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Zum »stern«-Zootest: Paradiesische Zustände in deutschen Zoos?

(aus: tierrechte 3.00, Nr. 13, September 2000)

Zu diesem Schluss könnte man beim Lesen des »Großen Zoo-Test« kommen, den die Zeitschrift »stern« vor wenigen Wochen veröffentlichte. Bestnote über Bestnote wurde von den Testern vergeben - selten klingt leise Kritik an, nur in wenigen Fällen wurden die Bewertungen »unzulänglich« oder »miserabel« vergeben.
»Die Zoodirektoren haben offenbar erkannt, dass der Anblick von Tieren nicht Mitleid erwecken, sondern Freude machen soll«, so das Fazit der »stern«-Tester. Doch bedeuten Zoos, die vielen Besuchern Freude machen, auch eine artgerechte Haltung der Tiere? Stehen ihre Bedürfnisse denen der Besucher nicht in vielen Fällen geradezu entgegen, beispielsweise wenn es um Rückzugsmöglichkeiten geht, die andererseits verhindern, dass der Besucher die Tiere überhaupt sieht?

Wir haben die drei erstplazierten Zoos in Köln, Hamburg und Nürnberg nochmals aufgesucht und die Tierhaltung unter die Lupe genommen. Dabei haben wir versucht, nicht - wie der »stern« - aus »Besuchersicht« zu urteilen. Für uns war das Verhalten der Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum und die Beachtung der Würde der in den Zoos gehaltenen Individuen Maßstab der Bewertung. Angesichts der überschwänglichen Bewertungen im »stern« hätten wir nicht erwartet, selbst bei den »Testsiegern« so eklatante Missstände zu finden.

