Was bleibt von 585 Lämmern
Was einzelne Menschen dazu bewegt, »Schlachttier«-Transporte zu begleiten, kann recht unterschiedlicher Natur sein. Dass sie die Transporte nicht verhindern können, wissen sie. Aber sie können zum Beispiel darauf achten, dass zumindest die gesetzlichen Bestimmungen eingehalten werden - so unzureichend diese auch sein mögen. Bei deren Missachtung können sie Anzeige erstatten, wobei die Hoffnung auf Erfolg gering ist. Was aber können sie tun gegen die quälenden Erinnerungen?
Datum: 14.4.00, 21.30 Uhr. Eine Sammelstation in den neuen Bundesländern. 585 Lämmer werden verladen. Ohne genaue Protokollführung macht die Begleitfahrt keinen Sinn. Also: Ort, Datum, Stunde. Geschätztes Alter der Lämmer: 4-5 Monate. Ihr Blöken ist bis zum Beobachtungsposten zu hören. Fahrzeug: Barrettauflieger (ohne hydraulische Hebebühne) Kennzeichen Zugmaschine. Kennzeichen Auflieger. Die Beladung erfolgt vierstöckig. Auf-nimmer-Wiedersehen verschwindet der endlose Zug der kleinen Gestalten in dem Transporter. So viel Leben gehen in einen Lkw. Hinter den Belüftungslöchern sind ihre hellen Gesichter aus einiger Entfernung nur noch zu ahnen.
Abfahrt: 0.25 Uhr. Mehrere Stunden auf der Autobahn immer dicht hinter dem Lkw. Nur das Zeichen für »Lebende Tiere« auf der Rückfront verrät, dass sich dahinter nicht irgendwelches Stückgut befindet. Um 4.30 Uhr durch uns veranlasste Kontrolle durch die Autobahnpolizei auf einem Rasthof in Süddeutschland. Ein Veterinär wird hinzugezogen, später ein zweiter.
Verkehrsrechtliche Kontrolle durch die Polizei. Mitgeführte Papiere: Desinfektionskontrollbuch, Transportkontrollbuch, Gesundheitszeugnis, Transportplan, Sachkundebescheinigung. Transportbescheinigung fehlt. Zielort: Schlachthof Bari/Süditalien.
Mängel am Fahrzeug: Verletzungsgefahr durch die innen angebrachten, kantigen Ventilatorenkästen. Tränkevorrichtung außer Betrieb. Stattdessen in jeder Bucht ein Behältnis mit Wasser, gedacht für etwa 40 Tiere. Durch die Öffnung im Deckel kann jeweils nur ein Tier trinken. Behältnis außerdem nicht hoch genug mit Wasser gefüllt, um für die Tiere erreichbar zu sein. Pro Bucht ein Netz mit Heu, nicht größer als ein Einkaufsnetz. Das nachgerüstete Belüftungssystem funktioniert nicht. Dadurch hohe Stauwärme im Laderaum. Einstreu nur ergänzt. Sie bildet mit der Einstreu der vorhergehenden Fahrt eine nach Ammoniak beißend stinkende Matratze. Je nach Größe der Lämmer kaum Kopffreiheit.
Wir klettern bis in die oberste Etage. So dicht gedrängt stehen die Lämmer, dass auch kein einziges mehr hineinpassen würde. So zumindest ist unser Eindruck. Die meisten sehr scheu. Einige aber strecken den Kopf der Hand entgegen, knabbern an unseren Fingern. Einige Tiere husten. Manche atmen flach und hechelnd und knirschen mit den Zähnen.
Die zwei Amtsveterinäre errechnen die Beladedichte. Bei einem Durchschnittsgewicht von 28 kg pro Tier geringe Überladung. Aufgrund der festgestellten Mängel dürfte der Lkw nicht weiterfahren. Aber im süddeutschen Raum gibt es keine Ablademöglichkeit für 585 Schafe.
Deshalb um 7.55 Uhr Weiterfahrt des Transporters. Quer durch Österreich, dann durch Norditalien. Auf der Brennerautobahn reger Osterverkehr Richtung Süden. Immer wieder Staus. Die Fahrer holen aus dem Fahrzeug heraus, was geht. Angehalten wird nur für einen Fahrerwechsel. Nach den Tieren sieht keiner. Die kurvige Strecke im Norden der Toskana reizt sie zu riskanten Überholversuchen, zu ständigen Beschleunigungs- und Bremsmanövern. Vielleicht wollen sie uns abschütteln. An die Tiere im Fahrzeug dürfen wir dabei nicht denken. Und doch denken wir an nichts anderes.
Statt nach Bari fährt der Transporter überraschend Richtung Pisa. Am 15.4., um 19.30 Uhr, Ankunft in einer nicht offiziell zugelassenen Station. Es ist die Adresse eines großen Viehhändlers. Die Tiere werden abgeladen. Sie stolpern und rutschen die steile Rampe hinunter. Wir dürfen nicht auf's Gelände, sondern beobachten alles von außen. Wir halten die Luft an und hoffen, dass sich keines verletzt. Da scheint ein Lamm aus der dritten Ebene nach unten zu stürzen, kann sich aber mit letzter Kraft noch fangen. Dann sind sie im Stall und werden dort hoffentlich versorgt.
Wir haben das Gefühl, Pause und Versorgung der Tiere finden nur statt, weil wir dabei sind. Sonst hätte den Fahrer nichts daran gehindert, bis Bari »durchzubrettern«.
Am 15.4., um 23.30 Uhr, Ankunft eines zweiten Transporters derselben Spedition. Am 16.4., um 19 Uhr, beginnt die erneute Verladung der Tiere. Die Sicht auf den Verladevorgang ist uns versperrt. Um 20.30 Uhr verlassen beide Transporter die Station. Wir verfolgen sie noch so lange, bis wir sicher sind, dass die Fahrt Richtung Bari geht. In etwa acht Stunden werden sie dort ankommen. Nun können wir nichts mehr tun. Wir drehen um. Schweigen im Auto. Hätten wir sie doch bis Bari begleiten sollen - um dann den Transporter hinter den Toren des Schlachthofs verschwinden zu sehen? Dem Gefühl, die Tiere verraten zu haben, entgehen wir nicht. Weil wir im Gegensatz zu ihnen wissen, dass das Ende der Fahrt auch das Ende ihres noch kaum begonnenen Lebens ist und weil wir das nicht verhindert haben.
Was bleibt nach Tagen bleierner Müdigkeit und des mechanischen Sich-Wieder-Zurecht-findens im Alltag? Ein Protokoll mit dürren Fakten und Zahlen, vielleicht Grundlage für eine Anzeige, die, wenn wir Glück haben, Monate später ein geringes Bußgeld zur Folge hat. Und dazwischen die Erinnerung an die kleinen Gesichter hinter den Lüftungsschlitzen..
Cornelia Hofaichner, Hannelore Jaresch
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