch in Zirkussen mitgeführt werden? Inwieweit sollte man die Haltung von Wildtieren generell auf bestimmte Einrichtungen beschränken?

Jauch:
Die Zeit der Wildtiere im Zirkus wird wohl schon bald vorüber sein. »Roncalli« etwa zeigt, dass das geht. Allerdings kann das Problem nicht dadurch gelöst werden, dass man Zirkustiere aus ordentlichen Bedingungen wegnimmt.
Im Übrigen gehören gefährliche Tiere in den Zoo. Ansonsten ist gegen eine verantwortungsbewusste Pflege geeigneter Wildtiere beim Liebhaber nichts einzuwenden. Auch Wildtiere, die in Menschenhand gezüchtet werden, z. B. die meisten Aquarienfische, sind immer noch Wildtiere und nicht domestiziert.

Die Fragen stellte Hannelore Jaresch


* Anmerkung: Nach den uns vorliegenden Informationen der südafrikanischen Tierschutzorganisation National Society for the Prevention of Cruelty to Animals wären die Elefanten in ihrer Heimat, dem Tuli Game Reservat in Botswana, nie einer Culling-, also Tötungs-Aktion zum Opfer gefallen. Das Reservat ist nach einer Seite offen, so dass die Elefanten wandern und das Reservat bei Bedarf verlassen können. Ihren Lebensraum zerstören sie also nicht. Ein inzwischen veröffentlichtes Video zeigt die brutale Trennung der Jungtiere von ihrer Herde und ihre Misshandlung auf der Farm des südafrikanischen Tierhändlers Ghiazza, um ihren Willen zu brechen. Bis heute ist nicht geklärt, ob die Einfuhr der 4 Elefanten nach Deutschland legal war. Von den 30 eingefangenen Elefanten wurden bis heute mindestens 14 in Reservaten Südafrikas wieder in die Freiheit entlassen.

Menschen für Tierrechte - Bundesverband der Tierversuchsgegner e.V.
Diese Seite generiert am 30. Juli 2010
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