 Köln

Ich finde es immer wieder verblüffend, dass die meisten Menschen es für völlig normal halten, dass Hunderte von exotischen Wildtieren mitten in unserer Stadt leben. Wenn ich an Löwen, Elefanten oder Gorillas denke, erinnere ich mich an faszinierende Dokumentarfilme. Deswegen ist es für mich umso verwunderlicher, dass es möglich sein soll, alle diese Tiere in unmittelbarer Nähe zu einer Autobahnbrücke, etlichen Hauptverkehrsstraßen und Straßenbahnlinien auf einer kleinen Fläche artgerecht unterzubringen. Laut »Zoo-Test« der Zeitschrift »stern« funktioniert dies allerdings durchaus. Das Testergebnis für Köln: »erstklassig«. Köln biete »Tierhaltung auf dem neuesten Stand«. Grund genug für einen erneuten Rundgang durch den Zoo.
Ich lege meinen ersten längeren Stopp an der Geparden-Freianlage ein. Auf den ersten Blick eine schöne, grüne Anlage, mit 2000 Quadratmetern vermeintlich reichlich bemessen. Doch die Spitzengeschwindigkeit von 100 Stundenkilometern, die diese Tiere - so verkündet es sogar ein Hinweisschild - laufen können, haben die Kölner Geparden noch nie erreicht. Stattdessen durchzieht ein schmaler, kahler Streifen das Gehege. Hier wächst kein Gras mehr, denn die Geparden drehen auf diesem Weg ihre ewig gleichen Runden. Fast eine Stunde lang beobachte ich diese traurigen Versuche, sich Bewegung zu verschaffen.
Wenige Schritte hinter der aus dem Jahre 1969 stammenden Bärenanlage befindet sich die Anlage für Sibirische Tiger. Hier verkündet das Hinweisschild des Zoos, dass diese Tiere in Revieren mit einer Größe von bis zu 4000 Quadratkilometern jagen - von diesen Weiten können sie im Kölner Zoo nur träumen.
Bei den Löwen verweile ich über zweieinhalb Stunden. In der hintersten Ecke des Freigeheges gibt es einen großen Stein, den ein männlicher Löwe immer wieder umkreist. Er stoppt für wenigen Sekunden jedes Mal an der gleichen Stelle und beginnt seine Drehung dann von Neuem.
Einige Meter weiter erwartet mich dann eine angebliche Attraktion des Kölner Zoos, die auch im Test des »stern« überschwänglich gelobt wurde: das Menschenaffenhaus. Tatsächlich fühle ich mich in tropische Zonen versetzt, als ich das Haus betrete. Feuchte Luft, Pflanzen, die mir fast ins Gesicht schlagen. Doch die Pflanzen befinden sich nur auf meiner Seite des Panzerglases. Die Gehege der Tiere sind steril: ein wenig Holzwolle, Seile und Stämme zum Klettern, ansonsten kahle Böden.
Zwar gibt es Außengehege für diese Tiere. Doch ein Student verrät mir, dass sich die Tiere dort höchstens drei Stunden am Tag aufhalten, bei schlechtem Wetter dürfen sie gar nicht hinaus. Und beim Anblick der Außengehege fühle ich mich keineswegs an den Dschungel auf Borneo oder die tropischen Regenwälder Zentralafrikas erinnert.
Als nächste Station erreiche ich den »Seelöwenfelsen«. In seinem Zooführer beschreibt der Kölner Zoo diese Anlage aus dem Jahr 1887 als »in seiner Zweckmäßigkeit und Schönheit bis heute beispielhaft«. Auch heute noch könne es als wegweisend gelten. Ursprünglich mit drei Tieren besetzt, zähle ich sieben lebendige Exponate in einem Lebensraum aus künstlichen Felsen, einem kleinen und einem etwas größeren Becken.
Im Elefantenhaus von 1863 sind heute neben zwei Elefanten auch noch Nashörner und Flusspferde sowie Hirsche untergebracht. Wegen des schönen Wetters können sich die Tiere draußen aufhalten und müssen nicht den ganzen Tag in ihren gekachelten Unterkünften verbringen, die es ihnen gerade erlauben, wenige Schritte vor und zurück zu gehen. Das Becken für die Flusspferde im Elefantenhaus ist so klein, dass kaum alle Tiere gleichzeitig ins Wasser können, und auch das Außenbecken ist nur wenig größer. Die Elefanten haben in ihrem Außengehege zumindest etwas Beschäftigungsmaterial: neben einigen frischen Ästen einen großen und mehrere kleinere Baumstämme. Doch auf den zweiten Blick erkennt man die Ketten, die es unmöglich machen, die Stämme weit zu bewegen. Die Tiere wiegen unablässig die Köpfe hin und her. Die gefangenschaftstypischen Leerlaufbewegungen scheint das »Spielzeug« nicht verhindern zu können.
Die Bäume im Giraffenfreigehege sind eingezäunt und damit für die Tiere unerreichbar, denn sie sollen die Blätter nicht abknabbern. Stattdessen hängen zwei mit Gras gefüllte Gitterkäfige am Giraffenhaus.
Ein Gepard und ein Löwe, die ihre immer gleichen Runden drehen, Menschenaffen in kahlen Gehegen, Elefanten auf Kacheln, Flusspferde ohne jeden Bewegungsspielraum im Badebecken - eine erstklassige Tierhaltung konnte ich in Köln nicht finden. Hätten die »stern«-Tester vielleicht anders geurteilt, wenn sie sich nicht von Anfang an so sicher gewesen wären, dass es völlig normal ist, wilde Tiere mitten in Deutschlands Städten zu halten?

