Sie befinden sich hier: Home >> Info Center >> Magazin Tierrechte >> »tierrechte« Mai 2000 (2.00 - Nr. 12)
Info Center
Aktuelles
Infosammlung
Magazin Tierrechte
Über uns

Die fünf zuletzt besuchten Seiten:
> »tierrechte« Mai 2000
> Neue EU-Tierversuchs-Richtlinie: Arbeitsgruppe einseitig?
EU-Ombudsmann nimmt Untersuchung auf

> 31 Tiger in Gefahr - Sie können helfen!
> Zoo Magdeburg tötet Tigerbabys
> Tierrechtler wollen Tigertötung verhindern

 

Einfach eMail Adresse eingeben und auf den Pfeil klicken. Falls Sie ein bestehendes Abo kündigen möchten, klicken Sie bitte hier: [>]

 

Einfach Stichwort eingeben und auf den Pfeil klicken. Eine erweiterte Suchfunktion finden Sie hier: [>]

/infocenter/magazin/2-01
Ausgabe
Artikel
»tierrechte« Mai 2000

Seite 8: Veterinärmedizinische Dissertationen unter der Lupe


Hauptsache Dr. med. vet.

Tierärzte sollten als »die berufenen Tierschützer« zu besonders verantwortungsbewusstem Handeln gegenüber Tieren verpflichtet sein. Die Realität sieht allerdings oft ganz anders aus. Für den Erwerb eines akademischen Titels geht so mancher Tierarzt über Leichen - Tierleichen.

Um den Anteil der Dissertationen mit tierexperimentellem Inhalt an der Gesamtzahl der Doktorarbeiten ermitteln zu können, wurden insgesamt 1 534 in den Jahren 1996 bis 1998 veröffentlichte veterinärmedizinische Dissertationen aller fünf bundesdeutschen Fakultäten - Berlin, Gießen, Hannover, Leipzig und München - ausgewertet. Damit dürften fast alle Arbeiten abgedeckt sein. Für die nicht in unserer Datenbank erfassten Dissertationen wurden z.T. Patiententiere verwendet, ohne ihnen Schaden zuzufügen, sowie tote Tiere, die nicht eigens zu diesem Zweck getötet worden waren. Auch Untersuchungen an »Schlachthofmaterial« sowie Literaturarbeiten und Datenrecherchen wurden hierzu gezählt. Der Anteil von Arbeiten mit tierexperimentellem Inhalt betrug 32 % (493 Arbeiten). In Leipzig waren prozentual die meisten Arbeiten mit Tierversuchen zu verzeichnen, nämlich 36 %; in Hannover waren es 35 %, in Gießen 34 %, in München 31 % und in Berlin 26 %.

40 000 Tiere in Versuchen verwendet
In den 493 Arbeiten kamen mindestens 39 463 Tiere zum Einsatz. Zum Teil ging die Tieranzahl nicht klar aus den Beschreibungen hervor und somit war nicht einmal eine Schätzung möglich. Daher liegt die tatsächliche Zahl der Tiere in jedem Fall höher. Etwa 67 % der verwendeten Tiere überlebten die Versuche nicht. Eine Aufschlüsselung nach Tierarten ergab folgendes Bild: Die zahlenmäßig am stärksten eingesetzte Tierart war mit 8 222 Tieren (21 %) die Ratte. Es folgten 5 485 Mäuse (14 %), 4 663 Kaninchen (12 %) und 4 593 Schweine (12 %).

Große Schmerzen und Leiden bei zwei Dritteln der Tiere
Um einschätzen zu können, auf welche Weise die Tiere für die Versuche gelitten haben, erfolgte für die 493 Arbeiten eine Einteilung in Kategorien. Geringgradige Eingriffe an Versuchstieren, wie z.B. Fütterungsversuche, machten 13 % (67 von 493) der Versuche aus. Sie bedeuteten in der Regel - abgesehen von der allgemeinen Problematik der Haltung und Züchtung von Versuchstieren - keine erheblichen Leiden der Tiere. Tiertötungen z.B. zur Organentnahme sowie Operationen, aus denen das Tier nicht mehr erwacht, sind zwar nur mit wenig Schmerzen verbunden, doch erleiden die Tiere einen der größten Schäden, die einem Lebewesen zugefügt werden können - den Tod. Einundzwanzig Prozent der ausgewerteten Dissertationen fielen in diese Kategorie. Weit mehr als die Hälfte der Experimente (324 = 66 %), waren mit erheblichen Schmerzen und Leiden für die Tiere verbunden. Hierzu zählen Operationen mit anschließendem Erwachen der Tiere, Infektionsversuche, Verabreichung von Giften oder anderen Substanzen, Krebsversuche sowie gentechnologische Experimente.

Noch mehr Milch, Fleisch und Eier
Weiterhin wurden die Dissertationen Bereichen zugeordnet. Unter den häufigsten vier waren Reproduktionsmedizin (44 Arbeiten = 8,9 %) und Tierernährung (36 Arbeiten = 7,3 %). In diesen Bereichen werden Arbeiten durchgeführt, denen ein rein wirtschaftliches Interesse zugrunde liegt. So geht es in der Reproduktionsmedizin darum, Tiere zu züchten, die in noch kürzerer Zeit noch mehr Fleisch, Milch und Eier liefern. In einer Arbeit zur Tierernährung sollte erforscht werden, inwieweit Milchkühen verdorbenes Futter gegeben werden kann. Die Autorin stellt fest, dass die Tiere weniger Nahrung aufnehmen, wenn ausschließlich stark verdorbenes Futter angeboten wird. Darauf hätte sie auch ohne Tierversuche kommen können.

