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Seit Jahren werden in einem ostbayerischen Provinzzoo drei Schimpansen - Sebastian, Alfons und Lutz - unter Bedingungen gehalten, die jedem Tierschutz-, geschweige denn Tierrechtsgedanken Hohn sprechen. Sie fristen ihr Dasein in einem völlig unzulänglichen Betonkasten, der noch nicht einmal den Mindestanforderungen des sogenannten Säugetiergutachtens entspricht. Dr. Colin Goldner von 4pawsnet, Mitgliedsverein des Bundesverbandes, berichtet.
Dieses Gutachten wurde vom Bundeslandwirtschaftsministerium nach jahrzehntelangem Kampf engagierter Tierschützer im Jahre 1996 erstellt und macht Mindestvorgaben für die Haltung u. a. von Primaten.
Betonkasten als AffenhausDie Stadt Straubing als Trägerin des Tiergartens sieht keinerlei Veranlassung, an den Zuständen etwas zu ändern. Zoodirektor Wolfgang Peter betont, das Affenhaus sei bereits gebaut worden, bevor diese Haltungsvorgaben erlassen wurden und pocht insofern auf Bestandsschutz. Im Übrigen könne an einem Betonkasten nichts umgebaut oder erweitert werden. Der verantwortliche Veterinäramtsleiter der Stadt, Dr. Franz Able, pflichtete vor laufender Kamera des Bayerischen Rundfunks (08.06.2009) bei, die Eignung eines Geheges könne »nicht allein nach zentimetergenauer Einhaltung von vorgegebenen Maßen beurteilt werden.« Überhaupt komme es auf die Gehegegröße gar nicht an; diese habe »keinen negativen Einfluss auf das Verhalten der Tiere«.
Die Frage, weshalb es ein Gutachten mit Vorgaben zur Mindestgröße von Wildtiergehegen überhaupt gibt, wenn einzelne Zoos sich beliebig darüber hinwegsetzen können, bleibt unbeantwortet. Desgleichen die Frage, was Dr. Able zu der Behauptung in der Straubinger Rundschau (21.02.2009) veranlasst: »Den Schimpansen im Zoo Straubing geht es gut«.
Schweres Leiden Tatsache ist, dass es den drei Schimpansen nicht gut geht. Selbst dem Laien springen die stereotypen Bewegungsmuster von Alfons und Lutz, beide 17 Jahre alt, ins Auge: ihr monotones Kopfwackeln oder Oberkörperschaukeln, das ziellose Hin- und Hergehen, ihr planloses Herumschieben von Gegenständen auf dem Boden. Derlei Stereotypien - Verhaltensanomalien mit ständig sich wiederholenden Bewegungsabläufen - sind Ausdruck schweren psychischen Leidens.* Amtstierarzt Dr. Able hingegen spielt sie zu harmlosen »Marotten« herunter. Dass Alfons und Lutz streckenweise völlig apathisch sind, wird geflissentlich ignoriert. Auch der 34-jährige Sebastian weist schwere Verhaltensstörungen auf, nach Auskunft des Veterinäramtes hingegen sei er nur »sehr ungesellig« und müsse deshalb alleine gehalten werden. Sein »Spielmaterial« besteht aus einem kaputten Ball, einer Plastiktonne und einem ausrangierten Schlafsack. Die »Klettereinrichtungen« sind völlig unzureichend, Rückzugsmöglichkeiten gibt es nicht.
Experten im Bayerischen Rundfunk Anfang Juli 2009 berichtete der Bayerische Rundfunk im Politmagazin »Kontrovers« über die Schimpansenhaltung im Tiergarten Straubing. Die als Expertin hinzugezogene Primatologin Dr. Signe Preuschoft bewertete die Haltungsbedingungen als den Bedürfnissen von Menschenaffen nicht ansatzweise gerecht werdend. Der renommierte Primatologe Prof. Dr. Volker Sommer bestätigte: »Diese Tiere haben eine Vorstellung von Zukunft. Sie erkennen die Ausweglosigkeit ihrer Situation. Was sich in deren Kopf vermutlich abspielt ist das, was wir als Menschen Verzweiflung nennen würden.« Wenn nichts geschieht, werden die drei Schimpansen noch Jahre so zubringen müssen: Schimpansen können in Gefangenschaft bis zu 70 Jahre alt werden.
Aktiv gegen die AffenschandeSeit Jahren kämpfen die Aktivisten von Tierrechte aktiv/Tierschutz grenzenlos e.V., ebenfalls Mitgliedsverein des Bundesverbandes, darum, die drei Schimpansen aus ihrem Elendsdasein zu befreien. Der Verein Hilfe für notleidende exotische Tiere e.V., der bei Lüneburg die einzige Auffangstation für beschlagnahmte, ausgesetzte oder abgegebene Affen in Deutschland unterhält (»Affen in Not«) und derzeit eine neue Primatenanlage errichtet, hat sich inzwischen bereit erklärt, Sebastian, Alfonsund Lutz aufzunehmen. Noch allerdings gibt es erbitterten Widerstand gegen das Ansinnen, die Straubinger Schimpansenhaltung zu beenden, vor allem seitens lokaler Politiker, Medienvertreter und Geschäftsleute, die immer schon mit dem Zoo als Werbepartner paktierten. Da mag es helfen, dass die Fraktion von B90/Die Grünen im Bayerischen Landtag Anfang August 2009 eine parlamentarische Anfrage an die Staatsregierung gestellt hat, ob die Schimpansen im Straubinger Zoo artgerecht gemäß der EU-Zoorichtlinie von 1999 gehalten werden, was seit 2003 Voraussetzung für die Erteilung einer Betriebserlaubnis ist. Die Antwort steht noch aus.
Colin Goldner
Dr. Colin Goldner ist Mitglied des Vorstandes von 4pawsnet e.V., der eng mit Tierrechte Aktiv/Tierschutz Grenzenlos e.V. zusammenarbeitet.
Weitere Infos:
Tierrechte Aktiv /Tierschutz Grenzenlos e.V.
Sachsenring 12, 94313 Straubing
Tel: 09421-92200
www.tierrechte-straubing.de
Auf dieser Website ist auch ein Link zur Sendung »Kontrovers« des Bayerischen Rundfunks vom 08.07.2009
*Siehe dazu Buchholtz et. al.: Workshop der Internationalen Gesellschaft für Nutztierhaltung (IGN) zum Thema »Leiden« vom 30.01./01.02.1998 in Marburg.
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