 Hamburg

Hagenbeck erstklassig? Ohne jeden Zweifel. Aber nur für Spatzen, Pampashasen und Enten. Ein traumhaft angelegter Park gaukelt den Menschen eine heile Welt vor. Geschickt versteht es Hagenbeck, die Besucher zu täuschen, indem er mit einer »gitterlosen« Tierhaltung wirbt. Tatsächlich, die Flamingos stehen - frei wie ein Vogel - an einem Teich. Damit sie dort auch bleiben, hat man sie flugunfähig gemacht. Für die kalte Jahreszeit steht ihnen ein eigenes kleines Haus zur Verfügung, in dem sie dicht gedrängt und bewegungslos die langen Wintermonate hindurch verharren müssen.
Die Löwen liegen vor einer Kulisse künstlicher Felsen. Stumpfsinn und Langeweile ein Leben lang. Wenn sich wieder einmal Nachwuchs eingestellt hat, berichtet die Presse gern davon, wie entzückend die Löwenbabys sind. Wer fragt schon später nach, wo der niedliche Nachwuchs aus den letzten Jahren geblieben ist. Das Futter finden die Löwen im Inneren der Felsattrappen, so steht es auf einem Schild. Ein Blick in dieses Gefängnis aus Gitterkäfigen, in dem die Tiere auch im Winter gehalten werden, und ich fühle mich in die Zeit der Gladiatorenkämpfe versetzt.
Viel Spaß wünscht der Mann am Eingang den Besuchern. Ob den auch die Elefanten haben, die tagaus tagein am Betongraben stehen und bettelnd den Rüssel ausstrecken, um Spagetti o. Ä aufzunehmen? Was sollten sie auch sonst tun? In dieser - laut Programm - »weiten Freisichtanlage« ist eine »artgerechte Gehegegestaltung« weit und breit nicht in Sicht. Der Elefantenbulle wird, wenn er in der Musth - so etwas wie die Brunft beim Hirsch - ist, im so genannten Elefantenhaus eingesperrt. Eine vorbildliche Unterbringung!
Dass sich der Chinesische Leopard pausenlos um seine eigene Achse dreht, fällt einer Besucherin unangenehm auf. Verhaltensgestörte Tiere also auch in Hagenbecks »erstklassigem« (so der »stern«) Tierpark.
Apropos Verhaltensstörung: Das kleine Gittergefängnis für die Hutaffen, deren Lebenserwartung bei 20 Jahren liegt, verrät, dass die neueren wissenschaftlichen Erkenntnisse über artgerechte Tierhaltung an den Hagenbecks vorbeigegangen sind.
Genauso erschreckend die Haltung der 12 Orang Utans: Im Innern eines Gebäudes, auf wenigen Quadratmetern mit gefliesten Wänden, manchmal auch versteckt in einer blauen Plastiktonne, harren diese Waldmenschen der Dinge, die nie kommen werden: Bäumen z. B., in deren Blätterdach sie sich ein Schlafnest bauen könnten. Bei warmem Wetter sind die Tiere im Außengehege, steht im Programm. Hier gibt es zwei Hängematten und einen Tuch, unter dem sie sich verstecken können Aus Geldmangel, auch bedingt durch dramatisch zurückgehende Besucherzahlen, kann kein neues Affenhaus gebaut werden, berichtet die Presse. Und so bleibt alles, wie es ist - in der Freien und Hansestadt Hamburg.