Welches Organ wächst bei Enten am schnellsten?
Eine Reihe von Dissertationen beschäftigt sich mit dem Wachstum von Körpern bzw. Organen bestimmter Tierrassen. Zu diesem Zweck werden oft Hunderte von Tieren getötet. Entsprechende Arbeiten finden sich z.B. zu Meerschweinchen, Enten verschiedener Altersstufen und Rassen, Hausschweinen etc.. Wofür die Erkenntnisse genutzt werden sollen, ist unverständlich. Offensichtlich braucht es keine schwerwiegenden Gründe, um das Töten von Tieren zu rechtfertigen. Dem Ideenreichtum zu der Frage, welche Kombination und welcher Vergleich noch interessant sein könnte, scheinen keine Grenzen gesetzt.

Alles schon gehabt
In einigen Arbeiten wird längst bekanntes Wissen »nachvollzogen«. Eine Autorin vergleicht und bestätigt die Nebenwirkungen zweier in der Humanmedizin seit langem eingesetzter Medikamente. Einhundertachtzig Ratten leiden und sterben für diese Versuche.
Ein weiteres Beispiel: Kombinationen verschiedener Injektionsanästhetika werden an 29 Kaninchen getestet. Diese Kombinationen werden in der Praxis bereits seit Jahren bei Kaninchen verwendet. Zu welchen neuen Erkenntnissen die Autorin bei ihrer Arbeit kommen wollte, bleibt schleierhaft.

Ist eine Dissertation ohne Tierversuche weniger wissenschaftlich?
Bei einer Anzahl von Dissertationen wird man den Eindruck nicht los, dass manch ein Doktorvater die Meinung vertritt, zu einer wissenschaftlichen Arbeit gehörten zwingend auch Tierversuche. Eine Autorin untersucht zunächst Diskusfische, die wegen Kiemenschädigungen nach Überdosierung eines Parasitenmittels in die Klinik gebracht worden sind. Vor dem Hintergrund, dass in der Aquaristik viel Missbrauch mit diesem Mittel getrieben wird, soll mehr über dessen Auswirkungen herausgefunden werden. Bis hierhin erscheint die Arbeit sinnvoll. Dann folgen Versuche mit mindestens 79 gesunden Diskusfischen, von denen ein Teil mit dem Parasitenmittel behandelt wird, der andere zur Kontrolle unbehandelt bleibt. Letztere sterben aufgrund unzureichender Haltungsbedingungen an Parasitenbefall, die anderen werden in bestimmten Abständen getötet. Die Autorin bemerkt zum Abschluss der Arbeit, dass das Medikament starke Kiemenschädigungen hervorruft, die die Kiemenfunktion und damit das Wohlbefinden der Fische beeinträchtigen. Hat sie das nicht auch schon vorher gewusst?

Grausame und sinnlose Versuche
Einige Doktoranden schrecken offensichtlich nicht davor zurück, auch schwerste Schmerzen und Leiden der Versuchstiere in Kauf zu nehmen. Bei Schafen wird ein sogenanntes »multiples Organversagen« durch Einspritzen von Bakterien in die Blutbahn, Spülung der Lungen, Blutentzug und Infusion sowie Bohren eines Loches in den Oberschenkelknochen simuliert. Diese Maßnahmen werden zwar in Narkose ausgeführt, die Auswirkungen jedoch müssen die Tiere anschließend bei vollem Bewusstsein erleben. Nach 12 Tagen werden sie getötet. Bei der anschließenden Untersuchung wurden hochgradige Veränderungen aller Organsysteme festgestellt, schwere Entzündungen der Gelenke und Blutgerinnsel, die die Blutgefäße teilweise verschließen. Die Leiden der Schafe kann man sich nur vorstellen, die Symptome werden in der Arbeit nicht einmal beschrieben.
In gleich mehreren Arbeiten werden Hündinnen vor der Trächtigkeit mit verschiedenen Würmern infiziert. Ihre Welpen werden ab dem 28. Lebenstag einzeln in Drahtkäfigen auf Gitterrost gehalten. Nicht nur, dass die gerade einmal vier Wochen alten Tiere unter dem Entzug jeglicher mütterlicher Wärme und Zuwendung leiden, die meisten von ihnen erkranken zudem schwer an der Wurminfektion. Mit Symptomen wie blutigem Durchfall, Erbrechen, Abmagerung und Austrocknung werden sie schließlich im Endstadium der Erkrankung eingeschläfert. All diese Leiden werden den Tieren zur Erprobung eines Medikaments zugefügt, obwohl es bereits eine ausreichende Anzahl wirksamer Wurmmittel gibt.

Berufene Tierschützer?
Schwerste Schmerzen, Leiden und Schäden - und Binsenweisheiten als Ergebnisse? Die Liste der Beispiele ließe sich beliebig fortsetzen. Beim Erwerb des begehrten Titels wird von manchem Tierarzt die Verantwortung für die Tiere bei eigenem tierärztlichem Handeln offensichtlich des öfteren außer Acht gelassen. Wir sind weit davon entfernt, alle Doktoranden zu verurteilen, dennoch ist es bei der Durchsicht der Dissertationen auffällig, wie häufig Tierschutzaspekten anscheinend keinerlei Bedeutung zugemessen wird.

Martina Kuhtz, Corina Gericke


Lesen Sie auf der nächsten Seite:
Randnotizen zum Protokoll einer Tiertransport-Begleitung
Menschen für Tierrechte - Bundesverband der Tierversuchsgegner e.V.
Diese Seite generiert am 3. September 2010
impressum
kontakt
sitemap
suchen