 Nürnberg

Das Gelände des Nürnberger Tiergartens stelle einen der »landschaftlich schönsten Zoologischen Gärten Europas« dar, so formuliert es der Zooführer. Und tatsächlich bewegen wir uns auf unserem Rundgang durch den Zoo auf breiten Wegen durch eine eindrucksvolle Parklandschaft. Doch wie geht es den Tieren in dem drittplatzierten Zoo des »stern«-Tests, der zuletzt im April durch das Erschießen von vier Eisbären in die Schlagzeilen geriet?
Ein Eindruck wiederholt sich während unseres gesamten Besuches: Das Areal des Tierparks ist weitläufig, doch die Gehege vieler Tiere sind im Verhältnis erbärmlich klein. Zum Beispiel die Anlage für die Menschenaffen: Zwar wurde vor wenigen Jahren ein etwas größeres Freigehege für die Gorillas eingerichtet, doch die Orang-Utans müssen immer noch mit einem nur wenige Quadratmeter großen Freigehege auskommen. Der Boden der Freifläche ist zur Hälfte geteert, so dass nicht einmal ein Eindruck von Naturnähe entsteht. Von den das Gehege überdachenden Gittern hängen einige Klettertaue, die geradezu als eine Verhöhnung der überragenden Kletterfähigkeit dieser »Waldmenschen« erscheinen. Und tatsächlich sitzen die Tiere trotz des schönen Wetters apathisch im kleinen, gekachelten Innenkäfig.
Eine traurige Überraschung erwartet uns bei den Elefanten: Schon kurz nach 16:30 Uhr finden wir beide Tiere angekettet im Elefantenhaus - bei strahlendem Sonnenschein und wahrlich »tropischen« Temperaturen draußen. Besucher verraten uns, dass die Elefanten oft schon gegen halb vier ins Haus gebracht werden. Ein Hinweisschild belehrt uns ganz selbstverständlich: Futterneid führe zu einer erheblichen Verletzungsgefahr, aus diesem Grund müssten die Tiere »zur ihrer eigenen Sicherheit« angekettet sein. Eine seltsame Erklärung, haben wir doch noch nie gehört, dass Elefanten in freier Wildbahn beim Essen angekettet werden müssen. Selbst wenn wir davon ausgehen, dass die Tiere das Haus gegen 8 Uhr verlassen, bedeutet dies - selbst bei bestem Wetter - mindestens 16 Stunden täglich in Ketten.
Auch das Panzernashorn und viele der Huftiere sind schon um 17 Uhr für die Nacht weggesperrt. Auch deren Außengehege können keineswegs als großzügig bezeichnet werden.
Im Gehege der Geparden finden wir die gleichen graslosen Streifen, wie ich sie schon in Köln beobachtet hatte - Spuren des ständig frustrierten Bewegungsdranges der Tiere.
Von der Anlage für Braunbären wenden wir uns - wie auch etliche andere Besucher - entsetzt ab. Lediglich ein Tier sehen wir in dem kleinen, absolut kahlen Gehege. Hier gibt es - bis auf einige Felsen - nichts, aber auch gar nichts, womit sich die Tiere beschäftigen könnten.
Ein ähnliches Bild erwartet uns ein Stück weiter bei den Seekühen. Zuerst können wir gar nicht glauben, dass sich in dem winzigen Becken im Tropenhaus tatsächlich Lebewesen befinden. Doch tatsächlich liegen dort dicht an dicht die riesigen Leiber und können sich kaum bewegen. Stellenweise ist der Abstand zwischen dem Beckenrand und der Insel in der Mitte des Beckens so eng, dass die massigen Tiere kaum hindurch zu passen scheinen. Welch armselige Unterbringung für die »Wahrzeichen« des Nürnberger Zoos.
Führte vor einigen Jahren die intensive Diskussion zur Schließung nahezu aller deutschen Delfinarien, rühmt sich Nürnberg noch heute, das »einzige Delfinarium Süddeutschlands« zu besitzen. Rühmlich allerdings ist die Haltung dieser hochintelligenten Tiere keineswegs. Als wir die Halle betreten, schlägt uns beißender Chlorgeruch entgegen. Ein angemessener Lebensraum für Delfine?
Eine »erstklassige« Tierhaltung also? Allein die als Tierquälerei einzustufende Haltung von Delfinen hätte Nürnberg auf einen der letzten Plätze verbannen müssen. Ansonsten mag der Tierpark zwar landschaftlich attraktiv sein, die Unterbringung der Tiere ist es jedoch mit Sicherheit nicht.

Stephan Weber
Elisabeth Mederer
Petra Schidla

Menschen für Tierrechte - Bundesverband der Tierversuchsgegner e.V.
Diese Seite generiert am 30. Juli 2010
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